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Im Auftrag des Königs

Podcast 50
Christopher über Steve Colls „Die Bin Ladens“

Namen sind wie Schall und Rauch. Brennende Bürotürme, Schreie entsetzter Menschen – seit dem 11. September 2001 steht der Name Bin Laden für Terror und Tod. Osama Bin Ladens Anschlag auf das World Trade Center zerstörte nicht nur ein Symbol, er zerstörte auch ein Beziehungsgeflecht, dass von Washington über Jerusalem bis nach Riad reichte und jahrzehntelang den Bin Ladens Einfluss und Wohlstand gewährte. Jenseits seiner politischen und wirtschaftlichen Bedeutung, stellt der „nine-eleven“ somit auch eine familiäre Katastrophe dar. In seinem Buch „Die Bin Ladens“ zeichnet Steve Coll den Aufstieg und Fall dieser Familie nach.

Bereits in der Vergangenheit hat sich der zweifache Pulitzer-Preisträger Steve Coll mit der weltpolitische Rolle des Mittleren Ostens befasst. So beschäftigte er sich bereits 2004 mit seinem Buch „Ghost Wars: The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001“ mit der Unterstützung der Taliban durch die USA und dem Engagement der Familie Bin Laden in dieser Region. Ein Schwerpunkt Colls, der zur Zeit als Managing Editor bei der Washington Post arbeitet, stellte die Unterstützung des islamischen Fundamentalismus als Instrument der amerikanischen Aussenpolitik gegenüber der Sowjetunion dar. Diese Strategie hatte allerdings einen Schwachpunkt: Der finanziellen und materiellen Unterstützung des islamistischen Widerstandes in Afghanistan stand eine weitgehend unkontrollierbare Eigendynamik dieser Gruppen gegenüber. Wählte Coll in seiner 2004 erschienen Publikation einen eher außenpolitischen, aktuellen Blickwinkel, so vollzieht er in der Familienbiographie „Die Bin Ladens“ nun einen Perspektivwechsel und konzentriert sich auf die innerarabischen Entwicklungen. Wie kaum eine zweite arabische Familie haben die Bin Ladens hier eine Schlüsselposition inne.

Der Aufstieg der Familie Bin Laden ist eine Mischung aus orientalischem Märchen und amerikanischem Traum. Nicht mal ganz zwölf Jahre alt verlässt Mohammed Bin Laden seine jemenitische Heimat, um zunächst in Äthiopien später dann in Saudi-Arabien zu arbeiten. Arbeitsmigration hat Tradition im Jemen: Kinder verlassen schon früh ihre Heimat und werden von jemenitischen Auswanderern weitervermittelt. Ähnlich wie seine Altersgenossen verrichtet Mohammed zunächst Arbeiten, die von den saudischen Beduinen abgelehnt werden. Doch er hat einen Vorteil, er ist geschickt und motiviert und hat die Zeit auf seiner Seite.

Der Aufstieg Bin Ladens und der Aufstieg Saudi-Arabiens sind eng miteinander verknüpft. Öl, Macht und Religion werden zu den Wegweisern auf Bin Ladens Weg zum Erfolg. Der Siegeszug des Öls, der Machtanspruch der Königsfamilie Saud und die Notwendigkeit, den wahabitschen Einfluss zu kontrollieren, eröffnen dem Dynastiegründer Mohammed beinahe unbegrenzte Möglichkeiten. Eine weiterer wichtiger Trumpf sind die Amerikaner. Bereits in den 30er Jahren entdecken amerikanische Firmen den Wert des „Schwarzen Goldes“ und erhalten den Zuschlag bei wichtigen Bauprojekten. Mohammeds Kontakte und Amerikas Bauprojekte ergänzen sich. Zunächst profitiert Bin Laden vom Outsourcing, doch schon nach kurzer Zeit baut er selbst. Straßen, Paläste und Kasernen, Mohammeds arabische Herkunft und seine enge Bindung ans Königshaus zahlen sich aus. Und selbst sein plötzlicher Tod beendet den Siegeslauf der Familie nicht. Für das saudische Königshaus sind die Bin Ladens nicht nur eine Bauherren-Dynastie, sie sind ein nationales Vorzeigeobjekt mit strategischer Bedeutung. Als Muslime übernehmen sie religiöse Bauprojekte in Mekka, Medina und Jerusalem, als Araber organisieren sie den Aufbau einer modernen Infrastruktur und als Unternehmer halten sie den Kontakt zum Westen.

