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Auch ein Familiendrama: „Hulk“

Ang Lee, Foto: Rex Bennett Creative Commons BY SA 2.0

Die Filmwissenschaftlerin und Ang Lee-Expertin Dr. Isabell Wohlfarth wirft für SchönerDenken einen ganz persönlichen Blick auf die Werke des taiwanesischen Regisseurs. Heute steht Lees Ausflug ins Comic- und Superhelden-Genre an: „Hulk“.


Eine Comic-Verfilmung – wirklich? So ganz glauben konnte ich es lange nicht, dass Mister Lee tatsächlich einen Film wie „The Hulk“ gemacht hatte. Es schien doch wenig zu ihm, zu seinem Faible für komplexe Geschichten und sensible Inszenierungen zu passen. Und man kann es gleich schon verraten: Das Projekt war weltweit ein Flop an der Kinokasse. Das jedoch nicht, weil Mister Lee seine Seele an ein Action-Abenteuer verkaufte, sondern gerade weil er seinen vielschichtigen Erzählstil mit dem Hau-Drauf eines Comic-Blockbusters verbinden wollte.

Back Story

Nach seinem Welterfolg „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ (2000) suchte Ang Lee eine neue Herausforderung:

„It feels like it’s time for me to approach a big movie, and make it in Hollywood, but still be personal.“

Mit einem riesigen Budget von 140 Millionen Dollar wurde der Film, der zurückgeht auf die weltberühmte Comic-Serie „The Incredible Hulk“ von Stan Lee und Jack Kirby aus den 60er Jahren, in sechs Monaten Drehzeit realisiert. Mister Lee war bei diesem Mega-Projekt erstmals einem spürbaren Erfolgsdruck ausgesetzt. Am Ende hagelte es Kritiken für den scheinbar „schlechtesten aller Ang Lee Filme“.

Story

Bruce Banner (Eric Bana) arbeitet als Wissenschaftler am Institut für nukleare Biotechnologie in Berkeley/Kalifornien. Dort kommt es bei einem Versuch zu einem schweren Unfall. Doch wie durch ein Wunder wird Bruce von den gefährlichen Gamma-Strahlen nicht getötet, er fühlt sich sogar besser als zuvor. Eines Abends aber verwandelt er sich plötzlich in ein grünes Riesenwesen, den Hulk, er verwüstet das Labor und flieht. Als Bruce erwacht, kann er sich an nichts erinnern. General Ross (Sam Elliott), der Vater seiner Ex-Freundin und Kollegin Betty Ross (Jennifer Connelly), scheint zu wissen, warum Bruce zum Monster wird. Der General versucht, den Mutanten fortan mit militärischen Mitteln zu fangen. Aber auch ein unbekannter Fremder (Nick Nolte) will den Hulk unbedingt herausfordern. Bruce ahnt inzwischen, dass die Ursache der Exzesse in seiner Kindheit liegen muss. Zusammen mit Betty, die in ihm das Opfer und nicht den Täter sieht, versucht er, Antworten zu finden – während seine Verfolger ihm lebensbedrohlich nah auf den Fersen sind.

Warten auf das grüne Funkeln

Unglaubliche Verwandlungen gehören seit Anbeginn des Filmzeitalters zu den spannendsten Elementen cineastischer Erzählungen. „The Hulk“ bedient diese ureigene Faszination des Zuschauers mit Wucht. Bis man das „Monster“ aber das erste Mal sieht, vergehen lange 40 Minuten. Der Mutant kündigt sich aber in kleinen Zeichen an, was den Suspense-Effekt steigert. In einer Szene etwa blickt Bruce in den Spiegel, da schaut der Hulk plötzlich als böses Spiegelbild zurück, schnappt das menschliche Ich mit seiner monströsen Faust und zieht es in seine Welt – hier werden Real- und Traumebene klug vermischt.

Der erwachsene Bruce wird ständig auf diese Art von seinem Unterbewusstsein heimgesucht, Alpträume jagen ihn, immer wieder erscheint ihm der Schatten des Monsters, und wiederholt taucht die Farbe Grün als Vorahnung der Mutation auf. Auch die erste Verwandlung beginnt mit einem grünen Blitzen in Bruces Wut erfüllten Augen. Von Anfang an hält die Kamera seinen Blick unter Beobachtung, verfolgt jedes Zeichen eins Stimmungsumschwungs. Der Zuschauer wartet gespannt auf den Moment der Metamorphose.

