Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

In Teufels Küche – Tom Hillenbrands „Teufelsfrucht“


Mit freundl. Genehmigung des Verlags Kiepenheuer und WitschEin toter Gastronomiekritiker, zwischen den Gängen einfach umgefallen, entfacht detektivische Energie in Xavier Kieffer, luxemburgischer Koch und Eigentümer des „Deux Eglises“. Warum war der Kritiker des renommierten „Gabin“ überhaupt in seinem unbedeutenden Restaurant aufgetaucht, woher hatte er Kieffers Visitenkarte? Hatte Kieffer sich doch aus dem Sternekoch-Wahnsinn schon lange verabschiedet, um sich gemütlich und ganz ohne Burn-Out-Gefahr regionalen Gerichten und moselfränkischen Weinen zu widmen und damit gut am „EU-Beamten-Zirkus“ zu verdienen.

Jetzt steht er erst einmal unter Verdacht, was er vollkommen absurd findet. Warum sollte er einen Restaurantkritiker vergiften, von dem er nicht einmal ahnte, dass er sein Lokal besuchen wollte? Er verabredet sich in Paris mit der Chefredakteurin des „Gabin“, Valérie Gabin (Ähnlichkeiten mit dem Michelin sind sicher beabsichtigt), sie befragt ihn neugierig zu seiner abgebrochenen Chefkoch-Karriere:

„Wenn ich jemanden interessant finde, neige ich dazu, ihm ein Loch in den Bauch zu fragen.“
„Macht nichts. Der alte Boudier, das ist mein Lehrmeister, der hat es bis heute nicht verwunden, dass ich der sogenannten Spitzenküche den Rücken gekehrt habe. Er hat mir immer wieder gesagt, was für ein Idiot ich sei – und dass es noch nicht zu spät für mich wäre …“
Gabins Augen weiteten sich. „Sagten Sie gerade Boudier? Paul Boudier?“
„Ja, ihm gehört das „Renard Noir“ in Chalons-en-Champagne. Dort habe ich meine Lehrjahre absolviert. Was ist mit Boudier?“
„Ricard war bei ihm zum Essen. Am Tag, bevor er starb.“

Kieffer mietet einen Wagen und fährt nach Chalons. Findet nur noch die verkohlten Reste von Boudiers Restaurant, vom Meister keine Spur. Er erinnert sich daran, dass Boudier eine heimliche Versuchsküche besaß, dringt dort ein, findet keinen Meister, aber ein Gefäß mit rätselhaftem Frucht-Inhalt, und muss sich vor vermeintlichen Einbrechern verstecken, die ihm später noch öfter begegnen werden.

Wieder zu Hause angekommen, experimentiert er mit der seltsamen Frucht und stellt fest, dass sie – pur ungenießbar – zubereitet aber einen ungeheuren, unbeschreiblich geschmacksverstärkenden Effekt hat. Versuchskaninchen dafür ist sein Freund Pekka Vatanen, finnischer EU-Beamter, der ihm bei seinen Recherchen auf vielerlei Art zu helfen weiß, Hauptsache, Kieffer bekocht ihn und schenkt großzügig ein. Vatanen arbeitet im Landwirtschaftsbereich der EU, berichtet immer wieder gruselige Dinge aus der wundersamen Welt der Lebensmittelindustrie und den EU-Richtlinien, und kennt einen Wissenschaftler, der die unbekannte Frucht analysiert.

Währenddessen nimmt die Geschichte einen rasanten Lauf, Kieffer muss sich leider auf der Suche nach Boudieu mit seinem früheren Kollegen Leonardo Esteban treffen, ein Star- und Fernsehkoch mit überdimensionalem Ego, den er noch nie leiden konnte. Durch ihn hört er zum ersten Mal von einem Foodscout, den Esteban Boudieu empfohlen hat, und den merkwürdigen Problemen, „Wow-Faktoren“ auf die Sterne-Teller zu zaubern, ganz das Gegenteil von Kieffers bodenständigem Hasenpfeffer:

„Keitel ist der hombre, den man anruft, wenn man Zutaten braucht, die sonst keiner hat. Der hat ein Netzwerk von Leuten, die seltene Früchte, Beeren und so Zeug aufspüren. Und das verkauft er an Restaurantchefs.

Diese experimentieren dann mit jenen raren Fundstücken, die von großen Lebensmittelkonzernen finanziert werden:

„Wenn der Food-Konzern sieht, dass eines von Keitels Früchtchen vermarktbar ist, dann passiert Folgendes: Erst begeisterte Berichte in der Presse über dieses neue Trendfood, auf das immer mehr Sterneköche abfahren. Das ist der Ritterschlag.“ (…)
„Dann seguidamente, bringen sie in der Klatschpresse ein paar Sachen. Madonna schwört auf die Schnickschnack-Bohnen, weil die jung halten, geil machen, so was in der Richtung. Und dann fangen die Verbraucher an, nachzufragen, wo man denn diese tollen Bohnen kaufen kann. Und kurz danach stehen sie in jedem supermercado.“ Esteban grinste. „100 Gramm zu 17,99 das Päckchen. So funktioniert das.“

Und so funktioniert auch der Showdown des Krimis, Kieffer hat sich zu weit aus dem Fenster gelehnt und kommt dem international agierenden Food-Konzern zu nah und somit auf die Schliche. Davor gibt es mehrere Tote unter den französischen Sterneköchen, auch sein Meister Boudieu wird tot aufgefunden, man lernt noch eine Menge über die Lebensmittelindustrie, EU-Vorschriften, und vor allem die Gier der Menschen … und über die Freude an gutem Essen ohne „Schnick-Schnack-Bohnen“ …
„Teufelsfrucht“ ist Tom Hillenbrands erster Kriminalroman, mittlerweile hat er seinen Xavier Kieffer noch weitere drei Fälle lösen lassen. Ich wünsche guten (Lektüren-)Appetit!

PS: Zur weiteren Anregung zum Thema „Freude am Kochen und gutem Essen“ empfehle ich den köstlichen Film „Kiss the Cook“, der gerade im Kino läuft.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)


Tom Hillenbrand
Teufelsfrucht
Ein kulinarischer Krimi
KiWi-Taschenbuch € 8,99
978-3-462-04287-0