Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Dass der gelebte Augenblick uns und wir ihm gehören“

Prof. Pu schließt unseren Peter Stamm-Schwerpunkt mit einem Blick auf seinen aktuellen Roman „Nacht ist der Tag“ ab.

Prof. Pu und die Pücher

Eine gutaussehende und erfolgreiche Fernsehmoderatorin erleidet einen Autounfall, bei dem ihr Mann, der am Steuer saß, ums Leben kommt. Ihr Gesicht ist zerstört und sie braucht viele Operationen, bis sie sich wieder erkennt. Ihren Beruf möchte sie auch hinter der Kamera nicht mehr ausüben. Sie zieht sich in ein Dorf im Engadin zurück. Ende des ersten Abschnitts.

Mit freundl. Genehmigung des S. Fischer VerlagesIm zweiten Teil erzählt Stamm die Geschichte von Hubert, einem Künstler, von dem sich Gillian vor ihrem Unfall hat porträtieren lassen, der eine Affäre mit ihr ablehnte. Seine Beziehung scheitert, aus Nicht-wissen-wohin-mit-sich nimmt er die Einladung für eine Ausstellung in jenem Dorf im Engadin an, ohne zu ahnen, dass Gillian dort seit sechs Jahren in einem Club-Hotel arbeitet. Eine Ausstellung, für die er keine Objekte anzubieten hat, eine abstruse Situation. Hubert und Gillian treffen sich wieder, sie kommen zusammen, es geht ihnen gut miteinander. Was dann folgt, fasst das Bloch-Zitat zu Beginn des letzten Kapitels treffend zusammen:

„Der letzte Wille ist der, wahrhaft gegenwärtig zu sein. So daß der gelebte Augenblick uns und wir ihm gehören.“

Trotzdem Gillian sicher ist, dass Hubert sie verlassen wird, fühlt sie sich am Ende des Romans mit sich versöhnt und befreit. Sie hat nicht mehr das Bedürfnis, sich zu verstecken und Leben nur zu spielen.

„Die vergangenen Jahre waren eine Täuschung, das Leben einer anderen.“

Die Geschichte hat einen eigenartigen Sog, ich habe sie fast in einem Zug gelesen und doch bleiben die Personen fremd und unnahbar. So, wie sie miteinander umgehen und reden, sich aber nicht öffnen, bleibt alles un-intensiv, gefühllos-betäubt, bis auf den einen zugewandten Satz, den eine Kollegin ganz am Ende zu Gillian sagt: Sie sei „der liebenswürdigste Mensch“, den sie kenne. Das hat mich erstaunt. So kam sie bei mir nicht an. Das ist die Stärke des Romans. Verblüffende Wendung und Wirkung.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND.
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken

Peter Stamm
Nacht ist der Tag
S. Fischer 2013
€ 19,99
978-3-10-075134-8