In einem Stöhnen und Knirschen bläht und spannt sich schließlich der zitternde Körper, die Zähne werden gefletscht, die Extremitäten schießen in die Höhe und durchbrechen die Kleidung. Mit einem Urschrei, der an Geburt und Tod gleichermaßen erinnert, ist der schmerzvolle Verwandlungsprozess beendet und Hulk zieht los, wie ein ungelenkes Kind, das zu schnell gewachsen ist, dumpf und massig in seiner Bewegung, die Füße zerstampfen, was sie treffen, die Arme fungieren als Schlagringe. Er legt nicht einfach aus freien Stücken ein Cape an, er kann seine Kräfte nicht kontrollieren, er wird zur Marionette seiner eigenen Wut.

Die Kamera schaut die ganze Zeit hin und zeigt, technisch meisterhaft, die Verwandlung komplett. So erlebt man noch eindringlicher, wie die fremde Macht ihn in Besitz nimmt – ein schmerzvoller Prozess, ausgelöst durch Wut, Schmerz und Ohnmacht.

Dass solche starken Gefühle zu emotionalen Ausbrüchen führen können, das kennen sicher viele. Das Hulksche Element steckt, laut Mister Lee, in jedermann:

„I think we all have that Hulk inside of us – our alter ego, […] everybody […] is dealing with their own ‘Hulk-ness’ inside of them.“

Auch innerhalb Lees Gesamtwerk könnte man den grünen Zörnling als wiederkehrendes Symbol sehen: Für den Moment, wenn die Figuren beginnen, sich gegen die Konventionen aufzulehnen, ihr Recht einzufordern oder ihre Gefühle endlich rauszulassen.

Für Mister Lee war die Gestalt des Hulk damals nach eigenen Worten auch Ausdruck seiner persönlichen Midlife-Crisis. Durchaus metaphorisch deuten könnte man deshalb die Tatsache, dass Lee bei den Dreharbeiten tatsächlich den Hulk mimte: Um die Bewegungen des Computer-Hulks für die Animation zu stellen, schlüpfte er in den dafür nötigen „motion capture suit“. Der Regisseur lieh somit der Kunstfigur Hulk Motorik und Mimik.

Die zerstörerische Kraft des Vaters

Auch wenn das Genre etwas anderes verspricht, ist „The Hulk“ eigentlich ein Familiendrama. Denn der grüne Mutant ist kein Action-Star, sondern das pervertierte Resultat von Bruces Kindheitstrauma. Das macht der Film schon in seiner Erzählweise klar: Immer wieder wechselt er zwischen zwei Zeitebenen, der Geschichte des Wissenschaftlers Bruce, der wiederholt zum Mutanten wird und den Rückblenden in seine Kindheit, durch die die Geschehnisse in der Jetztzeit erklärt werden. Die Übergänge sind nicht sauber, die Erinnerung dringt immer wieder plötzlich in die Haupthandlung ein. Das kurbelt den an manchen Stellen langatmigen Film wieder an, der Zuschauer bekommt in Mini-Häppchen erläutert, was Bruce damals widerfahren ist.

Als Bruce und Betty, beide unglückliche und emotional angeschlagene Erwachsene, in der eigenen Erinnerung kramen, verstehen sie immer mehr, dass ihre von Egoismus und Wahnsinn getriebenen Väter sie entscheidend geschädigt haben. Wieder setzt Mister Lee sich also mit scheiternden Vaterfiguren auseinander. Und die sind hier untrennbar verbunden mit ihrer jeweiligen Obsession, der Wissenschaft und dem Militär.

Der Hulk ist ein Produkt monströser Forschungshandlungen und militärischer Unterdrückung und damit universales Symbol für die Macht und Gefahr, die von diesen Institutionen ausgehen kann. Der gesellschaftskritische Aspekt ist gewollt. Schon die frühen Hulk-Comics reflektierten in der Figur des Mutanten gesellschaftliche Ängste der Zeit wie die Furcht vor radioaktiver Strahlung. Im heutigen Hulk schlummert zum Beispiel die Angst vor Terror, Gentechnik oder Naturkatastrophen.

