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„Liebe und andere Versprechen“: Blinde Flecken und die Macht des Ungesagten

Und wieder ein kleines Jubiläum: Der 500. veröffentlichte Podcast!

Prof. Pu empfiehlt: “Liebe und andere Versprechen” von Andrea Bajani

Ursprünglich brachte mich ein Radiofeature auf das Thema Kriegskinder und vor allem auf die Kriegsenkel. Sachbücher gibt es dazu genügend, viele gute, zum Beispiel das von Sabine Bode, „Kriegsenkel“. Andrea Bajani nähert sich dem Thema literarisch und aus italienischer Sicht, die sich, zumindest in seinem Buch, nicht viel von der der deutschen Kriegsenkel unterscheidet.
Daß sich Kriegstraumen auch noch in der dritten Generation bemerkbar machen und spüren lassen, ist wohl mittlerweile unbestritten.

Bajani beginnt seinen Roman mit der gescheiterten Beziehung Pietros und Saras, die verzweifelt versuchen, ein Kind zu bekommen und sich, nahezu schweigend, darüber verloren gehen.

Also hatten wir uns einen Hund angeschafft. Er hatte die Wohnung betreten wie ein Profi, sich kurz umgeguckt, ein Zimmer nach dem anderen inspiziert wie jemand, dem ein Blick genügt, um genau Bescheid zu wissen, dann war er wieder zu uns gekommen und hatte sich auf dem Teppich zusammengerollt. Wir hatten auf dem Sofa gesessen und ihm mit unseren Blicken signalisiert: Wir scheuen weder Kosten noch Mühen, und so war er auf dem Teppich liegengeblieben und hatte sich schon nach den ersten Dienstminuten gelangweilt. Einen Namen mochten wir ihm nicht geben. Uns an den Tisch zu setzen und ein Blatt Papier mit Namenslisten vollzuschreiben, das wäre uns vorgekommen, als ob wir ihn in die Kinderrolle drängen wollten. So ging er die ganze Zeit in der Wohnung herum wie ein wandelndes Fragezeichen. (…)
Aber was immer der Hund uns erfolgreich aus dem Weg räumte, es wohnte weiter in unseren Träumen, über die wir nicht sprachen, wenn wir kreuz und quer durch die Stadt hinter ihm herliefen, der Hund war inzwischen unser Gefängniswärter und seine Leine das Band, das uns aneinanderfesselte. Wir sahen ihm zu, wenn er hinter den Tauben herrannte, und dachten jedes Mal, wenn er hinter einem anderen Hund aus dem Park herlief, jedes Mal, wenn wir ihn nicht mehr sahen, hoffentlich kommt er nicht zurück.

Die Gründe für ihre jeweilige Sprachlosigkeit tauchen nur langsam auf, erst am Ende verrät Bajani den Grund für ihre Trennung.

An dem Tag, an dem Pietro von Sara verlassen wird, erhält er die Nachricht, Mario, sein Großvater, sei gestorben. Mario, den Pietros Mitschüler früher immer als „das Skelett“ hänselten, wenn er ihn von der Schule abholte. Vor dem sich der kleine Pietro lange Zeit  fürchtete. Der spät aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, „nicht mehr ganz richtig im Kopf“. Mit dem, was man heute als Posttraumatisches Belastungssyndrom bezeichnet. Über das in der Familie nie geredet wurde. Auch nicht darüber, daß sich Pietros Mutter ihr Leben lang schuldig fühlte, weil ihr Vater in eine Anstalt eingeliefert wurde, nachdem er sie in einem seiner unbeherrschten Momente verletzt hat. Die Klinik, verschämt „die Villa“ genannt,  durfte er dann nur noch für Spaziergänge verlassen. Geschickt verwebt Bajani in Rückblicken die Kindheitsgeschichte seiner Mutter und seine eigene mit der Gegenwart.

Aus Neugier klingelt Pietro eines Tages an der Wohnung seiner Kindheit und findet dort einen alten Mann, der für ihn und seine Mutter Stellvertreter wird für den toten Großvater, den man nichts fragen konnte. Die Mutter beginnt, den Mann zu bekochen, ohne ihn zunächst kennen zu lernen, und hat auf diese Weise endlich das Gefühl, etwas für ihren toten Vater zu tun. Während Olmo, neunzig Jahre alt, Pietro durch die Erzählungen über seine schrecklichen russischen Kriegserlebnisse dazu bringt, wie zu einer Art Wiedergutmachung nach Russland zu reisen. Viele Knoten, viele Blockaden beginnen, sich zu lösen. Am Ende holt Sara, schwanger von einer Zufallsbekanntschaft, Pietro vom Flughafen ab, und trotz des offenen Schlusses verlässt man die beiden voll Zuversicht, „jedes Versprechen“, wie der Buchtitel auf Italienisch lautet, scheint eingelöst.

Der Roman ist eine sprach-formvollendete Familiengeschichte über die Gefahren von Verschweigen und Verdrängen. Oder wie auf dem Rückentitel steht:

Blinde Flecken und die Macht des Ungesagten.

Schmerzhaft und doch zuversichtlich. Ein Entwicklungsroman wie eine Psychoanalyse.

Andrea Bajani
Liebe und andere Versprechen
Übersetzt von Pieke Biermann
dtv-premium € 14,90
978-3-423-24918-8

Interview mit Bajani über „Liebe und andere Versprechen“

Text und Podcast stehen unter einer Creative Commons-Lizenz. Quelle: Petra Unger/SchönerDenken

Eine weitere Empfehlung:
Sabine Bode
Kriegsenkel
Klett-Cotta € 21,95
978-3-608-94550-9