Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Hendriks 1999: ein Kinojahrgang auf dem Prüfstand

Ab mit der Liste der Filme aus 1999 in die Badewanne, und eine etwas aufgeweichte halbe Stunde später weiß ich: Ich erinnere aus 1999 knapp vierzig Filme, und darunter sind sogar fünf Höchstwertungskandidaten!

AU WANGE!
Aber fangen wir hinten an, mit der Kategorie „Wo bitte kann ich mir die solcherlei vergeudete Lebenszeit erstatten lassen?“:

Allen hintan setze ich „Die Muse“ und „Message in a Bottle“, beides Filme, die ein Mann wohl überhaupt nur unter Androhung von Kuschelentzug anschaut, und wir waren wohl außerdem gerade eingeschneit, jedenfalls kam ich nicht zeitig weg. Wenn es irgend geht: meiden! „Notting Hill“ und „Mickey Blue Eyes“ komplettierten/zementierten ungefähr zeitgleich meine Hugh Grant-Allergie.
„Das Geisterschloss“ mit Liam Neeson erwies sich als völlig überflüssiges und missratenes Remake einer genialen Verfilmung („Bis das Blut gefriert – The Haunting“, 1963) eines guten Buches („Hill House“) von Shirley Jackson. Ach ja, und von dem Indianerstreifen „Grey Owl“ erinnere ich nur noch, den bezopften Pierce Brosnan für eine völlige Fehlbesetzung befunden zu haben, er hat mich also auch sonst offenbar nicht gerade umgehauen.

Letzter Film in dieser unteren Schublade: „Stuart Little“. Mit Letzterem wäre ich womöglich gnädiger, wenn mich meine Trickfilmaversion nicht erst Jahre später schrittweise verlassen hätte, aber in 1999 hatte er da schlicht Pech.

MINUS AUF DEM WEG ZU PLUS
Die nächstbessere Filmkategorie wäre dann wohl „Ach, da hätte ich lieber die alte Star Trek-Serie zum 43. Mal gesehen“: Auch auf die Gefahr hin, dass mich einer haut, diese Kategorie eröffne ich mit „Eyes Wide Shut“, denn es ist mir bis heute nicht gelungen, diesen qualitativ gewiss hochwertigen Film bis zum Ende durchzustehen. Die Summe aus für mich eher uninteressanter Handlung, kryptischer Befindlichkeiten und mir nur sehr bedingt sympathischen Hauptdarstellern kann offenbar bis heute auch ein Kubrick nicht ausgleichen.

Die Stephen King-Verfilmung „The Green Mile“ mit Tom Hanks habe ich mir tatsächlich gerne einmal angesehen, allerdings unter Betonung von EINmal. „Die Mumie“ – ebenso. Den halbherzigen Mysterythriller „Die Neun Pforten“ konnte mir auch Johnny Depp nicht recht schmackhaft machen. „Payback“ – noch so ein Bierchenfilm, der sich mit einem Mal ‚weggeguckt‘ hat.
Zuletzt: „Die Thomas Crown-Affäre“, der halbwegs unterhaltsam beweist, dass Pierce Brosnan Steve McQueen nicht ersetzen kann.

NA GUT, PLUS
In der Kategorie „Kann, aber nicht Muss“ führe ich „Durchgeknallt“, einer der wenigen Filme, in denen mich Angelina Jolie überzeugen konnte. „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ und „Mansfield Park“ erwiesen sich als adäquate, wohldosiert-herzerwärmende Literaturverfilmungen.

1999 weist ferner zwei Shakespeare-Verfilmungen auf – den anstrengenden, monumental-düsteren „Titus“, der mit beeindruckenden Bildern nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass „Titus Andronicus“ schlicht nicht das beste Stück Shakespeares ist, sowie den prominent besetzten, eine Spur zu lockerflockig inszenierten „Sommernachtstraum“, von dem ich sicher mehr erinnern würde, wenn das nicht der erste Film gewesen wäre, den ich im Kino mit meiner Liebsten geschaut habe, und da ist man mit den Gedanken einfach woanders.

