Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Quirkologie oder: Warum der Sommer die Glückspilze hervorbringt

Quirkologie

So mancher kennt das Spiel Quirkle eventuell auch die Bedeutung des Substantivs „quirk“ – Schrulle, Spleen, Laune – aber Quirkologie / Quirkology, das eher nicht. Muß man auch nicht, denn der Psychologe Richard Wiseman hat diesen Begriff geprägt. Er bezeichnet damit Untersuchungen, welche die seltsameren Aspekte unseres Alltagslebens mit naturwissenschaftlichen Methoden analysieren. Dabei geht es eben nicht um die bahnbrechende Entdeckung, welche die Wissenschaft revolutioniert. Eher die kleinen, unbeachteten Momente:

„In den Experimenten ging es beispielsweise darum, an einer Verkehrsampel stehen zu bleiben und das Ausmaß des nachfolgenden Gehupes zu messen; zu untersuchen, warum eine unverhältnismässig große Zahl von Meeresbiologen den Namen Dr. Fish trägt; und zweifelsfrei nachzuweisen, daß Freitag der 13. ein ungesunder Tag ist.“

Man sieht also schon im Vorwort, daß hier neben der Wissenschaft auch die eine oder andere Marotte (englisch: quirk) des jeweiligen Forschers eine Rolle spielt und daß die Beispiele keinen geringen Unterhaltungswert haben. Also, dann mal los mit der Quirkologie:

Wiseman wollte wissen, ob die Finanzastrologie funktioniert. Sie will anhand des Gründungsdatums einer Firma Aussagen über den zukünftigen Unternehmenserfolg treffen. Teilnehmer der Studie: eine Finanzastrologin, ein erfahrener Börsenanalyst und ein kleines Kind. Jeder bekam 5.000 Pfund, um sie nach bestem Wissen auf dem Aktienmarkt anzulegen. Während die beiden Erwachsenen nach analytischem, bzw. langjährigem Wissen investierten, griff die vierjährige Tia aus hundert herunterrieselnden Papierschnipsel mit Firmennamen darauf vier zufällig heraus. Dummerweise war die Börsenwoche sehr turbulent, alle drei machten Verluste, Tia allerdings am allerwenigsten.

„Unser Investmentexperte … erklärte … er habe damit gerechnet, am schlechtesten abzuschneiden und daß Tia gewinnen würde, sei ihm von vornherein klar gewesen. Die Astrologin wandte sich wiederum an den Himmel, um ihr Versagen zu erklären. Wenn sie vorher gewusst hätte, daß Tia Krebs ist, so sagte sie, wäre sie überhaupt nicht gegen das Kind angetreten. Tia … sagte, sie könne sich den Sieg nicht erklären und habe im Kindergarten noch keinen wissenschaftlichen Unterricht bekommen.“

Das Experiment wurde ein ganzes Jahr weiter geführt, während dessen die Finanzmärkte um 16 Prozent schrumpften. Am Ende hatte der Broker rund 46 Prozent Verlust gemacht, die Finanzastrologin verlor gut 6 Prozent, während Tia fast 6 Prozent Gewinn erzielte. Fazit: Man sollte sich beim Geld anlegen nie beraten lassen, zufällige Auswahl – in einem anderen, ähnlichen Experiment mit Dartpfeilen – scheint am vielversprechendsten zu sein.

Wiseman hat nicht nur eigene Experimente konzipiert, er schildert gleichermassen in seinem Buch Quirkologie-Forschungsberichte, die in diversen Fachblättern versteckt erschienen waren. So das klassische Experiment von Stanley Migram aus den 1960er Jahren. Dabei ging es darum, wieviele Stationen ein Brief benötigt, wenn man ihn nicht per Post, sondern an eine Person direkt gegeben wird, mit der man per Du ist und von der man glaubt, daß sie die Zielperson kennen könnte. Milgram ermittelte, daß in vielen Fällen nur sechs „Stationen“ nötig waren, um der Zielperson den Brief zu übergeben. Es wurde vermutet, daß diese Zahl im Laufe der Jahre kleiner geworden, die Welt also noch mehr zum „Dorf“ geworden sei. Deshalb organisierte Wiseman 2003 eine Wiederholung. Zielperson war Katie Smith aus Cheltenham, eine Eventmanagerin.

„Wie sich herausstellte, lagen zwischen unseren ersten Freiwilligen und Katie in der Regel nur vier Stationen – zwei weniger als in Milgrams Experiment. Einige Ketten machen auf verblüffende Weise deutlich, wie eng Menschen, die sich völlig fremd zu sein scheinen, in Wirklichkeit verbunden sind.“

Eine für die Quirkologie typische Fragestellung ist, ob Glück und Pech auf Zufall beruhen. Die Hypothese war, daß man selbst durch Denken und Handeln zu Glück oder Pech beiträgt. So forderte Wiesman in einer Studie die Probanden dazu auf eine Zeitung durchzusehen und anschließend zu sagen, wieviel Fotos darin waren. In der Mitte des Blattes war eine halbseitige Anzeige „Gewinnen Sie 100 Pfund, indem Sie dem Versuchsleiter sagen, daß Sie diese Anzeige gesehen haben.“ Und tatsächlich übersahen die „Pechvögel“ mehrheitlich die Anzeige.

„Sie waren so auf das Zählen der Fotos fixiert, daß ihnen die Gelegenheit entging. Die Glückspilze dagegen waren entspannter, erkannten den größeren Zusammenhang und stießen so auf die Chance, 100 Pfund zu gewinnen. Damit war auf einfache Weise gezeigt, wie Glückspilze ihr Glück selbst schmieden können, weil sie eher in der Lage sind, eine unerwartete Gelegenheit so gut wie möglich zu nutzen.“

Damit nicht genug: Wer im Winter geboren ist, hat geringere Chancen, ein Glückspilz zu sein. Das untersuchten Wiseman / Jayanti auf einem Wissenschaftsfestival und per Internetaufruf. Am Ende beteiligten sich 40.000 Personen:

„Die Ergebnisse waren bemerkenswert. Jayanti hatte herausgefunden, daß Menschen, die im Sommer geboren sind, stärker zu Risikofreude neigen. Jetzt zeigten die neuen Ergebnisse, daß im Sommer (März bis August) geborene Menschen sich selbst auch häufiger für Glückspilze halten als solche, die im Winter (September bis Februar) geboren sind.“

Erklärungen dafür gibt es viele, die Umgebungstemperatur, die Ernährung, die im Winter anders sein könnte als im Sommer, etc. Aber der statistische Befund ist eindeutig. So finden sich weitere Untersuchungen in Wisemans Buch, die unsere Lebenswirklichkeit mehr oder weniger relevant, aber immer unterhaltsam durchleuchten. Quirky eben. Gelegentlich sind die Darstellungen der Untersuchungsanlagen etwas breit beraten, aber ich habe das Buch mit Vergnügen gelesen. Übrigens: Freitag der 13. hat keine negativen Auswirkungen, ebenso wenig wie die Begegnung mit schwarzen Katzen … Wer nun erfahren will, was – Wiseman zufolge – der lustigste Witz der Welt ist … der muß das Buch lesen.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: PJ Klein/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)


Richard Wiseman
Quirkologie – Die wissenschaftliche Erforschung unseres Alltags
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-17483-6