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„Der Turm“: Elite im Reservat

Christopher liest Uwe Tellkamps „Der Turm“

Die bürgerliche Nischengesellschaft in der DDR

Bürgerliches wurde in der DDR nur mühsam akzeptiert. Tellkamps Roman „Der Turm“ beschreibt das Leben einer Arztfamilie und ihren Kompromiss zwischen Anpassung und Rückzug.

ddrDie DDR war eine Nischengesellschaft, eine Zellkultur der besonderen Art. Abseits der Aufmärsche, der FDJ-Paraden und der Parteitagsreden, suchte man nach einem Raum für sein privates Glück. Die Nische war eine solche heile Welt. Durch sie versuchte man sich der allgegenwärtigen Präsenz des Staates zu entziehen. Ein Widerspruch, der den Alltag im real existierenden Sozialismus erträglicher machte. Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ beschreibt eine solche Nische. Ihre Bewohner gehören dem verleugneten Bildungsbürgertums an, sind geduldet und haben sich mit den ideologischen Anforderungen des „anderen Deutschlands“ arrangiert. Tellkamps Buch beschreibt ein Leben zwischen Widerspruch und Kompromiss.

Bürgertum als Notlösung in der DDR

Die Existenz eines Bürgertums war in der DDR nicht vorgesehen. Mit dem Beschluss der SED zum „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ 1952 hatte die „kapitalistische Klassengesellschaft“ ihr Ende gefunden. Entsprechend Ulbrichts Diktum gab es von nun an nur noch Arbeiter und Bauern. Das Bürgertum verschwand, soweit es noch nicht ausgewandert war, im Hintergrund. Allen Beschlüssen zum Trotz bestand jedoch weiterhin Bedarf an Richtern, Wissenschaftlern und Ärzten. Seiner gesellschaftlichen Stellung enthoben, wirkte das Bürgertum als Funktionselite weiter. Daran änderte auch das allmähliche Vordringen einer im sozialistischen Sinne erzogenen Generation nur wenig.

Vertraut mit den Spielregeln und dem Selbstverständnis der sozialistischen Gesellschaft orientierte sich das Bürgertum an den Traditionen seiner Vorgänger. Klassische Musik, Literatur, Kunst und Kultur blieben ideologieferne Refugien. Der bürgerliche Bildungskanon kompensierte zwar fehlende materielle Leistungsanreize. Er vermochte aber nicht die Defizite und Pressionen des sozialistischen Gesellschaftssystems auszugleichen. Angesichts der scheinbaren Unveränderbarkeit der ideologischen Verhältnisse gerät der Spagat zum Überlebenstraining.

Erosion bürgerlicher Werte in Tellkamps Turmgesellschaft

Tellkamps Turmgesellschaft wandert auf einem schmalen Grat. Beruflich wie materiell privilegiert, durch Kultur und Bildung herausgehoben, schwanken die Mitglieder des Dresdner Turmviertels zwischen Verweigerung und Kollaboration. „Der Turm“ schildert diese Grenzüberschreitungen am Beispiel der Arzt-Familie Hoffmann sowie deren Verwandten. Der Chirurg Richard Hoffmann, seine Frau Anne und ihren beiden Söhne Christian und Robert sind Bestandteil eines Beziehungsgeflechts, das weit über den engeren familiären Rahmen ausstrahlt und die Bewohner des Stadtteils mit einbezieht. Seine Bewohner sind räumlich und gesellschaftlich eng mit einander verbunden.

Sie nehmen Führungspositionen ein, arbeiten als Handwerker, Betriebsleiter oder leitende Angestellte weitestgehend eigenverantwortlich. Ihre Kinder besuchen Gymnasien und widmen sich, wie ihre Eltern, der Kunst und Kultur. Das bürgerliche Sauerstoffzelt, so scheint es, konserviert die alten Werte. Doch auch diese Bastion weist bereits Risse auf, der sozialistische Alltag ist auch hier eingekehrt. Die persönliche Karriere, der Wunsch den Söhnen ein Studium zu ermöglichen – die Gründe für eine Kooperation mit SED und Staatssicherheit sind vielfältig. Die Leidensfähigkeit ist aufgebraucht, die Bereitschaft zum Kompromiss steigt. Hoffmanns machen da keine Ausnahme. Die Folge ist eine allmähliche Nivellierung der bürgerlichen Werte. Begriffe wie Beruf, Familie und Bildung werden einerseits von der SED instrumentalisiert, andererseits verlieren sie durch die sozialistische Umformung der Gesellschaft ihre Bedeutung

Konflikt im Turm

Die damit einhergehende Erosion wird an dem ältestem Sohn Christian exemplarisch verdeutlicht. Der musikalisch interessierte Gymnasiast vereinigt mehrere Gegensätze in sich: Die aufklärerischen Ideale des Bildungsbürgertums, die Einsicht in die Notwendigkeit der politischen Anpassung sowie der jugendliche Wunsch nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Christians innere Konflikten gehen über pubertäre Orientierungslosigkeit eines Jugendlichen hinaus. Sie beschreiben vielmehr auch die Krise der Turmgesellschaft selbst.

Mit der Darstellung Christians und der Dresdner Turmgesellschaft spielt Tellkamp unter anderem auch auf Goethes „Turmgesellschaft“ im Wilhelm Meister an. Ihr Anspruch, jeden bei der Suche nach seinem individuellen Platz durch die Klärung seiner Bestimmung zu helfen, widerspricht allerdings den Prinzipien der sozialistischen Gesellschaft. Nicht die Selbstfindung des Einzelnen, sondern Klassenbewustein und Linientreue sind nun der Maßstab für gesellschaftlichen Erfolg. An die Stelle des Einzelnen tritt die Ideologie. Tellkamps Roman beschreibt ein gesellschaftliches Strukturproblem der ehemaligen DDR. Christians Schwanken zwischen Individualität und Anpassung reflektiert auch die fehlende Anerkennung des Bürgertums.

Am Vorabend der Wende

„Der Turm“ ist ein Übergangsroman. Ein Roman der persönlichen Veränderung, des gesellschaftlichen Wandels und der ideologischen Stagnation. Nicht nur die Ära der konservierten Bürgerlichkeit auch die der sozialistischen Machthaber neigen sich Mitte der achtziger Jahre ihrem Ende entgegen. Tellkamp beschreibt die bleierne Zeit zwischen Breschnew und Gorbatschow und damit den Spätherbst des Sozialismus. Er beschreibt die Resignation der Eliten, die Gewöhnung an den Mangel und das gemeinsame Warten auf den Untergang des alten Systems. Kurz: Eine Zeit in der es in der DDR für einiges noch zu früh, für vieles aber schon zu spät war. Kein Land für Jugendliche, wie einer von Tellkamps Protagonisten einmal bemerkt. Aber das ist ja nun Geschichte.

Uwe Tellkamp
Der Turm

Suhrkamp 2008
Gebunden, 976 Seiten
ISBN 978-3518420201
Euro 24.80

Der Beitrag erschien zuerst bei suite101.

Links

Auf der Buchmesse 2008: Uwe Tellkamp im Gespräch mit Evelyn Fischer. Und hier Uwe Tellkamp im „Turm“, ein Video des Suhrkamp-Verlags: