Filme zwischen Kirk und Kafka seit 2004

Mein ewiger Lieblingsfilm? Sie meinen: heute?

Hendrik kann sich angesichts der Blogparade Mein Lieblingsfilm mal wieder nicht recht entscheiden …

„Wir stehen vor der Bewältigung einer unlösbaren Aufgabe.
Du schlägst eine nicht durchführbare Lösung vor.
Ich sehe keine Probleme.“

(frei nach Krull, keinem meiner Lieblingsfilme)

MeinLieblingsfilmodrom

I.

Im Zusammenhang mit dem Stichwort ‚Lieblingsfilm‘ hat die Verwendung des Singulars einfach keinen Sinn. Was soll denn das sein, bitteschön? Der für mich unterhaltsamste Film, der wichtigste, der mitreißendste, der spannendste, tiefsinnigste, meistgeschaute, längsterinnerte, genreprägendste (und welches Genre dann?), der mit den interessantesten Figuren, der schönsten Landschaft, den besten Sprüchen, der intensivsten Musik, den geilsten Effekten?

Nö, da mag ich mich nicht festlegen, und wenn doch, dann nur unter der ausdrücklichen Bedingung, das morgen ganz anders sehen zu dürfen.

Filme, die ich zu irgendeinem Zeitpunkt und nach irgendeinem Kriterium als Lieblingsfilme zu bezeichnen geneigt sein könnte, gibt es meiner groben Zählung nach etwa dreißig in meiner (An)Sammlung. Nicht wenige davon gehören meinem langjährigen Lieblingsfilmgenre der Science Fiction an, und ich mache es mir hier und heute mal extra schwer und klammere dieses Genre kurzerhand komplett aus, damit nicht der Raumschiffe-und-Fremdrassenfaktor einigen Streifen unberechtigten Vorteil verleiht. Science Fiction ist für mich in Literatur und Film ein um ein Vielfaches detaillierter und schlicht völlig anders gelesedachtes Wahrnehmungsuniversum, und meine liebsten SF-Filme mit meinen liebsten Nicht-SF-Filmen zu vergleichen, geht nicht: Mögen Sie lieber Kaffee oder Sekt? Brot oder Kuchen? Na, das hängt ja wohl vom aktuellen Appetit ab.

Also, für den Moment: tschüss, 2001, Dark Star, Alien und Phase IV, Andromeda, The 13th Floor und The Lathe of Heaven, Ihr kommt auch noch dran, aber das ist hier und jetzt schlicht nicht Eure Blogparade.

II.

Historische Filme (darunter auch diverse Shakespeare- und weitere Klassikerverfilmungen) sind ein anderer dankbarer Stöberfundus für einen möglichen Lieblingsfilm. Diese bezaubern oftmals durch eine üppige Ausstattung, große narrative Eleganz und feinglänzend polierte Mono- und Dialoge. Da geht es wechselweise und lebensprall lustig und tragisch zu, auf die einzige gemeinsame Nacht im Leben der Liebenden folgt das Duell im Morgengrauen oder die Flucht auf die Fregatte (oder umgekehrt). Ob wasserfreudig (von Des Königs Admiral bis zu Master and Commander), degen- und liebeshändelerfüllt (von Cyrano de Bergerac bis zu Gefährliche Liebschaften), einzelschicksalsergreifend (von Amadeus zu Vanity Fair) oder wörtlich bardenzitierend (von Prospero’s Books zu Viel Lärm um nichts): sie sind allesamt wunderbar. Und das ist das Problem: den EINEN Film herauszugreifen, der mir davon besonders gefällt, gelingt mir einfach nicht. Nein, für jetzt hilft mir das nicht weiter.

III.

Lustig mit viel Dialog mag ich auch gerne, von genüßlich-skurril (Rosencrantz und Güldenstern), klassisch (Ladykillers und Arsen und Spitzenhäubchen) bis beziehungshumoristisch (High Fidelity), Letzteres allerdings mit der strengen Auflage, dass keine magersüchtigen Hühnchen namens Jessica oder Keira mitspielen. Solche Filme können zu partnerschaftlichen Zitatquellen werden („Ich mach‘ Dir’n Tape.“), und Anker für bestimmte autobiographische Vergleiche sein („Hattest Du damals Deine Plattensammlung eigentlich auch biographisch geordnet?“). Alles sehr nett, aber Lieblingsfilme? Nicht wirklich, jedoch immerhin schonmal Privatklassiker. Dennoch schneiden insgesamt die Filme besser ab, die witzig und zugleich kritisch sind, mehr Biss aufweisen und es bis zum Sarkasmus schaffen: Thank You for Smoking, und besonders Wag the Dog, aus dem der Satz „Ich arbeite dran!“ längst fester Bestandteil meiner Rhetorik geworden ist. Auch den mich als Kind schon positiv beunruhigt habenden Dr. Seltsam, oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben mag ich da nicht auslassen. Ja, ich glaube, der Aspekt des Humors ist für mich als Element eines Lieblingsfilmes zumindest sehr wichtig.

