FilmPodcast zwischen Kirk und Kitano

Der Vier-Sekunden-Refn oder: Schönheit über dem Abgrund in „The Neon Demon“

Elle Fanning in "The Neon Demon" © 2016 Koch Media

Elle Fanning in „The Neon Demon“ © 2016 Koch Media


Eins vorab: In „The Neon Demon“ versteckt sich ein richtig guter Film. Man müsste ihn nur neu schneiden – härter und schneller. Und kürzen. Aber zuerst müssen wir uns entschuldigen für den akustischen Hintergrund, denn wir haben den Podcast während der Fußball-Europameisterschaft aufgenommen, nach dem portugiesischen Halbfinalsieg – im portugiesischen Viertel …

Aber zurück zum Film: Optisch-akustisch ein Trip oder wie es Hendrik formuliert:

Das ist ja, als hätte Henry James das Drehbuch für „Showgirls“ geschrieben …

Hat hier ein Narzisst einen Film über Narzissmus gemacht? „Ein Diamant in einem Meer aus Glas“, heißt es in „The Neon Demon“. Uns beschlich das Gefühl, dass Winding-Refn sich als dieser Diamant im Glas von Hollywood sieht. Wie dem auch sei, im Podcast reden wir über Tabubrüche, die nicht irritieren und über Horrorelemente, die nicht schockieren. Es wird Menschen geben, die diesen Film zu schätzen wissen. Die Üblichen Verdächtigen gehören nicht wirklich dazu, finden am Ende aber versöhnliche Worte. Direkt nach dem Film am Mikrofon: Lukas, Felix, Uwe, Hendrik und Thomas.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

The Neon Demon
USA 2016, 118 Min., Regie: Nicolas Winding Refn


Andere Menschen,
andere Meinungen

Neue Maßstäbe in Sachen Style over Substance diagnostiziert Antje Wessels: „Winding Refn will weder erzählen, noch aufklären. Stattdessen ergötzt er sich in einem visuellen Exzess, in dem jedes Bild bis in den letzten Pixel durchgeplant und die Mannequins buchstäblich bis in die Haarspitzen durchgestylt sind. Wenn ein Film es in den letzten Jahren verdient hat, das eigentlich so ausdrucksschwache Prädikat „Kunstfilm“ zu verdienen, dann „The Neon Demon“.“

Eine schwer verdauliche Dekonstruktion in den Augen von Julius Zunker (mehrfilm): „Wohl die meisten Kinogänger werden einen Film verlangen, der Sinn ergibt. “The Neon Demon” ist dahingehend ein Flop, ein Fetisch, hohle Verlockung. Der Anfang ist verständlich, konsumentenfreundlich wie ein H&M-Katalog. Er beginnt als Thriller, verwandelt sich aber im weiteren Verlauf in einen Film, wie ihn ein makaber veranlagter Scherzbold mit Hang zu surrealem Ekel drehen würde.“

Interessanter Gedanke von Sebastian Selig (hardsensations): „Ein Horrorfilm. Höllenfilm. So wie STARSHIP TROOPERS von Paul Verhoeven ein Kriegsfilm ist. Völlig unbefangen mit Körpern spielend. Schmerzhaft schön alle Schleusen öffnend. Hinter jede Tür sehend. Immer wieder gnadenlos zu weit gehend.“

cutrin (filmosophie) ist nicht überzeugt: „Die Frage bleibt aber dennoch, ob wir einen Film wie The Neon Demon wirklich noch sehen wollen. Er erklärt die Schönheit zwar zu einem Wert. Aber im Gegensatz zu vielen wunderbaren Filmen, die dem Stil den Vortritt vor dem Plot und klar artikulierte Fragestellungen geben, stellt sich bei Nicolas Windung Refn kaum ein den Blick weitendes Schwelgen in ästhetischem und emotionalem Überfluss ein. Affekte und Glitterpartikel perlen ab an den glatten Oberflächen, am kalten Design, die Symbole bleiben ewig ineinander gespiegelte Klischees, die Referenzen lieblos.“

Stefan Geisler (cinema forever) ist begeistert: „Refn hat mit „The Neon Demon“ einen filmischen Rausch erschaffen, einen visuell großartig umgesetzten Horrorthriller, dem in seinen besten Momenten tatsächlich der Spagat zwischen Dario Argentos skurrilem Farbentanz „Suspiria“ und der Künstlichkeit einer albtraumhaften Heidi-Klum-Topmodel-Inszenierung gelingt. Spätestens wenn hier Verweise zur Legende um die „Blutgräfin“ Elisabeth Báthory gezogen werden, dreht „The Neon Demon“ jedoch vollkommen frei und die Neonröhren-Laufsteg-Blase zerplatzt in einem Schwall aus Blut und Gewalt.“

Unschlüssig ist Philipp (DasCinemascope): „Wie auch zuvor greift Refn zum guten alten Stilmittel des Tabubruchs. Was haben wir denn schönes in der Mottenkiste? Nekrophilie. Klar, gerne. Kannibalismus? Warum nicht? Sexueller Missbrauch von Minderjährigen? Fast etwas profan, aber kann nicht schaden. Die Frage ist, warum?“

Einen ganz persönlichen Blick auf den Film hat Sandra Scholz (Die fabelhafte Welt der Aurea): „Der unerreichbare Traum von der Perfektion entpuppte sich als Minenfeld, in dem ich nicht bestehen konnte, in dem jeder Schritt ein Fehltritt war. Vielleicht spricht „The Neon Demon“ mich deshalb so sehr an: Er zeigt mir, was ich kenne, verpackt in Schönheit. Lässt mich teilhaben an dem Traum der mir als Normalität verkauft wurde, bis er unerträglich wird, ich nicht mehr hinsehen will und kann. Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.“

Beatrice Behn (kino-zeit) ist schonungslos und klärt auf: „Es geht Winding Refn darum, einen Film machen zu können, in dem Minderjährige vergewaltigt, Frauen zerstückelt, sexualisiert und vor allem in absolut jedem Moment vorgeführt werden. Das beginnt bei einer Fotografie-Session mit einer Minderjährigen und endet bei einer Kamerafahrt zwischen die Beine einer Frau. Neon Demonwartet mit einer ganzen Reihe anstößiger Szenen auf. Keine von ihnen ist relevant für die Narration. Keine bringt die Geschichte voran, entwickelt die Charaktere weiter oder hat sonst irgendeine Relevanz; es geht nur um die Schaulust, um den Spaß an solchen entwürdigenden Momenten. Es ist ein sadistisches Vergnügen im Deckmäntelchen von Kunst.“ Überhaupt eine sehr lesenswerte Doppelkritik – die andere stammt von Joachim Kurz.

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