Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Mein Amerika – Dein Amerika

Am 4. November wählt das amerikanische Volk den mächtigsten Mann der Welt. Der Präsident der Vereinigten Staaten … das Amt an sich ist schon eine Ikone der Populärkultur, inklusive White House, Oval Office und Air Force One. Die Wartezeit bis zur Wahl vertreiben wir Ihnen mit der Serie „All the Presidents“.

Martina liest Sabine Stamers und Tom Buhrows „Mein Amerika – Dein Amerika“ und gesteht ihre Liebe zu Amerika.

Tom Buhrow ist einer meiner Fernsehhelden. Von 1994 bis 2006 war er der USA-Korrespondent der ARD (nur unterbrochen durch zwei Jahre Berichterstattung aus Paris), und ich hing stets an seinen Lippen. Niemand erklärte auf so hohem Niveau und gleichzeitig so verständlich wie er den großen Bruder USA für uns Deutsche. Seine Frau Sabine Stamer ist freie Journalistin und Autorin, war u.a. mehrere Jahre für „Monitor“ und die „Tagesschau“ unterwegs und mit Tom Buhrow all die Jahre mit den gemeinsamen Kindern in den USA.

Beide kennen nicht nur das „offizielle“, sondern auch das alltägliche und private Amerika – und das schildern sie mit sehr viel Originalität, Intellekt, Humor, Herzenswärme und Liebe für ein wunderbar vielschichtiges und ständig sich wandelndes Land. Wie schreibt Tom Buhrow so schön:

„Jeder bringt sein Bild von Amerika mit, meistens sogar mehrere: ein Bild, wie man glaubt, daß es ist, und ein anderes, wie man meint, daß es zu sein hätte. Aber Bilder sind geronnene Farbe. Amerika weigert sich zu gerinnen. Es ist ein Land, das nie ist, sondern ständig wird – nie perfekt, aber immer interessant.“

Ja, genau das ist es: interessant und faszinierend, dieses Amerika. Denn zu allem, was ist, findet sich auch das Gegenteil, alles existiert gleichzeitig und nebeneinander und nicht hübsch europäisch geordnet. Damit das den Besucher und den einfach USA-Neugierigen nicht allzu sehr befremdet und unvermittelt trifft, sei ihm dieses großartige Buch von Buhrow/Stamer empfohlen. Gleich das Einstiegskapitel ist unentbehrlich: „Ankommen. It’s great, it’s wonderful. Einführung in die amerikanische Freundlichkeit und ihre Hintergründe“, aber es gibt noch sehr viel mehr Wissenswertes zu lesen, ja zu verschlingen, zum Beispiel die „Kleine Rassenkunde. Warum braucht Condoleezza eine Dauerwelle?“ oder „Himmlische Kräfte in irdischen Gefilden. Die religiöse Supermacht“ und Vieles mehr.

Und wie es sich für ein so lesenswertes Buch ziemt, lassen wir die Autoren selbst noch einmal zu Wort kommen und schlagen dabei sogar ein wenig den Bogen zu unserem Präsidentenmotto:

„Doch Amerika weiß, daß es keine Vollkommenheit auf Erden gibt. Wenn der Präsident jedes Jahr im Januar vor beiden Häusern des Kongresses und den obersten Richtern den Bericht zur Lage der Nation gibt, dann enthält der zwar regelmäßig das Versprechen, nach einer „more perfect union“ zu streben, aber das ist schon grammatisch absurd. Perfekt läßt sich nicht steigern. Die Menschen, die in dieses Land kamen, wollten keine Vollkommenheit. Viele hatten erlebt, was passiert, wenn Regierungen versuchen, das Paradies auf Erden zu errichten. Der erste Präsident, George Washington, sprach von Amerika als „Experiment“. So sieht sich sein Land bis heute: als große Versuchsreihe, deren Ende offen ist. Wie alle Experimente, so ist auch dieses reich an Fehlschlägen, Ungerechtigkeiten und sogar Grausamkeiten. Aber es ist auch voller unglaublicher Leistungen, berauschender Träume und unbekümmerter schöpferischer Kraft, die sich zwischen zwei Weltmeeren auf einem riesigen Kontinent austobt.“

Oh ja, oh ja, jetzt beim Schreiben dieser kleinen Rezension steigt sie wieder auf, meine große Sehnsucht nach diesem Land, und Buhrow/Stamer gelingt es neben all der Information, den Erklärungen, dem Durchdringen und Reflektieren eben auf leichte und unverkrampfte Weise, auch die Emotionen anzusprechen, Zuneigung und Verständnis zu wecken und die eigenen Erinnerungen hochzuholen. Ich liebe die USA und ich liebe dieses Buch!