Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Ein Bild von einem Mann

Thomas verschlingt „Sein wahres Gesicht“ von Lee Child
Jack Reacher ist ein richtiger Kerl: tagsüber gräbt er in der Sonne Kaliforniens Gruben für die Swimming Pools der Reichen, nachts achtet er in einer Bar darauf, dass die Gäste den Mädchen beim Table Dance nicht zu nahe kommen. Er ist schweigsam, ein braungebrannter, sportlicher Mann Ende dreißig. Und ja, natürlich hat er eine aufregende Vergangenheit. Und die holt ihn ein.

Für gewöhnlich hätte ich jetzt schon das Buch zugeklappt und in den Flohmarktstapel entsorgt. Zumal Lee Child die Klischees seiner Heldenfigur nicht ironisch anlegt. Sein Held ist ein in Ehren entlassener Ex-Militärpolizist der US-Armee mit Köpfchen, seine Auftraggeberin (wenn man sie so nennen möchte) eine bildhübsche, kluge und extrem erfolgreiche Anwältin. Die beiden kommen sich – natürlich – näher und es kommt ständig zu Dialogen wie diesem:

„Ich gehe mir eine Pistole kaufen. Dann besorge ich uns eine Pizza. Die bringe ich uns mit.“
„Du kannst keine Pistole kaufen, nicht in New York City, verdammt nochmal! Das ist alles gesetzlich geregelt. Als Käufer musst du dich ausweisen und außerdem fünf Tage warten, bis du die Waffe bekommst.“
„Eine Pistole kann man überall kriegen“, sagte er. „Besonders in New York City. Was möchtest Du auf deiner Pizza?“
„Hast du genug Geld?“
„Für die Pizza?“
„Für die Pistole“, entgegnete sie.
„Die kostet weniger als die Pizza.“

Und der Bösewicht ist soo ein niederträchtiger, sadistischer Sch… Zu allem Überfluss ist er auch noch im Gesicht durch fürchterliche Brandwunden entstellt. Und statt einer linken Hand ragt ein Stahlhaken aus seinem Hemdsärmel.

Lee Child ist Engländer, schwer zu sagen, ob er das ernst meint. Spätestens hier hätte ich das Buch mit Schwung in die Ecke gefeuert. Habe ich aber nicht. Denn diese Geschichte ist mörderisch spannend erzählt. Child hat eine Methode gefunden, den Leser an der ganz kurzen Leine zu führen: Kaum ist uns ein Charakter ein bisschen ans Herz gewachsen, taucht der Superschurke auf und es drohen Folter und Tod. Das zieht er mit wechselnden Sympathieträgern bis zum Showdown durch. Eins ist klar – nur ein ganz knallharter Kerl wie Jack Reacher wird ihm gewachsen sein.

Und es ist nicht zu viel verraten, wenn dem Leser hier ein Happy End in Aussicht gestellt wird. Oder stirbt John McLane am Ende von „Die Hard (eine Zahl zwischen 1 und 4)“? Und Jack bekommt sogar das Mädchen! Während ich auf den ersten dreißig Seiten noch die Aneinanderreihung von Krimistandards und Männerwunschvorstellungen erst stirnrunzelnd, dann grinsend zur Kenntnis nahm, wurde ich danach zum Seitenfresser – nach ein paar Stunden war ich am Ende angekommen. Ob ich noch einen weiteren Jack Reacher-Roman lesen würde? Jederzeit. Der Verlag verspricht:

„Weitere Jack-Reacher-Romane sind in Vorbereitung!“

Es sei denn, es ist schon eine Verfilmung angekündigt – mhhm – mit Hugh Jackman und Scarlett Johannson vielleicht. Drehbuch Lee Child. Regie Michael Mann. Produktion Jerry Bruckheimer. Oder als Serie bei HBO? Dann könnte Child sich auch gleich selbst darum kümmern, denn früher war er TV-Produzent. Bevor er Jack Reacher erfand.

Lee Child
Sein wahres Gesicht
Ein Jack-Reacher-Roman
Blanvalet, 9,90 Euro
ISBN 9783442356928