„Die Welt ist nicht genug“ (schon wieder Brosnan), „Sleepy Hollow“ und „Wild Wild West“ – weitere EINmal sehenswerte Edel-B-Movies. „Best Laid Plans“ mit Reese Witherspoon empfand ich als ordentlich gemachten, unterhaltsamen ‚kleinen‘ Thriller mit etwas aufgesetztem, aber wirklich überraschendem Ende. „Dogma“ – edel besetzte, herrlich respektlose Religionskomödie, die ich mir, glaube ich, demnächst nochmal ansehen mag, und sei es nur, um nochmal zu erleben, wie schön Alan Rickman schimpft.

Zuletzt hier noch die beiden Filme, die für andere evtl. die Höhepunkte des Kinojahres 1999 waren – aber für mich leider nicht: „“Star Wars – Dunkle Bedrohung“ und „Matrix“. Dass ich großer SF-Film-, aber nur sehr bedingt Star Wars-Fan bin, habe ich wohl mittlerweile oft genug erwähnt, das berühmteste Fantasy-in-SF-Klamotten-Konzept aller bisherigen Zeiten funktioniert für mich einfach nicht. Und warum siedelt sich „Matrix“ bei mir nicht höher an, trotz der sympathischen Erinnerung, ihn erstmals umgeben von gutgelaunten biertrinkenden schottischen Jugendlichen im Kino in Stirling gesehen zu haben? Dazu komme ich noch.

JOU, GUTE WAHL!
Jetzt kommen die Titel, bei denen ich mich schon eindeutig nicken sehe. „The Blair Witch Project“ ist womöglich einer dieser Filme, die womöglich nur beim ersten Mal anschauen tiefwirken können, und bei mir hat er das damals – immerhin 1x – wirklich geschafft. Es war mein erster Film mit subjektiver Kamera, und einer meiner ersten Horrorfilme überhaupt (mit dem Genre hab‘ ich’s nicht so), und ICH hätte in der Nacht danach NICHT im Wald gezeltet.

Auf ganz andere Art überzeugte mich die tragikomische Verfilmung von Frank McCourts „Die Asche meiner Mutter“ (remember: „… im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geizes“?), eine gelungen ins Filmische gerettete sinnliche Wucht von einem Erzählziegel.

Auch tragikomisch, jedoch um einiges skurriler kommt „Being John Malkovich“ daher, definitiv einer dieser Filme, die einen entweder sehr befremden oder völlig umhauen. Wenn man auf schräg in die Konventionen sägende Filme steht, kann einem aus 1999 kaum Besseres begegnen.

„Der talentierte Mr. Ripley“ ist eine ziemlich gut gelungene Highsmith-Verfilmung, und das Trio Damon-Paltrow-Law liefert eine souveräne Glanzleistung ab. Ebenfalls von bestem Schauspielkönnen getragen kommt „Insider“ (Crowe-Pacino) daher, der thematisch mit dem bekannteren „Thank You for Smoking“ eng verwandt ist, aber seine Geschichte wesentlich ernster und authentischer erzählt.
Der epische „Der Kaiser und sein Attentäter“ von Kaige Chen ist ein seriöses japanisches Historiendrama, das mir trotz recht hölzerner Synchronisation sehr gut gefallen hat. Das Episodendrama „Magnolia“, das parallel die Geschichte einiger jeweils an ihren Schicksalen zerbrechender Menschen erzählt, beeindruckt ebenfalls.

Zuletzt in dieser Kategorie: „Three Kings“. Ich habe bis heute nicht rausgefunden, ob der Film bewusst als Actionkomödie beworben worden war, um genau die Leute ins Kino zu kriegen, denen es womöglich guttat, mal ein wenig von dem zu sehen, was ein Krieg wirklich bedeutet. Der Film beginnt nur als Actionabenteuer, wandelt sich jedoch abrupt zum ernsthaften Kriegsdrama, und diesen gelungenen Genresprung rechne ich den Machern hoch an.

