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Vorstandsvorsitzende from Outer Space!

Hendrik liest Die Aliens sind unter uns! Herrschaft und Befreiung im demokratischen Zeitalter von Christoph Spehr

Die Coverabbildung dieses 1999 erstmals erschienenen Buches zeigt keine Tentakel, Fühler, seltsame Handfeuerwaffen und im Hintergrund geparkte phantastische interstellare Fahrzeuge. Lediglich drei äußerst korrekt gekleidete Herren der Typenkategorie ‚Oberes Management‘ blicken ungehalten und etwas grimmig von den papiernen Insignien ihrer Herrschaft über die Erdenwesen auf, um sich ablichten zu lassen. Unwillkürlich fragt man sich, was der Sicherheitsdienst wohl anschließend mit dem Fotografen angestellt hat.

Christoph Spehr, seines Zeichens Historiker, politischer Journalist und Lehrbeauftragter in Berlin, erzählt in seinem Sachbuch davon, dass wir Menschen bereits seit Jahrzehnten von Aliens entmündigt und ausgebeutet werden, die zwar auf den ersten Blick wie Menschen aussehen, aber nicht eigentlich welche sind, und eigentlich unterscheiden sie sich von uns überhaupt nur durch ihr antisoziales und un—menschliches Denken.

Im Unterschied zu den Büchern Erich von Dänikens und anderer Präastronautikforscher stellt Spehr damit jedoch nicht die These auf, die Erde hätte tatsächlich irgendwann mal Besuch von anderen Planeten erhalten, sondern er benutzt das Attribut Aliens als eine Denkmetapher: natürlich sind seine Aliens Menschen, aber eben eine neue und ganz besondere Art von Mensch, die derzeit kräftig dabei ist, die politischen und ökonomischen Strukturen so zu gestalten, dass die ’normalen‘ Menschen immer weniger und die Aliens immer mehr von der Erträgen der Erde abbekommen.

„Die ersten Alien-Generationen waren noch recht schematisch designt“, so schreibt er, „die einzelnen Exemplare unterschieden sich oft kaum voneinander. Zwischen 1945 und 1970 wurde weltweit ein genetisches Modell <Funktionsträger> bevorzugt, das direkt mit Schlips und dunklem Anzug verwachsen war. Dieses robuste Exemplar hielt jahrzehntelang – […] Adenauer kam auch aus dieser Serie. Nach den weltweiten anti-alienistischen Aufständen der sechziger Jahre wurde dieser verräterische Déjà-vu-Effekt jedoch abgeschwächt, und das genetische Design wurde vielfältiger. Funktionsträger-Aliens wurden jetzt in allen gewünschten Farben und Geschlechtern erzeugt: sie tragen das Hemd auch mal offen und können auf Stehempfängen Witze erzählen.“ (S. 113)

Spehr beschreibt nun im Einzelnen, wie diese Funktionsträger ihre Herrschaft ausbauen und konsolidieren, und er zieht dazu, um die Sache zu veranschaulichen und kurzweiliger zu gestalten, Vergleiche aus diversen Medienuniversen heran: <Akte X>, <Star Trek> und <Star Wars>  bis hin zu Liedtexten von The Queen. So erklärt er anhand des Grundkonfliktes bei <Star Wars> (Rebellen gegen Imperium) das Problem des Widerstandes gegen das alienistische System, der sich zu ausschließlich über die Oppositionsrolle definiert, um selbst eine Organisationsalternative bieten zu können; er stellt anhand eines Vergleiches der Jawas (das waren die kleinen vermummten Schrottsammler, remember?) und der Piloten wie Han Solo verschiedene Kleinformen sozialer Strukturen und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile dar und kommt zu dem Schluss:

„<Star Wars> ist Gegenwart, intergalaktisch verfremdet.“ (S. 270)

Er kombiniert offensichtlich humoristisch gedachte Thesen – die Klimaverschmutzung soll die Erde an das von den Aliens bevorzugte Klima annähern, die seit Jahrzehnten immer wieder gesehenen UFOs sind die interkontinentalen Lufttaxis der Aliens, und so fort – mit tatsächlich erwägenswerten und einleuchtenden Darstellungen bestimmter politischer Zusammenhänge und Entwicklungen. Und die Verhaltensweisen, die Spehr ’seinen‘ Aliens zuschreibt, kommen dem Lesenden spontan sehr bekannt vor: die stets den ohnehin schon überfüllten Taschen immer mehr zusprechenden Politiker zählen ebenso dazu wie der Beamte, der zwar zustimmt, wenn man ihn darauf hinweist, dass die Verfügung, die er gerade erlässt, schädlich und widersinnig ist, sich aber dennoch völlig schuldlos und im Recht wähnt, weil so nun einmal die Vorschriften und ihm damit die Hände gebunden seien.

Die Aliens sind für Spehr die Menschen, die nichts erschaffen, sondern nur das von anderen Erschaffte verwalten können, geistlos einem System dienen, ohne es je zu hinterfragen, und soziale – also menschliche – Regungen jederzeit den Vorgaben der Erhaltung dieses Systems opfern. Er beschreibt keine Fremdrasse, sondern eine Geisteshaltung – und das tut er sehr pointiert und treffend.

Die Medienbeispiele, die er heranzieht, wirken dabei für den Lesenden wohl zum Teil eher irritierend, sofern er nicht zufällig genau die gleichen Filme und Serien geschaut hat wie Spehr. Wenn der Autor im Verlauf des Werkes zunehmend häufig auf die sukzessive eingeführten Beispiele wie Erlenmeyer-Kolben (<Akte X>), den Maquis (<Star Trek>), Löffel (<Matrix>), Sonnenbrillen (<Sie leben!>) die Piloten (<Star Wars>) und die Emerald Bar (The Queen, <Spread Your Wings>) zurückgreift, wirkt das irgendwann eher etwas aufgepropft und löst die Frage aus, worauf die ganze Analyse eigentlich hinausläuft. Und leider bleibt das Buch, so brillant es teilweise geschrieben ist, diese Antwort zuletzt schuldig.

