Zwischen Kirk und Kafka

Mit Bleistift und Farbe auf den Spuren der Großmutter: Interview mit Barbara Yelin

Barbara Yelin © Reprodukt

Barbara Yelin © Reprodukt

Barbara Yelin erzählt in ihrem Comic-Roman „Irmina“ von einer jungen Deutschen, die Mitte der 30er Jahre nach London reist, um eine Ausbildung zu absolvieren. Irmina ist ehrgeizig und will unabhängig sein. In London lernt sie den Oxford-Stipendiaten Howard kennen. Dass seine Hautfarbe dunkel ist, stört sie nicht. Sie verliebt sich in den jungen Mann aus der Karibik – während in Deutschland die Nazis ihr Unwesen treiben.

Trotzdem fährt Irmina heim, als ihr das Geld ausgeht – fest entschlossen, so schnell wie möglich nach England zurückzukehren. Doch sie opfert ihre persönliche Freiheit dem Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg und wird zur Mitläuferin im Nazi-Regime. Barbara Yelin hat sich für „Irmina“ von der Biografie ihrer Großmutter inspirieren lassen. Vier Jahre Vorbereitung, davon anderthalb Jahre am Zeichentisch, stecken in dem Buch. Barbara Buchholz hat sich auf der Frankfurter Buchmesse mit Yelin unterhalten.

Barbara Buchholz: Du hast für „Irmina“ viel Material gebraucht wie Fotos, Briefe oder Zeitungen. Wie hast du recherchiert?

Barbara Yelin: Ich hatte die persönlichen Dokumente meiner Großmutter, die aber sehr bruchstückhaft waren. Wie Puzzleteile. Außerdem habe ich viel das Internet benutzt, weil man darüber Zugang zu vielen Archiven hat und zum Beispiel Zeitzeugenberichte lesen kann. Ich habe mich an Tagebüchern aus der Zeit orientiert und mir Elemente aus anderen Biografien geholt. Ich habe Originalfilmmaterial gesichtet und mir Zeitungen aus der Zeit genau angeschaut: wie historische Ereignisse gespiegelt und gelogen wurden durch die Nazipropaganda und die Gleichschaltung. Schlagzeilen und Artikel, Propaganda-Plakate und Verbotsschilder zeige ich im Buch ja auch. Ab der Hälfte des Buches habe ich mit dem Historiker Alexander Korb zusammengearbeitet, auf den ich beim Recherchieren über Sekundärliteratur gestoßen bin. Er hat geprüft, ob die historischen Hintergründe richtig sind, und ich konnte ihm Fragen stellen. Er hat auch das Nachwort geschrieben, in dem er etwa den Alltag im Nationalsozialismus, aber auch den Aspekt der Mitschuld aufgreift und mit verschiedenen Stationen im Buch verhakt.

Cover „Irmina“, © Barbara Yelin/Reprodukt

Cover „Irmina“, © Barbara Yelin/Reprodukt

BB: Du hast auch in der Geschichte deiner Familie während der NS-Zeit recherchiert. Hattest du Berührungsängste? Und wie hat deine Familie reagiert?

BY: Ich habe meiner Familie immer gesagt, dass ich die Geschichte meiner Großmutter lediglich als Inspiration benutze und alle Namen ändere. Nicht, weil ich etwas verstecken will, sondern damit klar ist, dass es hier sich um einen Roman handelt. Meine Familie war total offen. Trotzdem ist es schmerzhaft, sich mit der persönlichen Geschichte auseinanderzusetzen. Aber gerade unsere Generation hat, glaube ich, die Distanz und die Verantwortung, sich zu fragen, was für eine Haltung die eigenen Großeltern oder Urgroßeltern eigentlich hatten. Da wir emotional den größeren Abstand haben, können wir das vielleicht besser, während das für die Generation vor uns viel schmerzhafter war. Aber es zerreißt einen schon, wenn man sich klar machen muss, dass die gleichen Leute, die man gekannt und oftmals auch geschätzt hat, wie viele andere die Verbrechen der Nazis nicht verhindert haben und sich durch das Wegschauen mitschuldig gemacht haben daran. Und schlimmer noch, dass sie vermutlich in den Hass und die Hetze eingestimmt haben.

BB: „Irmina“ ist konsequent aus der Perspektive der Protagonistin erzählt. Warum war dir das wichtig?

