Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Herr Mozart wacht auf

Prof. Pu empfiehlt : Herr Mozart wacht auf von Eva Baronsky

Irgendetwas stimmte nicht.

Gestern lag er noch auf dem Sterbebett, umgeben von Dr. Closset und Constanze. Heute morgen wacht er in einem fremden Zimmer auf, fühlt sich merkwürdig und vollkommen orientierungslos.

Er atmete schwer aus, zog den Kopf ein wenig zwischen die Schultern, sah sich nochmals um. Von gebratenen Tauben keine Rede, doch sein Verstand hatte sich ohnehin stets gegen diesen Pfaffenhumbug gesträubt.

Erst einmal sich Erleichterung verschaffen, in den Nachttopf neben dem Bett, das so gut nach einer Frau duftet. Er blickt sich um:

Neben ihm auf dem Tisch stand aufrecht ein eigentümlicher, flacher Kasten, wie ein blindes kleines Fenster oder ein Bilderrahmen ohne Gemälde darin. Dafür glomm an seiner Unterseite ein winziges grünes Licht. Argwöhnisch hielt er seinen Finger in einigem Abstand davor, das Licht strahlte weder Wärme aus, noch flackerte es. Rasch tippte er ein paarmal darauf, es leuchtete jedoch weiter ohne den lässlichsten Anschein von Respekt. Vor dem Kasten befand sich ein Brett, es mußte sich um ein Spiel handeln, denn es waren kleine Würfel darauf angeordnet, die das vollständige Alphabet sowie Ziffern und eine Menge Zeichen enthielten. Demjenigen, der es zuletzt bespielt hatte, war es wohl der Mühe nicht wert gewesen, alles wieder an seinen rechten Platz zu setzen; kein Buchstabe stand, wo er hingehörte. Er griff nach dem A, versuchte, es anzuheben und die gefügige Ordnung herzustellen, doch der Würfel ließ sich nicht herausheben, nur niederdrücken wie die Taste des Fortepianos. So war es … eine Klaviatur zum Schreiben? Er drückte nacheinander die Buchstaben W-O-L-F-G-A-N-G, doch ertönten keine Laute, nur ein monotones Klackern. Ratlos ließ er davon ab.

Zwei Männer haben den, wie sie glaubten, Zugedröhnten aufgelesen und mit in ihre WG genommen. Und wollen ihn auch so schnell wie möglich wieder loswerden, jedenfalls bevor ihre Mitbewohnerin auftaucht, in deren Bett sie ihn verfrachtet haben. Auf dem T-Shirt des einen Mannes steht AC/DC:

AC/DC. Er zwirbelte seine Augenbraue. Adorate, Cherubim, Dominum Cantu! Betet an, ihr Engel, den Herrn mit eurem Gesang. Ja, das mußte es sein. „Wie herrlich!“ Sofort war ihm ein Thema präsent, a-c-d-c, in a minor mußte es stehen, selbstredend leise begann er zu singen.

Er stellt sich vor und sie halten ihn, selbstredend, für einen verrückten Penner. Und verlangen von ihm, die Küche zu putzen. Da ergreift Wolfgang Amadé Mozart empört die Flucht. Und sein Abenteuer beginnt. Es dauert eine Zeit, bis er versteht, daß er eigentlich vor mehr als 200 Jahren gestorben sein soll; dass es keinen Sinn hat, den Menschen klarzumachen, wer er ist. Er ärgert sich darüber, dass man ihn Amadeus nennt, ist er doch auf Amadé getauft und amüsiert sich königlich beim Anblick von Mozartkugeln.

Kurzerhand legt er sich den Namen Wolfgang Mustermann zu, den er auf einer Werbung gelesen hat, ohne ihren Sinn zu verstehen. Auf der Straße lernt er einen polnischen Geiger kennen, Piotr, der ihn mit in seine Bleibe nimmt, weil er sofort das musikalische Talent dieses verrückten Vogels erkennt. Zusammen nehmen sie kleine Engagements an, Wolfgang verblüfft mit seinen Klavierspielkünsten. Musik beherrscht alles in ihm, sie ist sein innerer Halt. Er komponiert und tiriliert den ganzen Tag. Völlig fassungslos steht er vor Pjotrs Mechanikum mit den Silberscheiben und kann gar nicht mehr aufhören, sich all’ das anzuhören, was seine Nachfolger produziert haben, und sich darüber aufzuregen. Vor allem eines beschäftigt ihn: sein unvollendetes Requiem. Das der Banause Süßmayr vollendet hat.

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Am glücklichsten ist er, wenn er in der Jazzkneipe „Blue Notes“ am Klavier improvisieren darf. Das Publikum liebt ihn. Reich wird er davon nicht, seine unstete Arbeitsmoral, die Pjotr, den Fleißigen, schier in den Wahnsinn treibt, tut ihr Übriges. Mozart ist ein Geldverschwender, Pjotr ein Sparsamer.

Und die Frauen! Die Frauen in den blauen Hosen, in denen sie aussehen, als seien sie nackt. Mozart ist schnell verliebt. Und sein Herz schnell gebrochen, von diesen Frauen, die einfach wieder verschwinden. Er versteht die Welt nicht, wie auch. Bis er auf Anju trifft, in deren Teetasse er sich erleichtert hat, und sie sich ineinander verlieben.

Aber es bleibt kompliziert. Zwar beschafft ihm ein von ihm faszinierter Musikverleger einen Konzertauftritt mit fulminanten Kritiken, aber auch davon wird er nicht reich. Und immer stärker quält ihn die Frage, was passieren wird, wenn er das Requiem zu Ende geschrieben hat …

Zugegeben, die Idee ist nicht neu, immer wieder mußte ich an den Chinesen Kao-Tai in Rosendorfers „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ denken, aber Eva Baronsky ist ein brilliantes Debüt gelungen. Ich habe mich über ihre Einfälle köstlich amüsiert und Wolfgang Mustermann sofort ins Herz geschlossen. Allein die Szene, als er zum ersten Mal einen Zettel mit Telefonnummern erhält und was er alles damit anstellt, nur eben nicht Telefonieren. Oder die Szene im Beichtstuhl, als ihm der Priester entgegnet, dass das hier nicht das Jenseits, sondern „das irdische Jammertal in seiner ganzen Pracht“ sei und ihn fortschickt. Beeindruckend ist auch, wie sie die Sprache und den Duktus seiner Zeit beherrscht, so weit ich das beurteilen kann. Welch’ ersprießliches Vergnügen, dieser Roman. Man möchte sofort nach Wien reisen, mit Mozart auf den Ohren und das „Blue Notes“ suchen gehen – vielleicht sitzt da ja jemand am Klavier …

Eva Baronsky
Herr Mozart wacht auf
Aufbau-Verlag € 19.-
978-3-351-03272-2