MEINE FÜNF FAVORITEN
Aber nun zu den fünf Filmen aus 1999, bei denen bei mir sämtliche Empfehlungsdaumen hochgehen – eine Reihenfolge will ich aufgrund der Verschiedenheit der Filme nicht aufzwingen:

DER VERBLÜFFENDSTE: „The Sixth Sense“ ist ein Film, von dem man am besten gar nichts weiß, denn dann ist das Ende für den wachen Betrachter ein so völlig magisch-verblüffendes Kinoereignis, dass es lange nachhallen wird. Leider kann man solche Filme stets nur einmal zum ersten Mal sehen, und wenn man Pech hat, hat einem vorher schon einer das Falsche (bzw. das Richtige) darüber erzählt. Mein Tip: nix recherchieren, keine Klappentexte lesen, einfach schauen. Das hat auch Herr Shyamalan nie wieder so hingekriegt.

DER AMBITIONIERTESTE: Es scheint kaum glaublich, dass „American Beauty“ das Regiedebut von Sam Mendes war, denn dieses Drama ist bis ins letzte Detail so schmerzhaft folgerichtig, elegant und zwingend, dass dies eines der Werke ist, wo man sich unwillkürlich nachher fragt ‚Was kann da jetzt noch kommen?‘ Ich musste ihn zweimal ansehen, ehe sich die Intensität des Filmes bei mir einhaken konnte, aber dann war diese Wirkung nachhaltig. Würde ich meine Auswahl streng danach treffen, welcher Film der filmdramaturgisch vielleicht beste aus 1999 ist, würde ich wohl diesen wählen.

DER LUSTIGSTE: „Galaxy Quest“ schlägt alle anderen mir bekannten humoristischen SF-Parodien um Längen. Sowohl „Spaceballs“ als auch der „Krieg der Eispiraten“ und ganz besonders „(T)Raumschiff Surprise“ nehmen ihre Vorlagen nicht ernst – was eine gute Parodie jedoch tun muss. Sie schlachten sie stattdessen nur aus, um trivialen Klamauk daraus zu machen (von „Durchkämmt die Wüste!“ an noch weiter abwärts). „Galaxy Quest“ dagegen ist eine leichtfüßige Hommage an das Genre selbst und ihr Fandom (insbesondere Star Trek), Parodie und Liebeserklärung zugleich, und Sigourney Weaver, Tim Allen, Alan Rickman und Tony Shalhoub haben sichtlich extremen Spaß an der Sache. Ich auch, jedesmal wieder.

DER ERGREIFENDSTE: Mit „The Straight Story“ liefert David Lynch das mutmaßlich langsamstdenkbare Roadmovie ab, denn das Transportgefährt in dieser nach einer wahren Begebenheit erzählten Geschichte ist ein fahrbarer Rasenmäher. Mit diesem macht sich der todkranke alte Mann Alvin Straight eines Tages quer durch mehrere Bundesstaaten auf, um sich mit seinem ebenfalls todkranken Bruder zu versöhnen. Der Film lebt von seinem Hauptdarsteller Richard Farnsworth und der Magie der erzwungenen Langsamkeit seiner Reise, die immer wieder durch komische und tragische Begegnungen unterbrochen wird, zugleich auch immer Zeit lässt für weite Blicke über das Land – und das Leben hinweg. Sissy Spacek ist in ihrer Nebenrolle als Alvins geistig zurückgebliebene Tochter für mich privatoscarreif. Ganz klar einer meiner Lieblingsfilme überhaupt.

Zuletzt:

DER VIELSCHICHTIGSTE: Nein, „The 13th Floor“ ist nicht lediglich der bessere „Matrix“, denn obwohl beiden eine sehr ähnliche Grundidee zugrunde liegt, verfolgen sie völlig verschiedene Ziele. Im Unterschied zum Action-und-Comic-Stil von „Matrix“ ist „The 13th Floor“ primär als ruhiges und hochglanzpoliertes Science Fiction-Drama angelegt, das zwar seine Romanquelle („Simulacron-3“ von Daniel F. Galouye) auch recht frei interpretiert, die Vorstellung der Übereinanderschichtung von Realitätsebenen jedoch auslotet, ohne so tief in die pseudoreligiöse Mottenkiste zu greifen wie „Matrix“. Dennoch ist der Film ausgesprochen spannend – teilweise eher wie ein Kriminaldrama – inszeniert, und die hervorragende Besetzung (u.a. Armin Müller-Stahl) tut ein Übriges, ihn zu einem meiner klaren Favoriten zu machen.

Quelle: Hendrik Schulthe/SchönerDenken