BY: Ich wollte nicht von vornherein eine Einordnung schaffen durch eine Erzählerstimme oder einen Kommentar, der sagt, was richtig und falsch ist, mit wem man Mitleid haben muss oder wer Schuld hat. Das wollte ich dem Leser nicht abnehmen – auch wenn ich natürlich eine Haltung dazu habe. Außerdem hat mich interessiert, wie dieses Wegschauen funktioniert. Das habe ich versucht aus Irminas Blickwinkel zu erzählen. Ich nähere mich dem Thema von der Zeichnung her und wollte visuell darstellen, wie sich ihr Blick verengt.

Abb. Aus „Irmina“, © Barbara Yelin/Reprodukt

Abb. Aus „Irmina“, © Barbara Yelin/Reprodukt

Am Anfang stehen die Figuren zum Beispiel noch sehr frei im Raum, ich habe auf Panelrahmen verzichtet. Je mehr Irmina in die politisch beklemmende Zeit kommt, umso stärker verengen sich auch die Panels. Und umso stärker rücke ich näher an die Leute heran und verenge den Blick. Es war spannend und eine Herausforderung durch die Zeichnung zu zeigen, was jemand nicht sehen will. Ich wollte zeigen, dass Wegschauen nicht passiv, sondern eine aktive Entscheidung ist. Und schließlich kann ich keine generelle Einordnung einer Generation oder der Gruppe der Mitläufer bieten. Ich bin ja keine Historikerin. Deswegen mache ich eine Geschichte aus einer Perspektive und versuche, da wirklich genau hin zu schauen.

Abb. Aus „Irmina“, © Barbara Yelin/Reprodukt

Abb. Aus „Irmina“, © Barbara Yelin/Reprodukt

BB: Der Zeichenstil ist anders als im vorigen Buch „Gift“. Zum Bleistift kommen Buntstift und Deckweiß, mit Wasser verwischt. Warum hast du dich dafür entschieden?

BY: Der Bleistift ist ein phantastisches Werkzeug, legt einen aber schon sehr fest. Außerdem hätte der Bleistift von vornherein die Düsterkeit der Geschichte beschrieben. Ich wollte eine Technik, die sowohl hellere Szenen zulässt als auch die dunklen, die aber so flexibel ist wie der Bleistift. Deswegen habe ich diese Mischtechnik gewählt. Ich kann auch hier noch radieren und übermalen und wieder wegnehmen. Die Zeichnungen bleiben skizzenhaft, sehr offen, das war mir wichtig. Denn das Buch ist ein Versuch, eine Rekonstruktion und das darf auch sichtbar sein. Aber es gibt jetzt auch eine Art Farbstrategie: Am Anfang ist Blau dabei, in der Mitte Rot als Nazi-Farbe und im dritten Teil kommt Grün dazu.

Abb. Aus „Irmina“, © Barbara Yelin/Reprodukt

Abb. Aus „Irmina“, © Barbara Yelin/Reprodukt

BB: Du arbeitest viel mit dem Bleistift. Was gefällt dir daran?

BY: Erstmal ist er ein einfaches Werkzeug, das du überall hin mitnehmen kannst, das nicht teuer ist, das aber sehr vielfältig einsetzbar ist. Du kannst dick oder dünn damit zeichnen, sehr schwarz oder ganz zart. Du kannst ihn wieder wegnehmen oder wischen. Ich muss meine Zeichnungen immer erst selber sehen, um zu verstehen, wo sie hingehen und was noch verändert werden muss. Deswegen brauche ich eine Technik, die sich vom klassischen Inken unterscheidet. Ich versuche auch, so lange es geht analog, also am Zeichentisch zu arbeiten, denn ich kann besser auf dem Papier kreativ sein als am Rechner. Aber natürlich ist die Digitalisierung notwendig am Schluss, zum Beispiel für die Retusche und die Farbbearbeitung.

BB: Deine Werke entstehen also am Zeichentisch und werden später am Rechner bearbeitet?

BY: Ja, und auch der Text wird am Rechner zusammengesetzt und korrigiert. Der ist handgeschrieben, aber ich mache ihn separat. Auch, damit man ihn übersetzen kann, „Irmina“ kommt ja ungefähr gleichzeitig auch auf Französisch heraus.

BB: Könntest du dir vorstellen, vorwiegend oder ausschließlich am Computer zu arbeiten?

BY: Das habe ich auch schon gemacht. Der Computer hat großartige Möglichkeiten, eigentlich alle und noch mehr, die das Papier hat. Meine Erfahrung ist aber, dass er nicht so viele Fehlerquellen bietet und dass ich die Fehlerquellen brauche, um aus dem Gewohnten heraus zu stolpern. Für mich ist das wichtig, dass irgendwann das Papier durch ist, wenn man 20 Mal korrigiert. Oder Zufälligkeiten wie: Die Farbe fällt um und dann ist da ein großer blauer Fleck und ich denk mir: Hey, das sieht doch ganz gut aus. Und dass man eben nicht gleich Apfel Z machen kann, das ist schon gut. Für viele Arbeitsschritte ist der Rechner aber super. Ich arbeite am liebsten verschränkt mit Papier und Grafiktablett, würde ich sagen.