IV.

Spektakelfilme der ein und anderen Art, das GROSSE Kino – Fluch der Karibik, Der Herr der Ringe, X-Men und so fort. Ja, da gibt’s einige, und sie werden von mir auch immer wieder gerne gesehen. Sie qualifizieren sich durch tolle Effekte, enormen dramaturgischen Schwung und schlichte Beguckerfreude, die auch nach dem zigsten Mal nicht aufhört. An manchen Tagen das einzig Richtige, aber zuweilen auch völlig verkehrt.

Dem zur Seite stehen die stillen, tiefen Dramen, Frühling, Sommer, Herbst, Winter … und Frühling ebenso wie Das Piano und Bin-Jip. Sie ergreifen, heben auf, entführen, setzen sanft wieder ab und reinigen, erden das Auge. An seltenen Tagen das einzig Richtige und dann: unübertroffen.

V.

Was noch? Ach ja, der gute alte Horror: Filme, die mich herzlich gruselten, die tiefen Schrecken. Da gibt’s nicht viel, und das ist auch nicht ‚mein Genre‘. Nur weil mich The Blair Witch Project konzeptuell überzeugt und vieles aufgerührt hat, was mich als Kind schon an den Kurzgeschichten Algernons Blackwoods fesselte, hat es keine Chance, ein Lieblingsfilm zu werden.

Obwohl: einen gibt’s, und das ist The Haunting (mit dem Fluch des extrem dämlichen deutschen Titels ‚Bis das Blut gefriert‘ geschlagen). Dieser schwarzweiße Horrorstreifen von 1963, entstanden nach einem Roman von Shirley Jackson, ist bis heute annähernd der einzige Film, der mich je anschließend nachts wachgehalten hat: ich müsste ihn seinerzeit mit etwa 11 oder 12 irgendwann im Spätprogramm gesehen haben (heimlich natürlich, sonst hätte es ja keinen Spaß gemacht …). Es ist – begleitend zu den 70er-Jahre-Serien wie Catweazle und Arpad der Zigeuner und dem unvermeidlichen Dinner for One – wohl meine früheste Nicht-SF-Spielfilmerinnerung überhaupt.

Für mich ist es der erste Film, der mich bewusst dem Gedanken nachspüren ließ, welche Magie dazu führt, dass eine erfundene Geschichte, die irgendwo vor mir auf der Frontseite eines hässlichen, brummenden, braunen Möbelstücks abgespult wird, mich emotional zu berühren vermag. Von Büchern kannte ich das natürlich schon, aber als Eher-Draußen-Rumtobe-Als-Fernsehglotz-Kind war es mir damals ein völlig neues Phänomen, dass es auch einem Film gelingen konnte, mir derart unter die Haut zu fahren. Die Szene mit den beiden Frauen in dem Schlafzimmer und dem zuletzt alles zusammenfassenden Satz „Aber wer hat dann meine Hand gehalten?“ ist bis heute einer der schauervollsten Horroreispickel, die mir je filmisch eingejagt wurden – und so etwas bleibt einfach, wenngleich daraus absolut keine Vorliebe für das Genre Horrorfilm wurde. The Haunting ist für mich ein zwar sehr konventioneller, aber schlicht perfekt inszenierter Film: die Ich-Erzählerstimme der Hauptfigur, die Inszenierung des Spukhauses, die beunruhigenden Kameraperspektiven, der jeden optischen Effekt mehr als ersetzende Ton und vor allem der Umstand, dass man NIE tatsächlich etwas Gruseliges sieht, so dass das Grauen Zeit hat, sich um so gründlicher im Zuschauer selbst zu entfalten, all das macht ihn für mich zu einem würdigen Anwärter, obwohl er mit Humor nun wirklich nicht aufwarten kann. Für nun lege ich jedoch auch ihn zur Seite.

VI.

