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Der magische Realismus der Maren Ade: Das Kinowunder „Toni Erdmann“

Sandra Hüller in "Toni Erdmann" @ 2016 Komplizen Film

Sandra Hüller in „Toni Erdmann“ @ 2016 Komplizen Film


Intensive Diskussionen nach dem Film – die Üblichen Verdächtigen versuchen das Geheimnis dieses Films zu ergründen. Ein Brett von einem Film, ein zottiges Monster von einem Film, der uns darüber nachdenken lässt, was wirklich ist und was wesentlich. Eine Komödie? Das auch. Ein unter die Haut gehendes Familien- und Psychodrama. Ein anstrengendes, berührendes, großartiges Filmereignis. Im Podcast reden die Üblichen Verdächtigen leicht erschlagen über Maren Ades Magie, die fantastische Sandra Hüller, über Sebastian Schipper und die Kunst der Kameraführung. Am Mikrofon direkt vor dem Capitol-Kino in Mainz: Bettina, Katharina, Tom, Uwe und Thomas.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Toni Erdmann
D 2016, 162 Min., Regie: Maren Ade


Andere Menschen,
andere Meinungen

Anna Wollner hat für Kino-Zeit mit Regisseurin Maren Ade gesprochen und unter anderem nach „Toni Erdmann“ als Komödie gefragt – Maren Ades Antwort: „Ich wurde von internationalen Journalisten oft gefragt – die Deutschen und Humor, wieso geht das auf einmal? Ich habe diese Frage nicht so richtig verstanden. Denn wenn man sich mal die deutschen Komiker oder Kabarettisten anguckt, Helge Schneider, Gerhard Polt, Loriot – das ist alles unser Humor. Ich glaube, wir sind damit ganz gut ausgestattet. Und Toni Erdmann ist für mich auch keine reine Komödie, eher ein Film über Humor.“

Beatrice Behn (auch kino-zeit) traut sich das Siegel „Meisterwerk“ aufzukleben und schwärmt: „Da ist mehr. Unter dieser Oberfläche ist Wärme, sind Gefühle und warmer, charmanter Witz. Die wahre Geschichte Toni Erdmanns findet subkutan statt. Und das gelingt nur, weil sich der Film Zeit lässt, nichts überstürzt und seine Figuren einander und an den Zuschauer ganz langsam annähern lässt. Der Sog, der dadurch entsteht, ist unausweichlich, geradezu magnetisch.“

Lesenswert: Die ausführliche Besprechung von Sebastian Groß (moviebreak): „Die Kernthematik von Toni Erdmann ist dabei die stetige Wiederannäherung zwischen Winfried und Ines, die voller Höhen und Tiefen steht und jede davon ist amüsant, aber auch berührend und manchmal sogar irritierend, etwa wenn Winfried als Toni seine Tochter quasi dazu zwingt vor Fremden einen Whitney  Houston-Song zu singen, genau den, den sie als junges Mädchen so gerne mit ihrem Vater tonierte. Diese Szene ist bezeichnend für den gesamten Film, weil Maren Ade es hier (wie im Rest des Films) problemlos gelingt innerhalb kurzer Zeit ein authentisches Gefühlsspektrum zu erzeugen, was über einen hereinbricht: Lachen, Verwunderung, Scham, Mitleid – alles drin.“

Es ist Maren Ades Blick auf die Menschen, der den Unterschied macht. Magdalene Miedl (Ohne Papier) sagt: „TONI ERDMANN ist schräg und dabei zärtlich, und trifft genau die richtigen Töne. Ironie, nicht Zynismus ist es, mit der Ade ihre Protagonisten bis hin zu den letzten Nebenfigur zeichnet, etwa Ines‘ etwas schmierigen deutschen Vorgesetzten oder ihre großäugig bemühte rumänische Mitarbeiterin. Die Klasse jener Menschen, die als Unternehmensberaterinnen Firmen die Rechtfertigung für Kündigungen liefern, die wird hier im eigentlichen Wortsinne bloßgestellt, und doch nicht ihrer Menschlichkeit beraubt.“

Am Ende schließen wir uns dem Zeilenkino an: „Schaut euch diesen Film an. Lest vorher am besten nichts über den Inhalt. Lasst euch von Trailer oder Inhaltsangabe nicht abhalten, nicht zu verfrühten Eindrücken verführen. Sondern seht einfach selbst. Denn diesen Film vergisst man nicht.“