Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Wanderung unter dem Fleischmond

Gedichte, die du siehst, bevor du stirbst – Hendrik traut sich trotzdem

Gedichte, die du liest, bevor du stirbt - ich traue mich trotzdem...

Gedichte, die du siehst, bevor du stirbst? Scheint mir die beste Zeit zu sein, Gedichte anzuschauen

„Poems you see before you die“

… nein, das ist nicht die lyrische Version des guten alten Monty Python-Sketches vom ‚Tödlichen Witz‘, sondern es ist schlicht das Motto, unter das der Frankfurter Bildkünstler Ray Rubeque und der Autor George Koehler ihre gemeinsame Bild/Textkunst gestellt haben, die in einigen handlichen kleinen Bändchen (fünf sind geplant, der dritte gerade frisch erschienen) in der „Handschmeichler edition“ vorliegen.

Warum sich die Beiden nicht nur als The Glutton Group, sondern u.a. auch als „a two-man army of Verbindlichkeit“ bezeichnen, ist mir schleierhaft. Aber meine dadurch genährte Befürchtung, die von klassischen Haiku- und Senryu-Poesiekurzformen inspirierten Texte Koehlers würden sich jetzt in Dinglisch abspielen, bewahrheitet sich zum Glück nicht.

Die bisher erschienenen Bändchen schmeicheln tatsächlich der Hand, und ich merke schon beim ersten Durchblättern, warum es „poems you SEE before you die“ heißt und nicht „poems you READ before you die“. Denn die Texte Koehlers sind kurz genug, um mit einem Blick erfasst, mit einem zweiten Blick um das jedem Text beigefügte Bild ergänzt zu werden und so Text und Bild zugleich zu sein, und das ist ja nun so ziemlich das Multimedialste, was ein in Schwarzweiss gedrucktes Bändchen auf die Schnelle zu leisten vermag.

Die Texte sind in englischer Sprache, die dazugehörigen Illustrationen ebenso wie  Haikus auf die wesentlichen Pinselstriche reduziert: konkretisierend vergröbert, wenn man so will. Was formal einen Haiku der traditionellen Sorte ausmacht – siebzehn Silben, ein Naturbezug, ein lyrisches Ich –, kann man meistens hier wiederfinden, wie z.B. in dem Gedicht

NIGHTSTALKER
A cold meat moon and
Thousands of stars, lighting my
Path with midnight thoughts.

Aus Poems You See Before You Die Band 2

Aus Poems You See Before You Die Band 2

Nächtliche Melancholie ist wohl eines der ältestehrwürdigen Themen für die Form des Haiku. Schon die frühen Beat-Poeten haben solche formalen und atmosphärischen Konventionen dann gerne aufgenommen und damit gespielt – sie mit bewusst gesetzten Modernismen, Brüchen, Provokationen angereichert, manchmal damit gesprengt, manchmal zu neuem Leben erweckt. Die Bildgedichte/ Gedichtbilder der Glutton Group stehen ganz klar auch in dieser (längst selbst zur Konvention gewordenen) Tradition der Brechung von Tradition. Aber sie hinterlassen angenehmerweise insgesamt nicht das Gefühl, hier werde eine längst verpasste literarische Anarchie mangels eigener Ideen aus dem Wachkoma gerüttelt. Dazu sind die „poems you see before you die“ insgesamt nicht effektheischend genug. Ein bisschen spaßbesoffen zuweilen schon, aber dabei auch sehr entspannt und nicht anbiedernd: man will sich erstmal selbst eine Freude bereiten, und wenn dann andere den Spaß teilen möchten, sind sie herzlich eingeladen. Damit entfalten die poems ein Charisma, das von den spielverliebten, sinnlichen Gedichten Adrian Mitchells nicht weit entfernt ist (ich erinnere z.B. an Ten Ways To Avoid Lending Your Wheelbarrow To Anybody), oder vielleicht auch das vor Jahrzehnten schon in die Literatur hineingelebte genüsslich-skurrile Daseinsgefühl eines Richard Brautigan runderneuert und quietschvergnügt in unserer Gegenwart abliefert.

Entsprechend legt sich die Glutton Group auch thematisch offenbar nicht gern fest, streift von Politik über die Philosophie zur allgemeinen Lebenskunst und wieder zurück, ist mal witzig, mal ernst, mal auf jene ungewisse Art philosophisch, bei der man dann erstmal nicht weiß, ob einem da profunde Weisheit oder rhetorische Spiegelfechterei begegnet:

WAGGING IN MY VEINS
Memory is an
Obsessive surgeon cutting
Through old scar tissue…

" ... a new film to feed your neurons .. "

" ... a new film to feed your neurons .. "

Diesen Effekt teilen sie sich für mich gelegentlich noch mit so einigen, von Erich Fried bis Laurie Anderson, und das ist ja nicht die schlechteste Gesellschaft.

Eine weitergehende Einladung zur Spaßteilung ergibt sich dadurch, dass die Texte der Glutton Group nicht nur betrachtet, sondern auch gehört werden können. Dazu tragen die Sprechbude und einer ihrer Beiträger, Schauspieler Christoph Maasch maßgeblich bei, und diese Zusammenarbeit übersetzt die Texte vom Bildlichen auch ins Stimmliche, auf Wunsch dann auch zusätzlich in deutscher Nachdichtung.

Und so hört sich das dann an: Romeo und Julia

Aus dem brandneuen Poems You See Before You Die Band 3

Aus dem brandneuen Poems You See Before You Die Band 3

Wie kann man darüber hinaus Gedichte noch intensiver erlebbarer machen? Indem man sie um das Element der Musik und die Dimension der Unmittelbarkeit erweitert, sprich: live zelebriert. Wer Lust hat, dieser Intensivierung nachzuspüren, ist herzlich eingeladen, der Release Party des dritten Bändchens der Reihe „poems you see before you die“ beizuwohnen, die neben einer Ausstellung eine multimediale (zweisprachige) Lesung mit Musik und anschließender Jam-Session bietet. Gedichter geht’s nicht.

A TON OF RIVETING GRACE
When reality chains
Us to clichés, metaphor
Becomes an escape.

Die Release-Party, mit Ray Rubeque (Bilder), George Henry Koehler (Texte/Stimme), Christoph Maasch (Stimme), Günter Bozem (Percussion) und anderen fand statt am 7. März 2010
Ort: Landungsbrücken Frankfurt a.M.
Ausstellung ab 16.00 Uhr, Lesung um 19.00 Uhr