Den Anspruch aufzuzeigen, „wie wir die Aliens loswerden, und wie wir verhindern, dass immer neue entstehen“ (so steht’s im Klappentext) erfüllt es keineswegs. Nun gut: Das wäre ja vermutlich auch zuviel verlangt, denn wenn etwas aus diesem Buch zu lernen ist, dann, dass die uns beherrschenden Aliens ständig neue und immer bessere Wege finden, ihre Herrschaft zu festigen. Längst sind wir (zumindest in Deutschland) über das diktatorische Stadium hinaus, in dem Kritik einfach verboten war. Die Aliens haben vielmehr gelernt, ihrer Opposition breiten Raum zu geben und sie zugleich ihrerseits zu instrumentalisieren: sich persönlich unangreifbar zu machen und ihr System so flexibel zu gestalten, dass Kritik daran ins Leere läuft.

Letzten Endes weist Spehr lediglich nach, was man eh längst weiss, nämlich dass es – inkl. der sog. Demokratie – kein politisches System gibt, dass nicht offenbar zwangsläufig ab einer bestimmten Größe abstrakt, in sich selbst verfangen, unbeweglich und korrumpiert wäre: den Menschen gegenüber, denen es eigentlich dienen soll, ent—fremdet, damit zunehmend un—menschlich und eben: alienistisch. Spehr kann ja auch nichts anderes tun, als uns die Realität, aus deren Versatzstücken wir – mangels anderer Baukästen – unsere Fiktionen stricken, auf dem Umweg über diese Fiktionen neu zu erklären. Und so legt man das Buch zur Seite, nachdem man ihm zuweilen traurig nickend zugestimmt und zuweilen auch herzhaft gelacht hat, aber dem nächsten Alien wird man genauso hilflos gegenüber stehen wie vor der Lektüre. Es ist eben, wie Spehr selbst sagt, kein so gut vorsortierter und übersichtlicher Kampf

„wie die Schlacht um Naboo in <Star Wars – Die dunkle Bedrohung>: 8000 imperiale Kampfdroiden auf der einen, die putzigen Gungans auf der anderen Seite, fein säuberlich getrennt auf einem grünen Rasen wie auf einem englischen Cricketfeld. Nein, es ist ein langatmiger, verwickelter Kampf, wo aus Siegern immer wieder Aliens schlüpfen können, und er besteht nicht nur im Kampf sozialer Bewegungen gegen das Establishment, sondern mindestens ebenso sehr im Kampf um die sozialen Bewegungen selbst. […] Wenn sich die jungen Skywalkers den Schweiß von der Stirn wischen, erschöpft und glücklich, daß ihre Bewegung einen Erfolg errungen hat, haben die Aliens noch lange nicht aufgegeben, sie auf die dunkle Seite der Macht zu ziehen, und gratulieren mit den vielsagenden Worten: <And you, young Skywalker: We will watch your career with great interest!>“ (S. 248/249).

Wahrscheinlich ist das auch der Grund, aus dem uns Filmbösewichte oft doch eher eindimensional vorkommen: wir sind außerhalb des Kinos da ganz andere Kaliber gewöhnt. Und die wurden nicht in einem Ei auf einem fernen Planeten entdeckt, sondern aus uns selbst geboren: wir wählen sie, sehen sie im Fernsehen, kaufen die von ihnen vermarkteten (natürlich nicht selbst hergestellten) Produkte, nennen sie Vorstandsvorsitzende und Chef – und manchmal betrachten wir sie im Spiegel. Das Geheimnis der Dunklen Seite der Macht besteht lt. Spehr nicht darin, tatsächlich die ultimate Macht zu haben (das ist ökonomisch gesehen viel zu ineffizient), sondern nur zu verhindern, dass sich umsetzbare Alternativen gruppieren; dann verfinstert sich der Rest wie von selbst.

Spehrs Buch ist damit eines von jenen vielen schlauen Werken, in denen auf der Suche nach der berühmten schwarzen Katze im völlig abgedunkelten Raum jemand sagt <Da hinten ist sie!>. Immerhin sagt er es auf durchaus originelle und interessante Weise, aber eine funktionierende Taschenlampe hat er natürlich auch nicht dabei.

P.S.: Beim Nachsehen, zu welchem Preis und in welcher Ausgabe das in meiner Version als Siedler Taschenbuch beim Wilhelm Goldmann Verlag, München, erschienene Taschenbuch derzeit zu bekommen ist, entdeckte ich eine weitere Kritikverhinderungsstrategie der Aliens: Auflagen aufkaufen. Inlands ist das Buch derzeit nur noch zu verblüffenden Schwarzmarktpreisen zwischen 88 (Amazon) und – man glaubt es kaum – 740 (Booklooker) Euro zu haben. Vielleicht ist das aber auch die erweiterte Version des Werkes, in dem die von mir vermissten Entalienisierungsstrategien drinstehen? Naja, da muss ich wohl mal meinen örtlichen Verbindungsmann kontaktieren. Christoph Spehr wird in der Wikipedia übrigens als ‚deutscher Science Fiction-Autor, noch ohne Eintrag‘ gelistet – auch das ein Verdunklungsmanöver? Ah, wir Filmgucker haben das doch eh längst alles durchschaut. Wie schreibt einer der Spehr-Rezensenten bei Amazon so schön: „Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen“. Also: Obacht, Aliens, we’re gonna watch your careers with great interest!