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„The International“ I.: Moralische Dialoge

„The International“ findet gleich doppelten Widerhall bei uns. Heute stellt Axel moralische Fragen an „The International“, der ihm nicht schlecht gefallen hat. Morgen folgen mit ihrer Kritik die Üblichen Verdächtigen.

© 2009 Sony Pictures Releasing GmbHWenn mein Kollege Gerhard einen Film empfiehlt, dann ist das nicht immer Ernst zu nehmen. Schließlich ist der Mann Wirtschaftsredakteur und wie die die Krise vorher gesagt haben wissen wir alle. Aber im Fall von „The International“ hatte er recht. „Geh’ da rein, gut gemacht“, sagte Gerhard also und hatte im nachhinein betrachtet Recht. Denn wenn ich binnen anderthalb Stunden nur einmal daran denke, dass ich im Kino sitze und den Rest der Zeit tief im Film versunken bin, dann spricht das für einen hohen Unterhaltungswert des Werks. Tom Tykwer ist mit „The International“ tatsächlich ein in sich runder Thriller gelungen, dessen Plot zwar einige Schwächen aufweist, die freilich durch starke und stark komponierte Bilder mehr als kompensiert werden.

Die Handlung ist nicht besonders originell und schnell erzählt: Interpol-Agent Lou Salinger (Clive Owen) versucht die kriminellen Machenschaften und Waffenschiebereien einer Großbank auffliegen zu lassen. Sein Gegenspieler ist der Vorstandsvorsitzende dieser IBCC-Bank Jonas Skarssen (Ulrich Thomsen), der nicht als Fiesling inszeniert ist sondern als skrupelloser Manager, der keine moralischen Grenzen kennt. An der Seite des „Guten“ kämpft die New Yorker Staatsanwältin Eleanor Whitman (Naomi Watts), die eine seltsam konturlose blasse Figur bleibt. Ihr Abgang kurz vor Ende des Films wirkt denn auch nicht als Verlust.

Das philosophisch-moralische Herzstück des Films hat Drehbuchautor Eric Singer Altstar Armin Müller-Stahl zugewiesen. Der arbeitet als Ex-Stasi-Offizier erst für die IBCC-Bank bevor er die Seiten wechselt. Vom Kommunisten zum Großbankberater, dann zum Interpolhelfer, die Gegensätze sind hier vordergründig angelegt und der Bogen eines Lebenslaufs weit gespannt. Ein bisschen zu weit nach meinem Geschmack. Gerechtigkeit ist eine Illusion lautet das Credo Wexlers und doch sehnt der sich – so wird es dargestellt – im hintersten Winkel seines Herzens nach Erlösung. Die wird ihm in Form einer Kugel ins Herz prompt auch zu Teil. Tja, schlummert nicht in jedem Stasioffizier auch ein guter Mensch? Hat nicht alles Böse auch eine gute Seite? Das ist mir als Anti-Hollywood-Credo wider die Schwarz-Weiß-Malerei von Gut und Böse zwar einerseits Recht – ansonsten aber nicht nur im Darwin-Jahr drei Nummern zu platt.

© 2009 Sony Pictures Releasing GmbHDie Frage nach persönlicher Verantwortung, die im Film gestellt wird, ist eine der ganz elementaren Fragen, die jeder für sich immer wieder neu beantworten muss. Da werden wir von Tykwer im Dilemma zwischen Realpolitik und Moral allein gelassen. Oder doch nicht? Beim Showdown über den Dächern von Istanbul sorgt am Ende ein tödlicher Schuss für klammheimliche Freude bei allen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass ein Bad Banker mit der Moral eines Adolph Eichmann nur seine Pflicht getan hat. Und im Übrigen jederzeit als „Charaktermaske“ ersetzbar sein könnte durch einen anderen, gleich gestrickten Bösen.

Nun ist „The International“ kein Film aus dem Nonnenkloster, klar, aber wer anfängt, moralische Dialoge zu führen muss sich auch daran messen lassen, wie er sich mit den Konsequenzen auseinander setzt. Und da finde ich „The International“ zu oberflächlich, wenn nicht sogar zynisch. So ein bisschen befriedigte Rachlust lässt einen doch zufriedener das Kino verlassen, wenn der Schurke nach Vendetta-Manier hingestreckt wird. Auge um Auge, ein bisschen Todesstrafen-Feeling, das erleichtert ungemein. Dabei dachte ich, wir wären seit 2000 Jahren ein Stück weiter.

Wenn ich schon am Kritteln bin: Ja, das Guggenheim-Museum war phantastisch nachgebaut, ene imponierende Leistung der Studios in Babelsberg. Leider ist Tom Tykwer dem Reiz erlegen, diesen Aufwand durch filmische Überlänge angemessenen Attribut zu zollen. Das hätte er besser bleiben lassen. Kill your darling, heißt es nicht umsonst spätestens in der Nachbearbeitung beim Filmschnitt. Selbst unter formal-ästhetischen Gesichtspunkten ist das Shootout im Guggenheim viel zu lang geraten und das war denn auch tatsächlich die besagte Stelle im Film bei der ich daran dachte, dass ich im Kino sitze und mir hier jemand seine teuren Kulissen vorführt. Weniger wäre mehr gewesen.

Dennoch: ich glaube, ich werde sogar noch einmal in „The International“ gehen. Schon wegen des wunderbaren Schnitts von Mathilde Bonnefoy, der so unaufdringlich die Story vorantreibt. Und wegen der satten Bildsprache von Frank Griebe, der eine pulsierende offene Halsschlagader ähnlich ästhetisch anmuten lässt wie einen Schwenk über den malerischen Bosporus. Auch die gelungene Digitalmontage des futuristisch anmutenden Wolfsburger Phäno-Museums an den Lago d’Iseo in Oberitalien ließe sich dann noch einmal genauer bewundern. Dochdoch: alles in allem ein beeindruckender Film.

© 2009 Sony Pictures Releasing GmbH