Die wahre Gefahr aber, so betonte Mister Lee gerne, liege in der fehlenden Harmonie der Familie, der menschlichen Zerstörungsmacht von innen. Nur eine Person kann den Hulk deshalb kurzzeitig besänftigen: Wenn Betty den Mutanten anblickt, dann schwindet das furiose Grün in dessen Augen und die Rückwandlung setzt ein. Sie legt das Menschliche in ihm frei, sie ist Bruces wahre Familie. Ihr liebevoller Blick wird zum Zähmungsmedium.

Künstliche, bunte Comic-Ästhetik

Dass „The Hulk“ eine Comic-Verfilmung ist, zeigt sich vor allem visuell. Die Comic-Ästhetik wird in Split-Screens, Zoom-Sprüngen, Kunstblenden und speziellen Schriftarten zitiert. Um Emotionen und Reaktionen Genre typisch herauszustellen, werden die Augenpartien der Figuren zum Beispiel in unnatürlicher Nähe gezeigt. In Split-Screens wird das gleiche Geschehen aus unterschiedlicher Perspektive dargestellt oder gleichzeitige Handlungen an unterschiedlichen Orten in einem Bild zusammengefasst. Übergänge zwischen Bildebenen werden durch Kunstblenden morphisch gestaltet: Manchmal wuchert ein Bild wie ein Kaktus ins nächste hinein oder aus dem Auge einer Kröte entsteht ein neues Bild. Und um die Welt der Wissenschaft zu visualisieren, werden Solareffekte, mikroskopische Blicke und ein wiederkehrendes Farbkonzept eingesetzt. Das Künstliche dieser Filmsprache passt zum Thema, ist unterhaltsam und peppt den Film ganz gut auf.

Fazit: Zu viele Genres verderben den Filmbrei

Drama, Love Story, Comicverfilmung, Action-Film und Wissenschaftsthriller: Ohne Frage wollte Mister Lee mit “The Hulk” einfach zu viel. Gewohnt souverän versuchte er, jedem Genre seinen Platz einzuräumen, musste aber zwangsläufig damit scheitern. Das waren einfach zu viel psychologische Tiefe und zu komplexe Dialoge für ein nach Unterhaltung und Bumms gierendes Massenpublikum und zu lang gezogene, monströse Actionszenen für die meisten Cineasten.

Dabei war der Ansatz, die psychologischen Ursachen von Hulks Mutationen genauer zu beleuchten, eine interessante Idee. Ich habe wirklich mit Bruce gelitten, die tragischen, plakativen Bilder seiner persönlichen Katastrophe haben sich mir nachhaltig eingeprägt. Was das betrifft ist „The Hulk“ in vielen Punkten sogar ein ganz typischer Lee: wieder steht die Familie im Mittelpunkt, mit ihrer ganzen existenziellen und zerstörerischen Kraft. Die endlosen Action-Sequenzen dagegen, denen dann doch Timing und Rasanz fehlen, haben mich ziemlich gelangweilt. Hätte sich Lee auf die psychologischen und dramatischen Aspekte konzentriert, hätte der Film ein mitreißendes Psychogramm werden können.


Hulk
USA 2003, 133 Min., Regie: Ang Lee



Dr. Isabell Wohlfarth, geb. Goessele, arbeitet als Journalistin in Köln. Ihre Doktorarbeit wurde unter dem Titel “Das Kino des Ang Lee: Im Atem des verborgenen Drachen” veröffentlicht. Der Podcast wurde gesprochen von Thomas Laufersweiler.
Hier alle Beiträge der Reihe „Mr. Lee And Me“.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY NC ND 4.0.
Quelle: Dr. Isabell Wohlfahrt, geb. Goessele
Das Foto im Banner stammt von Rex Bennett und steht unter der CC-Lizenz BY SA 2.0


Das Kino des Ang LeeIsabell Gössele
Das Kino des Ang Lee
Im Atem des verborgenen Drachen

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Medienwissenschaften, Band 5
349 Seiten, Paperback, 2009
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