Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Die Bühnenangst der Stripperin

Prof. Pu empfiehlt: „Der gute Psychologe“ von Noam Shpancer

Er hat sich auf Angsterkrankungen spezialisiert. Seine Vorlesungen sind bei den Studenten beliebt, er doziert in anschaulichen Beispielen und mit viel Sprachwitz. Freud nennt er immer nur „den launischen Wiener“. Er lebt allein und mit einer unauslebbaren Liebe zu einer Kollegin. Wenn ihn etwas irritiert, wenn es ihm schlecht geht, fragt er sich als erstes „Wo sind Deine Füße?“ und findet dann Beruhigung in den täglichen Ritualen.

Kleine Münze, das sind unsere täglichen Gewohnheiten und unsere Routine, unser Alltag, und die Summe unseres Lebens ergibt sich letztlich aus der Summe dieser Alltäglichkeiten.
Seine Alltagsroutine zum Beispiel ist einfach und unkompliziert. Jeden Morgen wacht er früh in seiner kleinen Wohnung auf, duscht und zieht sich an. Seine Wohnung ist bewusst dunkel gehalten. Hohe, mit Büchern beladene Holzregale säumen die Wohnzimmerwände. Früher, in seinen Lehr- und Wanderjahren, hat er sich in diesen Büchern vergraben. Er ist schon vor langer Zeit müde geworden, oder, wie er es ausdrücken würde, zur Ruhe gekommen. Aber noch immer findet er Trost in diesen Backsteinen aus Papier, die die Wände einfassen, als stützten sie das Dach.


Mit freundl. Genehmigung des Knaus VerlagEs ist ein wenig Neugier, die den Psychologen gegen eines seiner Prinzipien verstossen lässt – keine Patienten nach 16 Uhr – als die Nachtclubtänzerin um einen späten Nachmittagstermin bittet. Sie hatte nach einem Auftritt eine Panikattacke und kann seitdem nicht mehr tanzen. Sie braucht das Geld und ihr Chef droht ihr mit Rauswurf und dem Psychologen später Prügel an. Klar, denn die Therapie, die er vollkommen lächerlich findet, dauert ihm zu lange. Ausserdem versteht auch ein tumber Nachtclubbesitzer, dass so eine Therapie möglicherweise nicht so ganz nach seinem Geschmack ausgehen könnte.

Doch zunächst muss der Therapeut der Tänzerin klar machen, dass er sie nur dabei unterstützen wird, sich selbst zu helfen, und sie nicht einfach mit einem Fingerschnipsen zurück auf die Bühne befördern kann. Der Fall der „Stripperin mit Bühnenangst“ erscheint ihm Grund genug, seine Kollegin und Ex-Geliebte Nina anzurufen.

„Dr. Michaels, ich brauche ihre Hilfe.“
„Bete“, sagte sie.
„Zu wem? Gott? Nun ja, tatsächlich hatte ich etwas vor Jahren mit ihr. Wir waren beide betrunken. Zumindest ich war es. Wie auch immer, wir verbrachten die Nacht zusammen. Am nächsten Morgen verschwand sie und rief nie wieder an. Hinterließ nicht mal eine Nummer, und ich habe sie seither nicht mehr gesehen. In Wahrheit hege ich immer noch einen Groll, aber ich habe gelernt, zu vergessen, loszulassen …“
„Ich kann nicht glauben, dass man dir die Zulassung erteilt hat“, lachte sie. „Wenn deine Klienten wüssten, mit wem sie es zu tun haben …“
„Mit wem haben sie es denn zu tun?“
„Mit jemandem, der das Wort Gott hört und es mit Sex in Verbindung bringt. Es ist beängstigend.“

Das Geheimnis der beiden ist eine gemeinsame Tochter. Der Psychologe hat sich damit arrangiert, dass er keinen Kontakt zu ihr hat, dass Ninas kranker Ehemann nie etwas davon erfahren soll, doch die Sitzungen mit der Nachtclubtänzerin werfen ihn etwas aus der Bahn. Damit hatte er nicht mehr gerechnet, in seiner abgeklärten Alltagsroutine, nur unterbrochen durch die Gespräche mit seinen Studenten. Auch die Tänzerin hat ein Mädchen, mit dem sie nicht leben darf. Das ist der interessanteste Aspekt dieses Romans: Wie sich der mit allen psychologischen Wassern gewaschene Profi dabei zusieht, dass ihm etwas entgleitet, er sein Leben für eine Zeitlang nicht mehr ihm Griff hat, Dinge tut, die er sich nicht erlauben dürfte. Auf eine Weise beruhigend. Der Mensch bleibt eben immer Mensch …

So simpel es klingen mag – dies ist ein Buch für alle, die sich für Psychologie interessieren und gerne Romane lesen. Die es mögen, ein wenig dahinter zu  schauen und sprachwitzige Dialoge lieben. Eine erhellend-lehrreiche und unterhaltsame Lektüre zugleich. Allein schon für die Sache mit der „kleine Münze“ bin ich Noam Shpancer dankbar. Schade, dass er nur diesen einen Roman geschrieben hat. Sicher sind ihm seine Patienten wichtiger …

Text und Podcast stehen unter einer Creative Commons-Lizenz.
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken

Noam Shpancer
Der gute Psychologe
Übers. von Brigitte Heinrich
Btb-Taschenbuch € 9,99
978-3-442-74507-4

6 Audio-CDs
Gelesen von Matthias Brandt
Der Audio-Verlag
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