Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Die ertränkte Braut

Prof. Pu empfiehlt: Sieh mir beim Sterben zu von P. J. Tracy

Sie sind mir wirklich ans Herz gewachsen, die schrillen Typen von Monkeewrench, der Software-Firma, die der Mordkommission von Minneapolis schon so oft, wenn auch meist mit unlauteren Mitteln, geholfen haben. Auch in diesem Fall werden sie von den Detectives Leo Magozzi und Gino Rolseth um Hilfe gebeten, selbst das FBI muß sich den hervorragenden Kenntnissen der schlauen Hacker beugen.

Im Internet ist ein Film aufgetaucht, in dem eine Braut ertränkt wird, die Leiche dazu wurde tatsächlich im See gefunden.

„Die meisten von Ihnen haben verständlicherweise eine gewisse Abneigung dagegen, mit dem FBI zusammenzuarbeiten“, begann John Smith und bedachte seine Zuhörer mit einem angedeuteten Lächeln. „Das liegt vermutlich daran, daß die meisten von Ihnen regelmäßig gegen etliche Bundesgesetze verstoßen.“ Nervöses Lachen im Publikum. „Kurioserweise ist genau das der Grund, warum wir Sie heute hergebeten haben.“

Und dann will dieser FBI-Smith auch noch für die Dauer der Ermittlungen bei Monkeewrench einziehen, Harley dreht am Rad, Grace bleibt gefasst:

„Das geht Dir ganz schön an die Nieren, was?“
„Das kannst Du laut sagen, dass mir das an die Nieren geht. Wir werden für Gott weiß wie lange einen FBI-Fuzzi im Haus haben,der uns über die Schulter glotzt und jeden Schritt beobachtet, den wir machen.“
„Na und?“
„Na und? Na und?! Bist Du noch zu retten? Wir brechen bei der Arbeit täglich hundert Bundesgesetze. Wir knacken geschützte Websites – verdammt, wir haben uns doch schon beim FBI eingehackt, als wär’s unser eigenes E-Mail-Konto. Die warten, bis sie die Software haben, die sie von uns brauchen, und dann wandern wir für die nächsten hundert Jahre in den Knast. Mein Gott, wir schlagen diese Typen doch seit zehn Jahren grün und blau. Die hassen uns. Und was machen sie? Fragen lieb an, ob wir ihr beschissenes trojanisches Pferd nicht in unser Büro lassen wollen. Und wir öffnen ihnen Tür und Tor.“

Doch sie lassen es zu, denn die Polizei ist völlig verwirrt, immer mehr Filme von kaltblütigen Morden erscheinen, dazu diese rätselhafte Ankündigungen:

„StAdT dEr enGel. Kein Zuhause. Nicht weit vom Pier.“

Sind es Trittbrettfahrer, eine Gruppe von Killern, die sich in einem Internetforum gefunden haben, ist es nur einer? Zwei der Opfer, Serviererinnen von Fast Food-Restaurants, überleben ihre Mordanschläge nur knapp. Dann ist da noch der alkoholabhängige ehemalige Richter Jim, der sich ständig in die Ermittlungen einmischt.
Zu allem Überfluß tauchen in der ganzen Stadt auf öffentlichen Plätzen Gläser mit einer unbekannten Flüssigkeit auf, panikartig verlassen die Bewohner Minneapolis. Zur Verwirrung der Kommissare kommt Überforderung hinzu. Doch die gewieften Hacker finden immer wieder eine Lücke im Netz hier, eine Überwachungskamera da, eine IP-Adresse dort und zeigen den Profis von der Polizei, wo es langgeht …

Hinter dem Pseudonym P.J. Tracy steckt ein Autorenteam von Mutter und Tochter, denen nicht nur enorm spannende Handlungen gelingen, sondern auch wunderbar präzise Charakterbeschreibungen ihrer Protagonisten. Kommissar Gino, immer ans Essen denkend, Magozzi und seine unerfüllte Liebe zu Grace „mit ihrem Domina-Charme“, eine begnadete Hackerin und Köchin, die sich nach mehreren Anschlägen auf ihr Leben zu einem Kontrollfreak entwickelt hat. Von ihr habe ich übrigens meinen Bildschirmschoner-Satz übernommen:

„Du kannst nicht alles kontrollieren.“

Harley, Motorradfahrer und Genießer der teuersten Rotweine und Zigarren oder Annie, die Frau mit den schrillsten
Pailletten-Kleidern, und natürlich Roadrunner, spargeldünn und immer in Lycra-Anzügen mit dem Rennrad nterwegs.

Ich empfehle, die Krimis der Mutter-Tochter-Crew in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen, man hat dann noch mehr Spaß an den Personen: „Spiel unter Freunden“, „Der Köder“, „Mortifier“ und „Memento“, alle als Rowohlt-Taschenbuch erschienen. Und im September 2012 kommt „Todesnähe“ heraus – ich bin schon sehr gespannt!

P.J. Tracy
Tanja Handels (Übers.)
Sieh mir beim Sterben zu
Wunderlich-Verlag 2010 € 19,95
978-3-8052-0859-8