Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Wiedergeburt auf einem Hochhausbalkon

Hendrik erteilt dem Roman „Renate Hoffmann“ von Anna Jane Davis einen versöhnlichen Verriss

1.
Die Eingabe des Namens Renate Hoffmann ins Online-Telefonbuch ergibt 353 Treffer, und da sich bekanntlich nicht jeder Mensch dort eintragenAnna Jane Davis - Renate Hoffmann lässt, wird es wohl auch noch eine Dunkelziffer in schwer schätzbarer Höhe geben. So ist das leider mit Allerweltsnamen: sie scheinen einen Menschen schon von vornherein – auf Türschildern, Briefumschlägen und in Adressverzeichnissen – als unbesonderen Teil einer Masse zu charakterisieren, noch bevor überhaupt ein Blick auf den Menschen selbst geworfen wurde. Die Aufmerksamkeit gleitet über einen solchen Namen einfach hinweg. Zwar weiss man natürlich, dass sich jeder den eigenen Namen nur bedingt aussuchen kann, aber trotzdem neigen wir etwas zur Überraschung, wenn sich jemand mit exotischem Namen dann als völliger Langweiler erweist (‚Mein unfähiger BaföG-Sachbearbeiter heißt übrigens Don Julio Sanchez à Rivera‘) – und umgekehrt, wenn wir Lieschen Müller unvermittelt als bemerkenswerte und unverwechselbare Charakterfrau kennenlernen.

Schuld an dieser ebenso oft bestätigten wie eines Besseren belehrten Erwartungshaltung hat u.a. sicher die Literatur, in der häufig die Wahl des Namens eines Protagonisten eine der wichtigsten und schwersten Entscheidungen ist. Denn daraus leitet sich eben sehr viel ab: mit Namen sind praktisch immer Assoziationen verbunden (für Autor und Leser), und natürlich wünscht sich jeder Schreibende für seine Figuren einen hohen Wiedererkennungswert. Wenn also eine Autorin nun hingeht und ihre weibliche Hauptfigur, ja gleich den ganzen Roman mit einem Allerweltsnamen belegt, darf man getrost davon ausgehen, dass gerade die damit unwillkürlich verknüpfte Unbesonderheit ein wichtiges Motiv des Buches darstellen wird.

Und ihre Hauptfigur, die Mittdreißigerin Renate Hoffmann, die als leitende Angestellte allein in der Buchhaltung eines Konzerns sitzt und privat allein in einer Plattenbausiedlung lebt, scheint zunächst diese Annahme zu bestätigen: sie hat keinen nennenswerten Kontakt zu ihren Kolleginnen und Kollegen, nimmt ihr Mittagessen am immer gleichen Tisch des immer gleichen italienischen Restaurants ein, besitzt sechs völlig identische graue Kostüme und hat ihr heimisches Telefon seit Jahren nicht mehr benutzt.

Dass sie selbst mit dieser Form von Existenz nicht glücklich ist, wird gleich zu Anfang offensichtlich, da sie beschlossen hat, sich von ihrem Balkon im 11. Stock zu stürzen. Seltsamerweise erweist sich auf unerwarteten Wegen gerade dieser Entschluss als der Beginn einer Heilung und eines Neuanfangs.

Heilung wovon? Das erfahren wir in Rückblenden, mit welchen sich die Erzählung der folgenden Ereignisse abwechselt, und da mag ich an dieser Stelle nur bedingt etwas verraten, denn es ist eines dieser Bücher, die unter solcher Vorwegnahme leiden würden – es sei lediglich darauf verwiesen, dass der Name Renate (‚die Wiedergeborene‘) sich zuletzt als kaum zufällig erweist. Ich komme daher direkt zu meinen Eindrücken.

2.
Was ich vor allem bedauerlich fand, ist der Umstand, dass die Autorin ihrer eigentlich gut ausgedachten und filigran entworfenen Hauptfigur streckenweise wohl nicht recht zutraut, mit ihren Gedanken, Worten und Taten für sich allein zu stehen, und immer wieder mal dem Impuls folgt, dem/der Lesenden mitzuteilen, wie er oder sie das jetzt zu finden hat. Das verleiht dem Buch zuweilen eine Halbherzigkeit, die es eigentlich nicht nötig gehabt hätte, und einige Erkläranmerkungen stehen denn auch so störend hervor wie Stützrädchen an einem Rennrad. Schon der Klappentext (von dem ich natürlich nicht weiß, ob er von der Autorin selbst stammt, aber ein Rezensionszitat ist es offenbar nicht) ist da durchaus repräsentativ, denn nach einem Textzitat wird zunächst angefügt:

Frau Hoffmanns Figur ist der Inbegriff des unauffälligen, trostlosen Daseins. Sie ist neurotisch und unvollkommen und dennoch oder gerade deswegen liebenswert. Sie ist echt und glaubwürdig, und dabei unfreiwillig komisch und amüsant.