Unter Mohammeds Sohn und Nachfolger Salem verstärkt sich die Westbindung der Familie. In England erzogen, in Saudi-Arabien sozialisiert, verkörpert sich in Salem der Widerspruch der Familie ebenso wie der des Staatswesens. Luxus und Gottesfurcht, wahabitische Tradition und Ölreichtum – eine Zeit lang kaschieren die Angst vor dem Kommunismus und die Bedrohung durch den Nationalismus Nassers diesen Widerspruch. Der materielle Reichtum der Familie sowie des Königshauses ermöglichen den Ausgleich der Extreme. Nach innen unterstützt die Familie Bin Laden die Politik des saudischen Königshauses mit dem Bau sozialer Einrichtungen sowie durch die Errichtung eines modernen Telefonnetzes. Nach außen helfen Salems Kontakte Saudi-Arabien wirtschaftlich und politisch zur Drehscheibe der amerikanischen Außenpolitik zu werden.

Ein weitere Möglichkeit, um innenpolitischen Druck abzubauen und religiöse Standhaftigkeit zu demonstrieren, ergibt sich durch den Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan. Die russische Aggression gegenüber dem Nachbarland hilft sowohl Saudi-Arabien als auch den Bin Ladens die zunehmende Aufgeschlossenheit gegenüber fundamental-islamischen Positionen zu kanalisieren. Salems ausgeprägte Amerikabegeisterung ist nicht repräsentativ, andere Familienmitglieder teilen diese nicht. Stattdessen rückt für sie, wie der Fall von Salems Halbruder Osama verdeutlicht, das islamische Glaubensbekenntnis gepaart mit antiamerikanischen Ressentiments in den Vordergrund. Afghanistan bietet die Möglichkeit diese Gefühle auszuleben und wird für Osama Bin Laden zum Ausgangspunkt einer islamischen Revolution.

Krieg führt zur Radikalisierung und damit zur Entfremdung vom Frieden. Eine Entfremdung, die auch für Osama nach dem Abzug der roten Armee aus Afghanistan spürbar wird. Salems unerwarteter Tod hinterlässt ein familiäres, das Kriegsende ein politisches Vakuum. Während der Rest der Familie in die Normalität des saudischen Alltags zurückkehrt, sucht Osama nach neuen, militanten Betätigungsfeldern. Finanzielle Potenz und radikaler Eifer machten den Aufbau von Trainingslagern und die Unterstützung von Terrorzellen in Afghanistan und dem Sudan möglich. Die Kluft zwischen Osama und dem Rest der Bin Ladens aber auch gegenüber dem saudischen Königshaus vergrößert sich. Eine Entwicklung die, durch die Besetzung Kuwaits und den darauf folgenden zweiten Golfkrieg, beschleunigt wird. Der Verlust der saudischen Staatsbürgerschaft und den Ausschluss Osamas aus der Familie sind die Folge.

Während sich Osamas Radikalität immer weiter steigert und in den Horrorszenarien des 11. September ihren grausamen Höhepunkt findet, bemüht sich die Familie die traditionellen Beziehungen zum Königshaus und zu den Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten. Ein Unterfangen, das im Laufe der nächsten Jahre, dank des wachsenden Misstrauens der USA gegenüber Osamas Verwandtschaft, immer schwieriger werden sollte und nach den September-Ereignissen des Jahres 2001 in einem regelrechten Exodus der in den USA lebenden Bin Ladens gipfelt. Doch allem Misstrauen und familiärer Schande zum Trotz erweist sich das saudische Königshaus vor allem auch in den Jahren nach 2001 als ein sicherer Verbündeter und ihr Königreich als ein verlässliches Refugium der Bin Ladens.

Colls Bin Laden Biographie beeindruckt. Sie beeindruckt sowohl von der Rechercheleistung des Autors, als auch von der inhaltlichen Verschränkung von historischem und biografischen Fakten. Die Akribie des Autors erstreckt sich nicht nur auf die Auswertungen von Flugprotokollen, Tagebüchern, oder Steuererklärungen – sie entwickelt auch ein historisches Panorama. Lebensumstände einzelner Familiemitglieder erhalten so bei aller orientalischen Fremdartigkeit eine persönliche Note, die sie von dem Namensgeber des modernen Terrorismus emanzipiert. Insbesondere Salem, das früh verstorbene Familienoberhaupt der Bin Ladens, erscheint unter diesem Gesichtspunkt als stabilisierender Gegenentwurf zu Osama. Überzeugend gelingt es Coll auch das enge, beinahe symbiotische Verhältnis der Bin Ladens zum Königshaus und seinem religösen Umfeld darzustellen. Grundlage hierfür ist ein Beziehungsgeflecht das, trotz aller Modernisierung, vor allem durch persönliche Nähe, familiäre Tradition und politische Loyalität am Leben erhalten wird. Ein für den institutionengläubigen, westlichen Leser ebenso faszinierendes wie gewöhnungsbedürftiges Gesellschaftsmodell.

Steve Coll
Die Bin Ladens
Eine arabische Familie

DVA
ISBN 978-3-421-04354-2
24,95 Euro

Ein Beitrag von Christopher Henkel
Sprecherin: Sandra Hochhuth