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„Life of Pi“: „Sie werden selbst entscheiden, was Sie glauben möchten“

Ang Lee, Foto: Rex Bennett Creative Commons BY SA 2.0

Die Filmwissenschaftlerin und Ang Lee-Expertin Dr. Isabell Wohlfarth, geb. Gössele, wirft für SchönerDenken einen ganz persönlichen Blick auf die Filme des taiwanesischen Regisseurs. Nach ihrem Beitrag zu „Life of Pi“ macht Isabell erst einmal Pause und widmet sich einer anderen, großen Herausforderung. Aber sie kommt 2015 wieder zurück und erzählt uns noch mehr von Ang Lee. Versprochen.


Ein Knabe, alleine mit einem Tiger auf einem Rettungsboot auf offener See, zwischendrin springt ein Fantasy-Wal ins Bild und das Meer beginnt zu tanzen – und das soll ein Ang-Lee-Film sein? Als ich den ersten Trailer zu „Life of Pi“ sah, war ich schlichtweg irritiert. Mister Lee hatte also mal wieder etwas komplett Neues gemacht -wäre sonst ja auch langweilig. Aber entgegen meiner Befürchtungen steckt in diesem spirituellen Blockbuster dann doch mehr von ihm als ich dachte – glücklicherweise!

Backstory

PlakatDas Buch „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ (2001) des kanadischen Autors Yann Martell ist ein weltweiter Bestseller und galt lange Zeit als unverfilmbar. Für eine Kinoumsetzung wurde deshalb ein besonders erfahrener Regisseur gesucht. Ang Lee war fasziniert von dem Stoff und arbeitete insgesamt vier Jahre an der Entwicklung des Films. Von Anfang an war ihm dabei klar, dass er diese Abenteuer-Geschichte in 3D erzählen wollte. Es war nicht sein erster Ausflug ins Reich der digitalen Filmtechnik, schließlich war auch „The Hulk“ animiert, aber die Special Effects in „Life of Pi“ haben eine andere Dimension und waren deshalb eine neue Herausforderung. Am Ende wurde der Film gerade für die artifiziellen und doch so real wirkenden Fantasy-Sequenzen gefeiert. Und Mister Lee bekam – etwas unverhofft – seinen zweiten Regie-Oscar.

Die Story

Der erwachsene Piscine Molitor Patel (Irrfan Khan) erzählt einem Schriftsteller seine sagenhafte Lebensgeschichte. Der kleine „Pi“ wächst in den 70er Jahren im indischen Pondicherry auf, der Vater (Adil Hussain) betreibt einen Zoo. Als sensibler, neugieriger Junge fühlt er sich besonders zu spirituellen Dingen hingezogen. Als Pi (Suraj Sharma) 17 ist, beschließt sein Vater, mit der ganzen Familie und einigen Zoo-Tieren nach Kanada auszuwandern. Auf der Überfahrt gerät das japanische Schiff in Seenot und geht unter. Die einzigen Überlebenden auf einem Rettungsboot sind Pi, ein Zebra, ein Affe, eine Hyäne und ein Tiger. Es beginnt ein Überlebenskampf, in dem sich die Geschöpfe nicht nur gegenseitig zerfleischen, sondern auch das Meer und die Witterung lebensbedrohend sind. Am Ende bleiben nur noch der Tiger Richard Parker und Pi übrig. Sie versuchen zu überleben – gemeinsam und doch in ständigem Konkurrenzkampf um Nahrung und Schutz.

Eine Geschichte, die einem den Glauben zurückgibt

„Life of Pi“ erzählt von einer spirituellen Reise. Schon gleich zu Beginn gibt der Erzähler Pi dem neugierigen Schriftsteller – und so auch dem Zuschauer – den „Filmfahrplan“ und die Herausforderung mit auf den Weg: „Sie werden selbst entscheiden, was Sie glauben möchten“. Und auch nur so funktioniert der Film. Man muss sich auf die spirituellen Gedankenspiele einlassen. Das führt fast unweigerlich dazu, dass man auch über den eigenen Glauben nachsinnt und Wahrheiten hinterfragt. Erlebt man Pis Abenteuer voller Natur- und Tiergewalten, dann kommt man nicht umhin, sich selbst ins Boot zu setzen und zu fragen: An was würde ich noch glauben, so hoffnungslos verloren auf dem offenen Meer – mit einem gefährlichen Tiger als einzigem Gefährten?