BB: Dein erstes Buch ist 2004 in Frankreich erschienen. Wie würdest du sagen, hat sich die Comicszene in Deutschland in den zurückliegenden zehn Jahren verändert?

BY: Ich war ja damals ja noch totaler Neuling. Aber aus meiner Sicht hat sie sich total verändert. Sie ist viel größer geworden, viel offener und vielschichtiger. Es werden mehr deutschsprachige Comics verlegt und es gibt mehr Leser. Comics werden auch viel stärker in der Presse wahrgenommen. Das heißt aber immer noch nicht, dass wir in Saus und Braus davon leben können. Wir bräuchten Förderungen wie etwa Arbeitsstipendien oder Artist-in-Residence-Plätze für Comiczeichner. So etwas unterstützt nicht nur, sondern motiviert auch. Es gab ja viel Diskussion um das Berliner Comic-Manifest, aber ich bin weiterhin der Meinung, dass es die Akzeptanz und den Radius vergrößern würde, wenn Comics wie Literatur und Film staatliche Kulturförderung bekommen würden. Denn so sind gerade lange Projekte wie „Irmina“ einfach eine krasse Selbstausbeutung, zeitlich wie finanziell. Abgesehen von der Leidenschaft macht man das natürlich als Investition, weil, wenn es gut läuft, daraus Aufträge folgen und Aufmerksamkeit. Aber das alleine, das kannst du nicht essen.

BB: Deine Bücher sind von Anfang an in Frankreich erschienen, wo der Comicmarkt viel größer ist…

BY: Tolle Ausgangssituation, ja. Ich bin auch weiterhin total dankbar, dass der Verleger Thierry Groensteen damals meine ersten beiden Bücher herausgebracht hat, von denen klar war, dass sie auch dort ein eher kleines Publikum finden, weil sie sehr speziell waren. Es ist großartig, dass ein Verlag solche Projekte fördert, denn, wie Thierry Groensteen selber mal gesagt hat: Wenn sich erst das dritte Buch gut verkauft – jemand muss doch die ersten beiden machen, sonst kommt der Zeichner ja gar nicht bis dahin. Und immer nur in den großen Ferien zu zeichnen – ich sehe das nicht. Ich finde, der Beruf des Comiczeichners muss so sein, dass man nicht irgendwann aufhört, weil man zum Beispiel eine Familie haben will. Das schaffen schon manche, aber das ist eine Herausforderung.

Abb. Aus „Irmina“, © Barbara Yelin/Reprodukt

Abb. Aus „Irmina“, © Barbara Yelin/Reprodukt

Abb. Aus „Irmina“, © Barbara Yelin/Reprodukt

Abb. Aus „Irmina“, © Barbara Yelin/Reprodukt

„Also konkret diese Szene, die während der Novemberpogrome spielt, wo die Irmina rausgeht und man sieht, was da passiert, aber merkt, wie sie selber eben nicht wirklich hinschaut, und wie sie dann diese Freundin trifft und die unterhalten sich übers Einkaufen. Und erst, als dann die, da arbeite ich dann mit großen Doppelseiten, als das Panorama wieder aufgeht, und die Kamera sozusagen rauszoomt, versteht der Betrachter, was eigentlich gerade passiert.“

Barbara Yelin (* 1977 in München) studierte Illustration an der HAW Hamburg. Ihre ersten Comics erschienen 2004 und 2006 in Frankreich bei Actes Sud/Edition de l’An 2. Sie zeichnete deutschsprachige Kurzgeschichten unter anderem für die Anthologie „Spring“, die von einem Kollektiv von Zeichnerinnen herausgegeben wird. 2010 veröffentlichte Barbara Yelin mit dem Autor Peer Meter den Comic-Roman „Gift“ über den historischen Bremer Kriminalfall Gesche Gottfried. Er erschien beim Reprodukt-Verlag, genau wie der Sammelband „Riekes Notizen“. Diesen täglichen Comicstrip zeichnete Yelin 2011/12 für die Frankfurter Rundschau. Barbara Yelin lebt und arbeitet in München.

Barbara Yelin
Irmina
Reprodukt
288 Seiten, 39 Euro
ISBN 978-3-95640-006-3

Auch die Redaktion von Puls (BR) ist von „Irmina“ begeistert (Video in der ARD Mediathek).

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