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Lawrence von Arabien [1]
Das Maß des Helden


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Erster Teil
Die Herkunft des Helden

Den Mensch dürstet es nach Mythen, nach jenen archetypischen Landschaften, bevölkert von Feinden und: Helden. Auch in unserer entmythologisierten Zeit ist uns diese Sehnsucht nicht verlorengegangen. Wir sind weiterhin auf der Suche nach Figuren, auf die wir uns projezieren können, um unsere eigene Schwäche zu vergessen, in deren Haut wir schlüpfen können, um ihre Tapferkeit zu teilen.

Eine solche Figur ist der englische Offizier Thomas Edward Lawrence, der im Dezember 1914 seine Tätigkeit für den britischen Geheimdienst in Kairo aufnimmt. Sein Einsatz für die Befreiung der arabischen Stämme, seine abenteuerliche Rolle in den Konflikten mit den Türken, die Eroberung von Aqaba und Damaskus und die Verehrung seiner arabischen Freunde haben ihm den Ruhm eines „modernen Helden“ eingetragen. Nicht ohne Grund, wie sich zeigen wird, und auf jeden Fall nicht ohne sein eigenes Zutun.

War Lawrence ein Held? Und von welchem Heldenbegriff soll man ausgehen? Bruce Chatwin bietet uns in seinem Roman „Songlines“ eine Definition, die auf Lawrence angewendet werden kann:

„Jede Mythologie hat ihre eigene Version vom Helden und seinem Weg der ‚Prüfungen‘, in denen ein junger Mann ebenfalls einen ‚Ruf‘ erhält. Er reist in ein fernes Land, wo ein Riese oder ein Ungeheuer die Bevölkerung zu vernichten droht. In einem übermenschlichen Kampf überwältigt er die Kräfte der Finsternis, beweist seinen Mannesmut und erhält seine Belohnung: eine Frau, einen Schatz, Land, Ruhm. An alledem erfreut er sich bis ins fortgeschrittene Alter, wenn abermals dunkle Wolken heraufziehen. Wieder überkommt ihn die Ruhelosigkeit. Wieder bricht er auf; entweder wie Beowulf , um im Kampf tödlich verwundet zu werden, oder, wie der blinde Tereisias Odysseus weissagte, um zu irgendeinem geheimnisvollen Ziel aufzubrechen und zu verschwinden.“

An diesem Maß soll Thomas Edward Lawrence gemessen werden. Und indem wir seiner Lebensgeschichte folgen, werden wir einen Mechanismus der Mythenbildung finden, ohne den kein Heldentum möglich wäre.

(Dieser Beitrag erscheint als Teil der Helden-Blogparade, die vom Blog „furchtlos“ ins Leben gerufen worden ist.)

Auf welchem Boden werden Helden gesät? In welchem Dunkel bereiten sie sich auf das Betreten der hell erleuchteten Bühne vor? Im Fall T. E. Lawrence erscheint seine Herkunft bürgerlich und ohne Vorzeichen. Er kam am 16. August 1888 in Tremadoc, Nordwales, zur Welt – seine Geburt aber war, wie die seiner Brüder, schon mit einem Makel behaftet: Der Vater, Thomas Chapman, irischer Gutsbesitzer, war vor seiner Frau in ein Verhältnis mit dem Kindermädchen Sarah Maden geflohen. Mit ihr hatte er Irland verlassen und unter dem Namen ‚Lawrence‘ eine Familie gegründet. Diese katholische Ehe musste ohne Trauschein bleiben, ein düsteres Familiengeheimnis und ein Fluch für konventionell denkende, gottesfürchtige Menschen.

Schon Lawrence‘ Kindheit ist ein Feld der Legendenbildung: In den posthumen Erinnerungen „Lawrence by his friends“ wird beschrieben, wie er sich im Alter von gerade zwei Jahren über die Gittertür des Kinderzimmers hinwegstemmen konnte, später die höchsten Bäume erkletterte, überhaupt sich bereits als Kind ausgesprochen edel und heldenhaft aufführte – fast schon ein zweiter Alexander der Große, die Schlangen in seiner Wiege erdrosselnd. Man merkt es den Erinnerungen an, dass sie ein nationales Symbol konservieren und die Autoren als enge Freunde des Helden darstellen wollen. Nüchtern betrachtet ist Lawrence ein aufgewecktes, zuweilen störrisches Kind, aufgewachsen in einem kleinen Haus in der Polstead-Road, unter den Fittichen religiös-dogmatischer Eltern.

In den Schulferien unternimmt Lawrence ausgedehnte Fahrradreisen durch England und Nordfrankreich. In einem Brief an seine Mutter berichtet er, wie sehr die Einheimischen sein Französisch lobten. Man sieht ihn deutlich vor sich, einen begabten Jungen, der ständig um mütterliche Anerkennung ringen muss. Diese Ansprüche an ihn werden bald seine eigenen, und nichts wird ihm unerträglicher, als lächerlich gemacht zu werden.

Im Oktober 1907 nimmt er das Studium der Geschichte am Jesus-College in Oxford auf. Er fällt durch sein vielfältiges Interesse am Altertum, an Heraldik, Archäologie und Mediävistik auf. Das Gemeinschaftsleben am College meidet er soweit er kann – statt dessen spaziert er des Nachts alleine durch die Gärten der Universität. Nach seinem Tod erinnert sich ein Kommilitone, Lawrence habe 50.000 Bände der Oxford-Union-Bibliothek gelesen. Eine Äußerung, noch ganz in der Atmosphäre ehrfürchtiger Heldenverehrung.

Die Schenkungen, die Lawrence als Hobby-Archäologe dem Ashmoleans-Museum macht, eröffnen ihm neue, ungeahnte Möglichkeiten. Er lernt den Kustos des Museum, D. G. Hogarth, und dessen Assistenten Leonard Woolley kennen. Hogarth leitete Ausgrabungen in der Levante, den Ländern des östlichen Mittelmeeres und achtete im Auftrag des englischen Nachrichtendienstes auch auf politische Veränderungen im Osmanischen Reich. Hogarth ist es, der Lawrence anbietet, zur Materialsammlung für seine Abschlussarbeit den Mittleren Osten zu besuchen. Zielstrebig beginnt T. E. Lawrence mit Arabischunterricht und lernt mit beiden Händen gleich gut zu schießen. Im Juni 1909 verlässt Lawrence England mit einem Dampfschiff.

Sprecherin: Petra Steck
Morgen folgt der zweite Teil: Der Ruf des Helden