Warum darf ich denn eigentlich nicht selber entscheiden, wie ich die Hauptfigur empfinde, frage ich mich da ganz unwillkürlich. Und das frage ich mich im Verlaufe des Romans dann auch zuweilen, wo ich nicht nur Zeuge werde, wie Renate (oder Frau Hoffmann; sie ist, nicht so ganz nachvollziehbar, mal so und mal so benannt) etwas tut oder sagt, sondern auch gleich mitgeteilt bekomme, wie ich das im Gesamtbild deuten soll:

Frau Hoffmann dachte kurz an ihre etwas weniger prunkvolle Version einer Hochsteckfrisur, die sie vor einigen Tagen in einem Anfall von Spontaneität kreiert hatte, und musste über sich selbst schmunzeln, was ihr eigentlich nie passierte, denn Frau Hoffmann neigte nicht zur Selbstironie. Dies könnte auch damit zusammenhängen, dass man sich, um selbstironisch sein zu können, selbst wahrnehmen muss, was Frau Hoffmann die meiste Zeit verbissen zu vermeiden versuchte. (S. 52)

Es ist schön und an dieser Stelle des Werkes für den Fortgang der Dinge durchaus nachvollziehbar, dass ich das erklärt bekomme, aber es wäre schöner gewesen, hätte ich es erzählt bekommen.

Ich bin durchaus etwas überrascht davon, dass mich das nicht noch stärker gestört hat, denn für gewöhnlich bin ich solchen Autorenerkläranwandlungen gegenüber recht ungnädig. Das muss wohl schlicht dem Umstand geschuldet sein, dass Frau Renate Hoffmann sich hinter ihrem „stinklangweilig!“ rufenden Allerweltsnamen insgesamt als eine durchaus interessante Figur mit einem vielschichtigen Innenleben erweist, und man sich auch auf durchaus kurzweilige Weise allmählich die Ursachen für ihr scheinbar völlig statisches und unindividuelles Dasein in ihren sechs völlig identischen Kostümen erliest. Eine reine Frauengeschichte ist dies im Übrigen bei näherem Nachdenken für mich nicht unbedingt, denn ich kann mir diese ganze Konstellation durchaus auch mit umgekehrt verteilten Geschlechterrollen vorstellen.

3.
Der Selbstattributierung des Buches als „eine satirische Geschichte mit vielleicht etwas mehr als einem Hauch schwarzen Humors“ würde ich nicht wirklich zustimmen wollen, denn für eine echte satirische Ebene lässt die Autorin ihre Erzählung einfach nicht souverän genug für sich selbst stehen, und die von ihr offensichtlich angestrebte ironische Überzeichnung gerät ihr durch diese Unsicherheit zuweilen zur unfreiwilligen Karikatur. Das merkt man insbesondere den Nebenfiguren an, die zwar allesamt gut beobachtet und entworfen sind (ich hatte eigentlich fast immer direkt eine gute assoziative Anknüpfung an mir bekannte KollegInnen, Nachbarn etc.), denen teilweise jedoch noch die Gussreste der mit ihnen verbundenen Autorenzielsetzung überdeutlich anhaften (‚die neue Chefin Frau Connelli muss unbedingt selbstherrlich wirken!‘), und so schimmert die Typen-Blaupause hinter den Charakteren immer wieder durch und kostet sie Teile ihrer Glaubwürdigkeit. Und auch meine Vorstellung von „schwarzem Humor“ ist offenbar eine völlig andere, findet sich bestenfalls im Überbau der Geschichte (durch den Entschluss zum Freitod zu neuem Leben? Das kann ich gelten lassen), aber in der Art des Erzählens absolut nicht.

Für mich ist „Renate Hoffmann“ ein thematisch durchaus lesenswertes Buch, das einfach eine Spur zu früh den Weg zum Druck gefunden hat; die aktive Hineinfindung dieser schönen Erzählung in die endgültige Romanform ist schlicht nicht ganz ausgereift. Zu oft wird lediglich erklärt und beschrieben, wo eigentlich hätte erzählt und gezeigt werden müssen. Damit verscherzt sich Davis einige ihrer besten Momente, obwohl sie für die kurzweilige Schilderung zwischenmenschlicher Begegnungen (der Unbesonderheiten, aber auch der unterschwelligen Besonderheiten darin) eigentlich eine merklich gute Beobachtungsgabe hat.

Ein ehrliches Buch? Spürbar ja. Ein gutes Buch? Ich denke schon. Ein lebensnahes Buch? Auf jeden Fall. Ein guter Roman? Nur bedingt. Und so gebe ich zusammenfassend eine zurückhaltende Empfehlung an diejenigen, die sich gerne durch ein erzählenswertes Frauenschicksal hindurchlesen und sich emotional daran anzuknüpfen vermögen, ohne dabei (und das ist eine Entscheidung, die man wertneutral mal so, mal so treffen kann) die Ansprüche zu stellen, die ich persönlich an einen rundum guten Roman nun einmal stelle. Mir ist ein Buch, das durch sein Erzählen auch aus dem Unbesonderen das Besondere hervorlockt, stets lieber, als ein Buch, das auf insgesamt doch eher unbesondere Weise von Besonderem erzählt – und „Renate Hoffmann“ fällt für mich trotz spürbar weitergehender Absichten zuletzt doch eher in diese zweite Kategorie.

Und ganz abschließend entschuldige ich mich namens Aller noch bei den 353 findbaren und auch bei den anderen Renate Hoffmanns für die unwillkürliche Attributierung der Langweiligkeit – ich bin sicher, dass auch hinter jeder von Ihnen eine interessante Geschichte steckt. Daran zu erinnern, ist dem Roman unzweifelhaft gelungen.

„Renate Hoffmann“ der Münchner Autorin Anna Jane Davis erschien 2009 im Acabus Verlag unter der Nummer 978-394140475-5 als Paperback, hat 220 Seiten und kostet neu 16,90 €.