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DAS UHRENSTELLINSTITUT: Darf ich an Ihrer Uhr drehen?

Uhr am Wrigley Building, Chicago, Foto: Nathanmac87 Creative Commons BY 2.0


PJ liest „Das Uhrenstellinstitut“ von Ahmet Hamdi Tanpinar

Was ist das für ein Buch? Ein orientalisches Märchen? Eine Sozial-Reportage über die Türkei der 20er Jahre? Eine Persiflage über Modernisierungsbemühungen am Bosporus? Ein soziologisches Portrait des damaligen Familienlebens?

Das Uhrenstellinstitut, mit freundl. Genehmigung von HanserVon allem etwas und doch ganz anders. Dieses Buch entstand 1962 und der Ich-Erzähler Hayri Irdal beschreibt seine sehr bescheidenen Lebensumstände, in denen er einerseits versucht, sich irgendwie über Wasser zu halten und wie andererseits seine Familie, die Freunde, Umstände ihm das Leben schwer machen.

Immer wieder wird kurz das Uhrenstellinstitut erwähnt und ich wurde immer neugieriger, was es damit auf sich hat; aber ich mußte mich gute 200 Seiten gedulden, bis sich dieses Thema allmählich entwickelte. Bis dahin konnte ich auf dem orientalisch gewundenen Erzählweg durchaus einige kuriose, aber auch weise Sentenzen lesen.

„So ist es immer. Ereignisse geraten nicht von selbst in Vergessenheit. Sie werden stets von anderen Ereignisse verdrängt, die die Auswirkungen der ersteren abmildern und diejenigen reinwaschen, die daran Schuld tragen.“

Oder diese:

„Wenn man liest, was in den Büchern steht, oder hört, was die Menschen selbst von sich behaupten, dann könnte man meinen, das Eigentliche am Menschen sei die Vernunft, und genau darin unterscheide er sich von den anderen Tieren. Er gebietet damit über das Leben, wie es so schön heißt. Untersucht man aber das Leben der einzelnen Menschen, so findet man vom Einwirken dieser phänomenalen Vernunft plötzlich keine Spur mehr.“

Eines steht fest: Hayri Irdal hat eine Passion. Denn er wurde – eigenen Worten zufolge – erst dann geboren, als er eine eigene Taschenuhr bekam. Von diesem Zeitpunkt an rückte alles andere in den Hintergrund. Allerdings erhielt er das Wunderwerk der Zeitmessung in frühem jugendlichen Alter …

„Kann man in jenem Alter eine Uhr bekommen, ohne neugierig zu sein, wie es drinnen aussieht? … Muss eigens erwähnt werden, daß nach ein paar Wochen das Geschenk meines Onkels aus nichts anderem mehr bestand als einem Haufen teils verrosteter, teils noch blanker Metallteile, mit denen nichts mehr anzufangen war, und schon gar nicht das Messen der Zeit? Mir sind aus dieser Erfahrung zwei Dinge geblieben: zum einen der Hang, jedwede Uhr auseinanderzunehmen und zu untersuchen, und zum anderen ein Desinteresse an allem, was mit Uhren nichts zu tun.“

Er bleibt sitzen und schafft die Schule nur deshalb, weil er weg bleibt und so die Lehrer – die ihn sowieso zum hoffnungslosen Fall abgestempelt haben – seine Fehler nicht sehen….
Seine Uhrenpassion macht ihn zum Fachmann, aber er kommt auf keinen grünen Zweig, er muß alles versetzen, was Geld bringt, er wird zu einem Bettler; auch wenn er täglich im Kaffeehaus mit ähnlich Abgestürzten einen Schein von normalem Leben aufrecht zu halten versucht.

Die Wende ergibt sich, als er Halit Ayarci trifft, dem er mit einer defekten Uhr helfen kann. Auf der anschließenden Fahrt in ein Restaurant stellen sie fest, daß keine öffentliche Uhr nur annähernd die korrekte Zeit zeigt. Die Geschäftsidee für „Uhrenstellinstitut“ ist geboren. Ayarci stampft mit dieser Idee und seinen weitreichenden Beziehungen eine neue Behörde aus dem Boden. Deren Abteilungen haben eigentlich nichts zu tun, aber es klingt pompös und modern. In der Stadt stellen freundliche Hostessen an bestimmten Punkten hilflosen Passanten deren Armbanduhr auf die korrekte Zeit ein. Ayarci gibt selbst zu, daß ihr Riesenprojekt ein Popanz ist.

„Mein lieber Freund, das Arbeiten ist erst nach uns auf die Welt gekommen. Eine Arbeit wird von dem erfunden, der sie dann erledigt. Und wir haben eben diese Arbeit erfunden. …“

So wächst das Uhrenstellinstitut immer weiter, es braucht immer mehr Angestellte – die übrigens zu großem Teil aus der Verwandtschaft der beiden Direktoren angeworben werden. Ein Neubau wird nötig, internationale Dependancen entstehen. So schreitet man zusammen mit der restlichen Türkei mutig, visionär und vorbildhaft in Richtung Moderne.

Es ist schwer, sich von den skurrilen Beschreibungen, den erzählerischen Wendungen und dem orientalisch-weitschweifigen Text zu lösen. Wer sich damit angefreundet hat, daß Tanpinar 1962 so völlig „unmodern“, zirkulär und weitschweifig daherkommt, der wird seinen Lesespaß haben. Die anderen werden mit diesem fliegenden Textteppich wohl nicht abheben.

Ahmet Hamdi Tanpinar
Das Uhrenstellinstitut
Roman
Übersetzt aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Nachwort von Mark Kirchner
Hanser Verlag, 430 Seiten
ISBN : 978-3-446-25714-6


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Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)