Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Lawrence von Arabien [3]

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Dritter Teil
Die Ruhelosigkeit des Helden

In London gilt Lawrence bald als die “die romantischste Gestalt, die der Krieg hervorgebracht hat”, wie Rudyard Kipling sagte. Hier setzt er sich noch einmal für Feisal und die Sache der Araber ein. Er nutzt seinen Ruhm, um verantwortlichen Politikern “auf die Hühneraugen zu treten”, wie der Parlamentarier Robert Cecil es nannte. Als Feisal im Februar 1919 vor der Friedenskonferenz in London spricht, übersetzt Lawrence. Beide stehen sie vor der Versammlung in leuchtend weißen Scherifengewändern und so hat sich das Bild von T. E. Lawrence in der englischen Vorstellungswelt eingebrannt: ein Abenteurer und Gelehrter, der Züge sprengt und als Feldherr die Araber zum Sieg führt. Auf einen solchen Helden hatte England lange gewartet und Lawrence versäumte nun nichts, um diesem Anspruch gerecht zu werden.

Jetzt ist es auch an der Zeit, die Legende zu festigen. Lawrence beginnt mit der Arbeit an seinem Werk „Die sieben Säulen der Weisheit“, mit dem er sich an die Seite von Dostojewski und Melville stellen will. Auf mysteriöse (und publikumswirksame) Weise geht das Manuskript verloren – in unglaublich kurzer Zeit erschafft er das ganze Werk aus dem Gedächtnis neu und wird später Ungenauigkeiten in Details mit eben diesen Umständen erklären. Möglicherweise ist das Manuskript gar nicht verschwunden, sondern einfach umgearbeitet worden. Das ganze Werk – von den Zeitgenossen bejubelt – erscheint uns heute literarisch durchschnittlich, politisch subjektiv und historisch sehr oberflächlich.

Als 1920 Feisal als König von Syrien aus Damaskus vertrieben wird, hört man von Lawrence allerdings keinen Protest. Im folgenden Jahr arbeitet Lawrence als Berater für arabische Angelegenheiten für den Kolonialminister Churchill. Im März nimmt er an der Kairo-Konferenz teil, die Feisal zum Oberhaupt des Irak wählt. Am 20. Juli 1922 aber scheidet Lawrence aus Churchills Dienst aus und tritt inkognito als einfacher Soldat bei der Luftwaffe ein.

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(Dieser Beitrag erscheint als Teil der Helden-Blogparade, die vom Blog „furchtlos“ ins Leben gerufen worden ist.)

Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, als ihn Churchill „einen der größten Menschen, die in unserer Zeit leben“ nennt und der Journalist Lowell Thomas in Vorträgen weiter das Märchen vom weißen Prinzen von Mekka spinnt, tritt er ab und verschwindet aus der Öffentlichkeit. In einer Erklärung, die er Lionel Curtis gab, erscheint dieser Schritt als Flucht aus der Verantwortung:

„Sie wissen, dass ich zum Teil deswegen eintrat, um mich unverwendbar, oder, besser gesagt, unmöglich in meinem alten Handwerk zu machen. Um das Ausbrennen des freien Willens, der Selbstachtung und Empfindlichkeit, aus einer Natur, die so heftig ist wie die meine, muss wohl etwas weh tun.“

Es ist auch die Suche nach Erniedrigung und Schmerz. Mit dem Wiedereintritt in die Armee hat Lawrence sich herauskatapultiert aus der vorgezeichneten Heldenlaufbahn und die Öffentlichkeit zog es vor, das weitere nicht zu sehen, um ihr Bild des Wüstenhelden nicht zu trüben. Lawrence schreib in dieser Zeit sein eigentliches literarisches Werk „The Mint“ (Unter dem Prägestock), in dem er von den Realitäten des soldatischen Lebens berichtet. Wäre dieses Buch nach seiner Fertigstellung 1928 (und nicht erst 1955) erschienen, hätte es Lawrence Ruhm als literarischer Erneuerer. Aber er verzichtet auf eine Veröffentlichung, um der Armee keinen Schaden zuzufügen. Zurückgezogen führt er als Soldat ein sicheres und abgeschirmtes Leben, in dem auch seine heimlichen Neigungen ihren Platz haben: Woche für Woche bezahlt er einen „Vollstrecker“, der ihn auspeitscht, seinen masochistischen Neigungen befriedigt.

