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„Man erkennt, wie wenig man als Mensch zählt“ – Interview mit Regisseur Peter Scharf

Peter Scharf (Foto: W-film / Bildersturm Filmproduktion)

Peter Scharf (Foto: W-film / Bildersturm Filmproduktion)

Menschen sind immer wieder nur Kostenfaktoren, im besten Fall Humankapital. In einer Welt, in der alles durchgerechnet wird, fragt der Dokumentarfilmer Peter Scharf: „Was bin ich wert?“ Den ersten Eindruck vom Film gibt es in unserem Podcast zu hören.

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Heute stellt sich Regisseur Peter Scharf unseren Fragen.

Thomas Laufersweiler: Herr Scharf, Ihr Film ist erschreckend, lustig, berührend, manchmal aufrührend und immer politisch. Wollten Sie einen politischen Film machen?

Peter Scharf: Ich wollte einen sehr politischen Film machen, der sich mit Globalisierung, Turbo-Kapitalismus, Neo-Liberalismus auseinandersetzt, und wie das alles den Menschen angreift, in Frage stellt. Dann wurde es durch meine gesundheitliche Situation und durch die Entscheidung, mich selbst in den Film hineinzunehmen, ein sehr persönlicher Film. Am Ende bestand der größte Stress darin, diese beiden Ebenen zu verbinden und mit den Defiziten zu leben, die auf beiden Seiten unausweichlich waren.

TL: Sie berühren sehr unterschiedliche Aspekte der Frage des Werts des Menschen in Ihrem Film: Wie haben Sie die Themen ausgewählt für die Dokumentation?

PS: Das Thema ist unendlich und eigentlich überall greifbar. Ich wollte Themenkreise abdecken wie „Gesundheit“ bzw. „Gesundheitssystem“, „Arbeit“, „Versicherungswesen“ aber auch die eher abstrakte Politik von Behörden wie Umweltschutzämtern oder Straßenverkehrsämtern. Diesen Themen wollte ich eine Art Rampe bauen, in dem ich mich in Verwertungskreisläufe eingeklingt habe: Also was bekomme ich für mein Blut, meinen Samen, meine Haare? – aber auch: Wie fühlen sich Menschen, die sich zu Markte tragen und ihre Niere verkaufen. Die strukturelle Idee war dabei: Vom einzelnen Körperteil zum ganzen Menschen, vom einfachen „Preis“ zur komplexen Berechnungsformel.

TL: Die Menschen stehen im Mittelpunkt Ihres Films, berühmte Personen und ganz unbekannte Männer und Frauen. Mit welcher Einstellung gehen Sie auf die Menschen zu?

PS: Erst mal mit der Einstellung, dass alle gleich sind, den gleichen Respekt verdienen, die gleiche Aufmerksamkeit. Aber natürlich ist es viel schwieriger Menschen zu begegnen, die in großen Schwierigkeiten sind, verletzt, krank, arm, als einem Ökonomen, für den das Berechnen mehr oder weniger folgenlos für sein eigenes Leben ist.

TL: Sie sind selbst Protagonist in diesem Dokumentarfilm. Ist Ihnen das schwer gefallen? Wie haben Sie das empfunden, selbst Gegenstand des Films zu sein?

PS: Es gibt eigentlich zwei Gründe, warum ich mich in den Film hineingenommen habe. Ich wollte einen individuellen, naiven Blick, eine Reise, ein Abenteuer und keine kühle Analyse. Da erschien es mir sinnvoll, wenn der Zuschauer jemanden hat, der ihn an die Hand nimmt. Natürlich gefällt das nicht jedem – und diejenigen, denen das zu schlicht, zu naiv, zu egomanisch ist, habe ich verloren.
Andererseits hatte ich auch das Gefühl, etwas geben zu müssen, sich verletzbar zu machen, sich auszuliefern. Als Gegenleistung für das, was mir die Menschen an Offenheit entgegengebracht haben.

TL: Wie ein roter Faden ziehen sich Portraitaufnahmen von Menschen durch den Film, die aber nicht fotografiert sondern gefilmt wurden. Wie haben Sie das angestellt und wie sind Sie auf die Idee gekommen?

PS: Danke für die Frage! Diese Porträts bilden für mich den emotionalen Kern des Films. Auch hier ging es am Anfang darum, Struktur zu gewinnen. Denn ich steckte ja in dem Dilemma, dass ich ein sehr ökonomisches, rationales Thema stilistisch sehr frei, unkalkulierbar angegangen bin. Wir sind mit einer Kamera und einem Stativ und einer kleinen Akkulampe losgefahren. Was macht so einen Film zu mehr als einer TV-Reportage? Diese Porträts sollten einen visuellen Rahmen liefern. Doch dann wurden sie zum Herz des Ganzen. Wir haben die Menschen gebeten, 20 Sekunden in die Kamera zu schauen. Den meisten fällt das schwer, der Blick schweift ab, doch wenn der Moment da ist, wo sie sich nur in die Linse schauen, dann schauen sie quasi durch das Objektiv in sich selbst. Das hat etwas Magisches.

TL: Hat Sie der Film verändert?

PS: Ja, in vielerlei Hinsicht. Ich fühle mich verletzlicher, älter, angreifbarer – klingt seltsam, aber man erkennt, wie sehr man diesen rechnenden, kalkulierenden Systemen ausgesetzt ist und wie wenig man als Mensch zählt, sondern nur als Zahl.

TL: Was ist Ihr nächster Film, Ihr nächstes Projekt?

PS: Ich habe eine zehnköpfige syrische Familie kennengelernt, die Anfang des Jahres als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Vater und Mutter Mitte 40. Dazu acht Kinder zwischen zwei und 22. Ich finde das irrsinnig: Pubertät, erste Liebe, berufliche Orientierung – all das in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht sprechen. Eine Coming-of-Age-Geschichte, die ich in den nächsten Jahren begleiten möchte.

TL: Vielen Dank!

Mehr Informationen auf der offiziellen Website des Films.
Hier eine Liste der Kinos, die „Was bin ich wert“ zeigen.