Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Lawrence von Arabien [2]

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Zweiter Teil
Der Ruf des Helden

Nach einer ersten Reise durch den Mittleren Osten, bei der er dem Reiz des Orients, des größeren Mondes und der weiten Gewänder erliegt, begleitet T. E. Lawrence Hogarth nach Karkemisch, einem Ausgrabungsort an den Ufern des Euphrat, und hier verbringt Lawrence die vier glücklichsten Jahre seines Lebens. Durch Hogarths Protektion finanziell gesichert führt er bei den Ausgrabungen ein Leben eingewoben in einen Kokon von exquisiter Kultur: Nach Beendigung der täglichen Arbeiten liest man aus den Werken seiner Lieblingslyriker und trinkt Tee aus 2.000 Jahre alten Tassen.

Und Lawrence lernt Dahoum kennen, einen jungen syrischen Arbeiter, dem er Unterricht gibt. Zu diesem knabenhaften Syrier fasst Lawrence eine tiefe, zärtliche Zuneigung und mit ihm zusammen gerät er später in Halfati in ein türkisches Gefängnis, wo er – in Dahoums Kleidern – für einen Araber gehalten und ausgepeitscht wird. Es mag erstaunen, dass er sich nicht als Engländer zu erkennen gibt, um der rohen Behandlung zu entkommen. Es ist nicht so sehr Tapferkeit (wie es in das Bild des Helden passen würde) die ihn die Misshandlungen ertragen lässt: Zum ersten Mal fühlt er die Nähe von Schmerz und Verzückung. Eine Erfahrung, die sein weiteres Leben prägen wird. Lawrence erwirbt sich in dieser Zeit solide Kenntnisse der arabischen Sprache und erweist sich als geschickt im Umgang mit arabischen Arbeitern, er weiß sie anzutreiben und zu belohnen, und er weiß, wie er sie von sich überzeugen kann.

Dies qualifiziert ihn für eine neue Aufgabe, die er bei Ausbruch des Krieges übernimmt: Am 23. Oktober 1914 wird er offiziell als Dolmetscher im Rang eines Leutnants vom Arabischen Büro des britischen Gemeindienstes in Kairo eingestellt. Für längere Zeit erwarten ihn in der Hauptsache langweilige Schreibtischarbeiten in einer Stadt, die aus einer orientalischen und einer europäischen Hälfte besteht. Wobei im europäischen Kairo der Stossseufzer „Man kriegt keinen Tisch im Club!“ noch die Klagen über die überfüllten Tennisplätze übertönt.

Das ist nicht die Welt des T. E. Lawrence, der sich derweil, wie einige andere auch, Gedanken macht über den arabischen, antitürkischen Aufstand, der Dschidda und Mekka bezwingt. Lawrence plädiert für militärische und finanzielle Unterstützung. Die Bildung einer Freischärlertruppe, die leicht bewaffnet und hoch beweglich tief nach Syrien eindringen könnte, ist im Gespräch – Lawrence begeistert sich für diese Idee. Aber erst als Sir Wingate Hochkommissar wird, konkretisiert sich eine Unterstützung des Aufstandes. Damit beginnt eine Phase in Lawrence Leben, die ihm legendären Ruhm einbringen wird.

(Dieser Beitrag erscheint als Teil der Helden-Blogparade, die vom Blog „furchtlos“ ins Leben gerufen worden ist.)

Nachdem die Entscheidung gefallen war, den arabischen Aufstand zu unterstützen, stellte sich die Frage, wer ihn führen sollte. Die angesehenste Führungspersönlichkeit im Hedschas, dem entscheidenden zentralarabischen Raum, war Scherif Husein. Aus Sicht der Briten schien er aber ungeeignet, da er zu alt und zu unabhängig war. Lawrence schlägt sich auf die Seite von Feisal, dem jüngsten der drei Söhnen des Scherif Husein. Lawrence ist tief beeindruckt von Feisal, den der englische Offizier H. Young als „einen schönen, an der Startschranke zitternden Vollblüter“ beschreibt.

Das Arabische Büro stellt ihm Lawrence als politischen Berater zur Verfügung. Sein Geschick auf die arabische Mentalität einzugehen, und die Fähigkeit seine eigenen Ideen seinen Gesprächspartnern als die ihren erscheinen zu lassen, ermöglichen ein sehr vertrautes Verhältnis mit Feisal und den Stammesfürsten wie Auda abu Taji von den Howeitat. Die Bedeutung, die Lawrence für den Erfolg des arabischen Aufstandes hatte, wird allerdings überschätzt: „Sein“ erster großer Erfolg, die Eroberung Aqabas von Land aus, die gemeinhin als sein genialer taktischer Einfall angesehen wird, war nicht allein seine Idee. Die Überwältigung der türkischen Garnison in Aqaba fiel zudem viel leichter aus, als erwartet wurde (und als sie dargestellt wird). Lawrence aktiver Beitrag dazu fiel denkbar gering aus, da er, nachdem er in der Hitze des Gefechtes seinem Kamel versehentlich eine Kugel durch den Kopf gejagt hatte, zu Boden stürzte und besinnungslos liegen blieb. Seine späteren Angaben zu den Umständen des Marsches auf Aqaba und den darauffolgenden Erkundungsritten, die er alleine unternommen haben will, widersprechen in entscheidenden Punkten den Erinnerungen seiner arabischen Freunde.