Und dann gibt es noch die Filme, die sich jeder strengen Kategorisierung ein wenig entziehen, traurig/fröhlich zugleich sind und durch diese Kombination an Größe gewinnen – Antonias Welt ist so ein Film, Being John Malkovich und The Bird People in China zwei völlig andere. Auch völlig eigenwillige, gedankenlawinenlostretende Filmbesonderheiten wie Babel oder La Antena zählen dazu, stehen dem eigenen Gefühlsalltag am nächsten, dringen am tiefsten ein, hallen am längsten nach. An den meisten Tagen ist mir das zu anstrengend, es sind die Filme, vor denen und nach denen ich die längste Pause benötige.

VII.

Ein Kriterium, das mir jetzt und immer zweitrangig ist: Schauspieler/innen. Wenn’s passt, kann ich sogar mal Brad Pitt ertragen. Und umgekehrt: nur weil ich Al Pacino sowohl in SimOne als auch in Im Auftrag des Teufels genial finde, wird keiner davon ein Lieblingsfilm.

VIII.

Um in vielen Lebensmomenten ein Lieblingsfilm sein zu können, muss ein Film für mich zahlreiche Ebenen haben, auf denen er mich zu sich einlädt. Ich möchte vertraut mit ihm sein und mit jeder neuen Betrachtung andere Entdeckungen machen und Gedanken haben. Ich möchte ihn als meditatives Nebenher oder auch als bewussten Ganzgenuss nicht müde werden. Hier und heute und womöglich, weil Februar und draußen alles klatschnass ist, fallen mir da vor allem zwei farbwarme Filme ein, und diese ernenne ich hiermit zur aktuellen Engstauswahl. Welcher Favorit wird so weit kommen, um dann doch im letzten Augenblick schweren Herzens nicht ausgewählt zu werden? Oh Mann, so wie ich gerade müssen sich Oscar-Juroren manchmal fühlen.

Tiger & Dragon hat einige ganz große Pluspunkte: er spielt in einer Landschaft zum Hineinlaufen (die hohe Einstufung dieses Kriteriums habe ich, glaube ich, mütterlicherseits geerbt), weist eine interessante Geschichte, eine interessante Geschichte hinter der Geschichte, vielschichtige Charaktere, elegante Ausstattung und eine elegante Choreografie, ein wenig Humor, wundervolle Musik und einen der für mich ganz eindeutig herzzerreißendsten Filmschlussmomente meiner Guckerbiographie auf. Aufgrund all dieser Eigenschaften zählt er auch zu den von mir am häufigsten wiedergesehenen Filmen, denn er ist makellos inszenierte Abenteuerpoesie. Und wer sich in meiner Anwesenheit über den Zweikampf in den Baumwipfeln lustig zu machen wagt, ist des Todes.

O Brother Where Art Thou hat einige recht ähnliche große Pluspunkte: da wird in eine charaktervolle Landschaft hineingelaufen, die Verarbeitung der Odyssee-Motive macht aus dem phasenweisen Klamauk eine vielschichtige Story, es gibt originelle Charaktere, sehr viel Humor der verschiedensten Sorten, echte Konflikte und einen umwerfenden Soundtrack (nebenbei: nein, ich verrate nicht, welcher Sirene ich verfallen wäre…).

Beiden Filmen eignet eine alles durchdringende tiefe Freude am Vorgang des Erzählens selbst, und womöglich ist es dieses Element, das sie für mich so besonders macht.

Hier und heute entscheide ich mich für (… Zücken des Goldenen Umschlags, betont langsames Öffnen, nochmaliges Räuspern und atemlose Stille im Saal …) O Brother Where Art Thou als Lieblingsfilm. Warum? Ich habe keine rechte Ahnung, vielleicht weil er durch seinen größeren Humoranteil noch eine Spur zugänglicher ist als Tiger & Dragon. Womöglich auch lediglich, weil ich den von diesen beiden schon länger nicht mehr gesehen habe.

IX.

Im Grunde wünsche ich mir, meinen Lieblingsfilm heute noch gar nicht zu kennen. Eines Tages möchte ich im Kino sitzen und mich in ein bis dahin völlig ungekanntes Filmwerk verlieben dürfen, es in mein Herz schließen und danach nie wieder loslassen. Ein paar Mal war es fast soweit – aber sich fast zu verlieben, heißt, sich zuletzt gar nicht zu verlieben. Dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf.

Mein Lieblingsfilm hier & heute: O Brother Where Art Thou.

Mein Lieblingsfilm da drüben & übermorgen: Keine Ahnung.

Mein Lieblingsfilm ‚aller Zeiten‘: Ist, wie ich hoffe, noch nicht gedreht.