Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„… in einem bequemen Sessel bei perfektem Licht das perfekte Buch …“

Prof Pu empfiehlt: „Die Nachtbibliothek“ von Audrey Niffenegger

„Was würde man opfern für einen Nachmittag in der Ewigkeit, in dem man in einem bequemen Sessel bei perfektem Licht das perfekte Buch liest, endlos?“

So sinniert Audrey Niffenegger, deren „Frau des Zeitreisenden“ für mich auch zu den perfekten Büchern zählt, im Nachwort zu ihrer Graphic Novel über die „Nachtbibliothek“.

Alexandra streift nach einem Streit mit ihrem Freund durch die stillen Straßen Chicagos und trifft auf einen Bücherbus, aus dem laut „I shot the Sheriff“ schallt und der angefüllt ist mit allem, was sie jemals gelesen hat. Nicht nur ihre Bücher, jeder Werbeprospekt, jedes Tagebuch, Fotoalben, einfach alles. Sie ist fasziniert von der Nachtbibliothek, geöffnet von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, und deren Bibliothekar, Robert Openshaw. Inständig bittet sie um Ausleihe. Leider nicht möglich, und da geht auch schon die Sonne auf und sie wird gebeten, auszusteigen.

Mr. Openshaw startete den Motor und schaltete die Musik ein.
„Holiday in Cambodia“ plärrte es aus den Lautsprechern. Ich fragte mich, ob der Bücherbus auch alles beherbergte, was ich jemals gehört hatte.

Alexandra kann nicht aufhören, Nacht für Nacht nach dem mysteriösen Bücherbus zu suchen, sie verliert darüber ihren Freund. Er kann nicht glauben, was sie da nachts tut, und sie kann es ihm nicht erklären.

Ich las jetzt bei jeder Gelegenheit. In der Bahn, während der Mittagspause, bei jeder Mahlzeit las ich. Ich freute mich darauf, irgendwann jedes Buch in den Regalen der Nachtbibliothek zu finden. Ob Mr. Openshaw von meiner Auswahl und meiner Hingabe beeindruckt war?
Wie eine Schwangere, die für zwei isst, las ich für mich und den Bibliothekar.

Neun Jahre dauert es, bis sie den Bücherbus wiederfindet. Innen wirkt er jetzt noch viel größer. Sie hatte ja auch sehr viel gelesen in den letzten Jahren. Unbedingt will sie für die Zentralbibliothek arbeiten, doch dort gibt es laut Mr. Openshaw keine freien Stellen.

Sie besucht die Bibliothekarsschule und wird später sogar Bibliotheks-Direktorin, doch sie hat nur einen Wunsch – in der Nachtbibliothek zu arbeiten. Es gelingt ihr, zu einem sehr hohen Preis …

Die Nachtbibliothek – ein weiteres Buch für meine feine kleine Sammlung „Bücher über Bücher“. Im Grunde ist es eine Art bebilderte Abwandlung des Borges-Zitats: „Ich habe mir immer das Paradies als eine Art Bibliothek vorgestellt.“

Ein traurig-schönes, schön-trauriges Buch. Eine melancholische Liebeserklärung ans Lesen und an das Leben, eine Warnung vor zu viel Eskapismus, zu viel Besessenheit. Trotzdem eine Ermunterung, Träume nicht aufzugeben, vor allem jedoch, auf sie zu achten …

Text und Podcast stehen unter einer Creative Commons-Lizenz.
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken

Audrey Niffenegger
Die Nachtbibliothek
Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit
Graf-Verlag € 14,99
978-3-86220-033-7