Aqaba

Lawrence trägt mittlerweile arabische Kleidung, ein auffallendes, weißes Hochzeitsgewand der Beduinen. Er ist begeistert von der Art der Araber zu kämpfen, von ihrem Temperament und ihrer Tapferkeit – trotz einer gewissen Distanz zu den Überzeugungen der Wüstenvölker hält er seinen arabischen Vorgesetzten eisern die Treue mit dem Selbstverständnis eines mittelalterlichen Vasallen gegenüber seinem Lehnsherren, während in Frankreich Materialschlachten die europäische Jugend des 20. Jahrhunderts aufreiben. Zu seinen Aufgaben gehört es, die türkischen Nachschubwege zu stören, dass heißt in erster Linie die Sprengung von Zügen. Er genießt die Aufregung dieses Partisanenkrieges, aber er leidet auch darunter:

„Ich werde dieses Spiel nicht mehr lange durchstehen: Meine Nerven sind hinüber, und die Selbstbeherrschung ist dünn gerieben (…) Wenn dieser Alptraum endet, werde ich hoffentlich wieder lebendig werden. Dieses Töten und Töten von Türken ist entsetzlich.“

Im November 1917 erhält Lawrence den Auftrag, eine strategisch wichtige Brücke zu sprengen. Diese zumindest für diesen Nebenschauplatz des Krieges wichtige Heldentat gelingt ihm nicht, und er muss voller Schuldgefühle und in der Gewissheit seines Versagens aufgeben. In dieser Stimmung kommt es zu einem interessanten Phänomen: Lawrence Selbstvorwürfe und seine enge, möglicherweise masochistische Beziehung zu dem schönen Scherifen Ali ibn al Husein, einem Bruder Feisals, finden ein Ventil in einer Legende, er sei in die türkische Garnison Gerra geritten, sei dort gefangen genommen, ausgepeitscht und von einem osmanischen Offizier sexuell missbraucht worden. Es könnte allerdings auch sein, dass Lawrence von Ali ibn al Hussein ausgepeitscht wurde und dass er das Übermaß an Schmerz als Erleichterung und gerechte Strafe empfand.

Im Januar 1918 fällt dann die Entscheidung in der Schlacht von El Tafila. In seinen eigenen Erinnerungen erscheint Lawrence dabei allgegenwärtig und überall kommandierend. In Wirklichkeit hatte er nur fünf Männer seiner Leibwache unter Befehl. Die Maschinerie der Mythenbildung setzt sich allerdings erst so recht in Bewegung, als Lowell Thomas, ein amerikanischer Journalist, auf Lawrence aufmerksam wird. Er wird aus dem schneidigen und tragischen englischen Offizier den weißen Gott der Wüste formen. Er hat den Auftrag „alles, was ich gesehen habe, so optimistisch wie möglich wieder zu geben. Die Absicht war natürlich, Hallelujas für den Anfall kriegerischer Raserei zu singen.“

Der Anblick des als Scherif von Mekka herausgeputzten Lawrence begeistert Thomas. So kommen Veröffentlichungen im „Strand Magazine“ zustande wie „Mit 26 Jahren war er der ungekrönte König des Hedschas, Prinz von Mekka.“ Auda abu Taji werden sogar folgende Worte in den Mund gelegt:

„Dieser blondhaarige Sohn Allahs kann alles, war wir tun, sogar noch besser tun als wir selbst. Er hat das Gesicht und das Haar einer tscherkessischen Schönheit, den Körperbau einer Antilope, den Mut eines Abu Bekr und die Weisheit eines Omar.“

Lawrence gerät in eine gefährliche Nähe zum Größenwahn. Er glaubt offensichtlich, alle unterständen seinem Befehl und legt sich eine Leibgarde von einhundert gekauften, arabischen Desperados zu. Er behauptet, ein Kopfgeld von $ 20.000 sei auf ihn ausgesetzt. Scherif Ali ibn al Husein zieht sich von Feisals Freischärlern zurück, Dahoum, Lawrence geliebter syrischer Schüler, ist gestorben. In dieser düsteren Stimmung werden die Angriffe des T. E. Lawrence immer tollkühner und bei der Verfolgung einer fliehenden türkischen Armee wird ein berühmter Befehl ausgegeben: „No prisoners!“

Lawrence konzentriert sich darauf „seine“ Araber nach Damaskus zu bringen, der schönsten unter den alten islamischen Metropolen, bevor die Engländer eintreffen. Es gelingt, auch wenn er selbst als vermeintlicher türkischer Soldat von einem übereifrigen Unteroffizier festgehalten wird. Lawrence betritt die Stadt noch vor Feisal und General Allenby und beteiligt sich an Intrigen, die im politischen Chaos seinem Widersacher Abd-el-Kader den Tod bringen. Damaskus ist auch der Ort, an dem England den arabischen Aufstand zugunsten eines Abkommens mit Frankreich verraten wird. Ganz Syrien wird Frankreich zugesprochen – Feisal und Lawrence ziehen sich wütend von der Konferenz mit Allenby zurück. Schon am nächsten Morgen verlässt Lawrence enttäuscht Damaskus. Er verlangt, seinen Urlaub sofort antreten zu können.

„Dieser alte Krieg geht nun zu Ende, und ich habe hier nun keine Aufgabe mehr.“

Einige Tage später ist er in London.

Sprecherin: Petra Steck
Morgen folgt der dritte und letzte Teil: Die Ruhelosigkeit des Helden