Am Anfang des Films bekommt man die Sinnsuche noch heiter vorgeführt: Der unbedarfte, eigensinnige Junge Pi geht zunächst spielerisch auf die Suche, er probiert alle großen Religionen selbst aus, mit amüsantem aber doch rührendem Ernst. Zunächst sind die Götter des Hinduismus seine Superhelden, den christlichen Gott lernt er durch eine Mutprobe kennen, später begegnet er Allahs Lehren.

Als kritischer Gegenpart tritt auch hier wieder eine starke, einflussreiche Vaterfigur auf – wie sie in Ang Lees Filmen Tradition hat. Pis Vater, Autoritätsfigur und doch liebender Begleiter, tut Religion als Dunkelheit ab, schmunzelt über den naiven Glaubenshunger seines Sohnes und versucht, ihm beizubringen, dass am Ende allein die Vernunft zählt. Natürlich nimmt der Sohn diesen Einspruch nur beiläufig hin und sucht weiter, nach einer Verbindung zu Gott und sich selbst.

Gestrandet auf dem Meer, in lebensbedrohlicher Weite und existenzieller Not, ruft Pi immer wieder seinen Gott an und fordert ihn heraus. Aber auch die Rationalität und Pragmatik, die er von seinem Vater gelernt hat, nutzt er geschickt. Beides zusammen rettet ihm das Leben.

Auch wenn Pis Abenteuer einsam verläuft, ist „Life of Pi“ eigentlich eine Familiengeschichte. Die familiären Szenen in der ersten Hälfte des Films – heiter und sensibel inszeniert, wie Ang Lee es eben tut – bilden das Fundament für Pis beschwerliche Reise. Auch wenn die Familienmitglieder früh sterben – alles was er gelernt hat, die Stimmen von Vater und Mutter, trägt Pi mit sich, wenn er draußen, alleine und verlassen, befreit von jeglichen Konventionen und Rahmen, kämpfen muss, gegen sich selbst und die eigene Lebensmüdigkeit: „Der Tiger ist nicht dein Freund“.

Die Beziehung zwischen Pi und Tiger Richard Parker ist der spannende symbolische Kern des Films. Der junge Pi glaubt daran, dass auch Tiere Seelen haben und er eine Verbindung mit ihnen aufnehmen kann. Die pragmatische Deutung des Vaters will er nicht hören: „Der Tiger ist nicht dein Freund – wenn du ihm in die Augen schaust, siehst du nur deine eigenen Gefühle“.

Gerade das muss Pi aber schmerzhaft lernen. Denn draußen auf dem Meer, im Kampf um Essen und Territorium, geht es Auge um Auge, Zahn um Zahn: Tier gegen Mensch, der Stärkere überlebt. Und der Zuschauer stellt sich die Frage: Würde ich dem Tiger kampflos das Feld überlassen? Könnte ich andere töten, um mich zu retten? So ist der Film auch eine Parabel auf den animalischen Trieb des Tiers Mensch.

Der Film gibt Gott sei Dank keine simplen Antworten auf diese existenziellen Fragen, Rationales und Emotionales vermischen sich ständig. Denn Pi schaut dem Tiger eben trotzdem in die Augen, er begreift ihn als Feind und Schicksalsgemeinschaft. Beide brauchen einander, um zu überleben. Und sie müssen miteinander auskommen, wie Familienmitglieder, eingepfercht auf engem Raum. „Wenn wir miteinander leben wollen, müssen wir lernen, uns zu verständigen“, sagt Pi einmal weise zu Richard Parker und versucht ihn dann zu „erziehen“. Wieder ist die umständliche und an vielen Stellen verhinderte Kommunikation – eines von Ang Lees großen Themen – Hindernis und Triebkraft der Geschichte.