Lawrence verliert viel von seiner Kraft. Eine Fotografie von 1935, kurz nach der Entlassung aus der Armee, zeigt ihn aufgedunsen, die Augen ausgebrannt. Das scheint der Preis des Friedens zu sein, den er an den Wochenenden mit seinen Freunden Georg Bernhard Shaw und Thomas Hardy genießt. Er selbst sagt:

„Ich bin grauhaarig und zahnlos, halb blind und zitterig in den Knien.“

Der Schriftsteller Henry Williamsson, ein Verehrer des Faschistenführers Oswald Mosley, war auf Lawrence aufmerksam geworden – die Faschisten hätten Verwendung für einen arbeitslosen Helden. Williamsson hatte eine Vision: Vielleicht könnte ein Treffen des Kriegshelden und ehemaligen einfachen Luftwaffensoldaten mit dem böhmischen Gefreiten Hitler, der Führer geworden war, einen Krieg zwischen England und Deutschland verhindern. Lawrence als Faschist? Robert Graves schreibt dazu:

„Lawrence begann (…) den kleinen Mann zu idealisieren, die Leute also, die in Deutschland und Italien das Rückrat der faschistischen und Nazirevolution bildeten. Er spielte sogar mit dem Gedanken, selbst Diktator zu werden.“

Kurz nachdem Lawrence ein Treffen mit Williamsson vereinbart hatte, stirbt Lawrence am 19. Mai 1935 bei einem Motorradunfall. Die Umstände dieses Unfalls konnten nie geklärt werden – ein unbeteiligter Zeuge berichtet von einem schwarzen Wagen, die Polizei leugnet dies. Unklar auch die Umstände, als Feisal 1933 tödlich verunglückt, ebenso 1939, als Feisals Sohn Ghazi bei einem Autounfall stirbt.

Lange Jahre bleibt die Heldenikone des Lawrence von Arabien unangetastet. Es fällt auf, wie leicht sich der Mythos des Lawrence von Arabien in Chatwins Schablone einfügt. Während die historischen Fakten Lawrence nicht als Helden erscheinen lassen, feiern unzählige Veröffentlichungen ein nationales Symbol, einen Mythos, eine Ikone. Die Tragik und die Rätsel des Menschen T. E. Lawrence wurden nicht wahrgenommen. Er nahm voller Müdigkeit und Trauer die Wahrheit über sein Heldentum, die Wahrheit hinter seinen Legenden, die Lösung seiner Rätsel mit ins Grab.

„Tage scheinen einzubrechen, Sonnen zu leuchten, Abende zu folgen und dann schlafe ich. Was ich getan habe, tue, tun werde, ist mir rätselhaft und verwirrt mich. Haben Sie sich jemals wie ein Blatt gefühlt, das im Herbst vom Baum fällt – und sind merklich verwirrt darüber gewesen? So geht es mir.“

Sprecherin: Petra Steck

Quellen

T. E. Lawrence
„Die sieben Säulen der Weisheit“
Paul List Verlag, München 1988
(Reprint der deutschen Erstausgabe von 1936)

Desmond Stewart
„Lawrence von Arabien. Magier und Abenteurer.“
classen Verlag, Düsseldorf 1982

Jeremy Wilson
„Lawrence von Arabien“
Ullstein 2004
ISBN: 3-548-60530-3

David Fromkin
„A Peace to end all Peace. The Fall of the Ottoman Empire and the Creation of the Modern Middle East.“
Avon Books, New York 1990

Links

Umfangreiches Special bei ZDF.de
Biographie bei wikipedia
Nicht schön, aber informativ: factfile
Hintergrund bei ex oriente lux
Detailreiche Lebensgeschichte bei buchkritik.at
Las Saddam Hussein Lawrence? Denkspiel von Peter Bexte
Engländer lügen nicht – bei rolfs-reisen.de