Sag mir, was du siehst! Halluzinative Bildwelten in 3D

Die Szenen im Rettungsboot sind voller Grausamkeit – jeden Moment fürchtet man, der Tiger oder ein Hai könnten Pi zerfleischen oder die Wellen ihn endgültig verschlucken. Die Situation des Jungen scheint so aussichtslos, dass man ihm bisweilen die Erlösung wünscht. Just in jenen Situationen verwandelt sich die Natur in eine berauschend schöne, funkelnde, magische Welt. Fluoreszierende Meerestiere schweben wie im Tanz in den aufgeschäumten Wogen des Ozeans, ein gigantischer Wal vollführt einen edlen Sprung aus dem Wasser. Der gelbrosafarbene Himmel verschmilzt mit der still reflektierenden Wasseroberfläche.

In diesen Momenten erlebt Pi seine göttliche Erlösung, ein Stückchen Himmel. Und es ist nicht schwer zu glauben, dass diese Augenblicke Meditationen, Träume oder Wahnvorstellungen sind, die Pi vorübergehend aus seiner grausamen Realität entführen, es ihm möglich machen, zu staunen und sich zu freuen. Hier kann er das Verbissene und Animalische kurz überwinden. Hier glaubt er, Gott zu treffen.

In diesen Traum-Sequenzen übernimmt der reine überwältigende Schauwert die Führung und entlässt so auch den Zuschauer kurzzeitig aus dem Überlebenskampf, auch er darf hier einfach nur staunen. Das gibt der Geschichte wiederholt einen angenehmen Schub. Die manches Mal zähen Szenen auf dem Ozean werden so mit etwas Aktion dramaturgisch „angekurbelt“.

Universelles Abenteuer mit Humor

Man merkt es erst, wenn man aus dem Kino kommt, aber „Life of Pi“ ist ein typischer Abenteuerfilm, bei dem man als Zuschauer auch körperlich mitgeht. Der Schiffbruch, die Momente im schwankenden Rettungsboot, aber auch die Angst, der Hunger und die Verzweiflung fühlt man in der Magengegend.

Bevor der Film aber zu sehr ins Tragische und allzu Philosophische abdriftet, bricht er die Handlung stets mit heiteren Momenten. Dann kann man über diesen passionierten Jungen, seinen kindlichen Eigensinn und seinen experimentierfreudigen Überlebenskampf auch herzhaft lachen. Es ist eine befreiende Komik, die zusammen mit den magischen Bildersequenzen dafür sorgt, dass dieser Film kein zähes Kammerspiel bleibt, sondern eine rhythmische und spannende Abenteuer-Geschichte wird.

In den heiteren, selbstironischen Momenten, aber auch den düsteren, existenziellen Situationen werden urmenschliche Emotionen, Urängste, Triebe und Hoffnungen angesprochen. „Life of Pi“ transportiert damit eine von Mister Lees typischen Werk übergreifenden Botschaften: Das universal Menschliche wird in jedem Kulturkreis verstanden. Eine schöne Metapher dieses Films, der in Indien und Kanada spielt, in den USA produziert und unter anderem in Taiwan gedreht wurde, von einem taiwanesisch-amerikanischen Regisseur und 3.000 Mitarbeitern aus aller Welt – bei denen sich Mister Lee in seiner Oscar-Rede gerührt bedankte.

Life of Pi
USA 2012, 127 Min., Regie: Ang Lee


Dr. Isabell Wohlfarth, geb. Goessele, arbeitet als Journalistin in Köln. Ihre Doktorarbeit wurde unter dem Titel “Das Kino des Ang Lee: Im Atem des verborgenen Drachen” veröffentlicht. Der Podcast wurde gesprochen von Susanne Hagen.
Hier alle Beiträge der Reihe „Mr. Lee And Me“.

Das war die vorerst letzte Folge der Ang Lee-Serie. 2015 geht es weiter.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY NC ND 4.0.
Quelle: Dr. Isabell Wohlfahrt, geb. Goessele
Das Foto im Banner stammt von Rex Bennett und steht unter der CC-Lizenz BY SA 2.0


Das Kino des Ang LeeIsabell Gössele
Das Kino des Ang Lee
Im Atem des verborgenen Drachen

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349 Seiten, Paperback, 2009
ISBN 978-3-8288-2046-3