Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Kino ist eher die Kunst, Träume zu schaffen, als dass es deren Erfüllung bieten könnte …“

Prof. Pu empfiehlt: Bilder im Kopf von Michael Ballhaus mit Claudius Seidl

Ich bin nicht unbedingt der Mann, den man einen Träumer nennen würde. Aber ich bin ein Mann des Kinos, und das Kino ist eher die Kunst, Träume zu schaffen, als dass es deren Erfüllung bieten könnte. Ich mag Träume, ich liebe es, mich ihnen hinzugeben, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das Kino brauchte, um zu lernen, dass es nicht unbedingt darum geht, dass diese Träume sich erfüllen; denn dann brauchte man ja, um wieder träumen zu können, einen neuen Traum, wo man doch den alten gerade liebgewonnen hat.

Mit freundl. Genehmigung DVA / Verlagsgruppe Random HouseAls Kind eines Schauspieler-Ehepaars 1935 in Berlin geboren, wächst Michael Ballhaus in einer für die Nachkriegszeit, noch dazu in der schönen fränkischen Provinz, ungewöhnlichen Künstlerkommune auf. Schon als Junge fotografierte er für das von seinen Eltern gegründete Fränkische Theater Schloss Maßbach, das heute von Ballhaus‘ Nichte geleitet wird. Mit neunzehn Jahren lernt er durch seinen Vater Max und Marcel Ophüls kennen, seine erste Berührung mit dem Film.

Ich kannte kaum Filme, ich war noch nie an einem Filmset gewesen – und so kam es, fast zwangsläufig, dass das, was ich da sah, meine Maßstäbe prägte und meine Vorstellung davon, was Kino sei und was es könne, bestimmte.

Er macht eine Fotografenlehre und beginnt 1960 als Kameramann beim Südwestfunk zu arbeiten. Ende der Sechziger Jahre wird er Rainer Werner Fassbinders Kameramann und unter anderem berühmt durch seine ersten 360°-Kamerafahrten, wie zum Beispiel in „Martha“. Die Art, wie er die Kompliziertheit Fassbinders und seiner Entourage beschreibt, ist ehrlich, ohne den Voyeurismus zu bedienen. Trotzdem fragt er sich im Nachhinein, wie er es ausgehalten habe, sechzehn Filme mit dem schwer gestörten Fassbinder zu drehen.

Nach ihm kam Geissendörfers „Zauberberg“, der Ballhaus heute gar nicht mehr gefällt, was er selbstkritisch zu begründen weiß. Als Kameramann von Peter Lilienthal kommt er erstmals in die USA und dann passiert das, was er immer nur zu träumen wagte: Ein Anruf aus Hollywood. Von Martin Scorsese.

„Die Zeit nach Mitternacht“, „Die Farbe des Geldes“, „Die letzte Versuchung Christi“, „Good Fellas“, „Zeit der Unschuld“, „Gangs of New York“, „Departed“. Dazwischen mein persönlich schönster Ballhaus-Film  „Die fabelhaften Baker-Boys“ von Stephen Kloves, Schlöndorffs „Tod eines Handlungsreisenden“, Coppolas „Bram Stokers Dracula“, Redfords „Quizshow“, Petersens „Outbreak“ und „Air Force One“. Eine atemberaubende Filmografie. Wie sehr wünschte ich mir während des Lesens eine Ballhaus-DVD-Gesamtausgabe, um mit dem Buch in der Hand einzelne Szenen zu sehen, die er so anschaulich beschreibt.

Ballhaus‘ Erzählstil ist packend, nie langweilig. Er hat ein erstaunliches Erinngerungsvermögen und bleibt immer bescheiden, in Anbetracht der zahlreichen famosen Filme, in deren Abspann sein Name steht. Wenn die Eitelkeit, die ich ihm bei dieser Karriere durchaus zugestehe, mit ihm durchgeht, holt er sich sehr schnell wieder zurück. Er bleibt immer auf dem Boden, vielleicht auch, weil er sich aus dem anstrengenden und bisweilen irren Hollywood-Leben immer wieder in seine langjährige Ehe, seine Familie, zurückziehen konnte. Umso tragischer, dass seine Frau verstarb, kurz nachdem er mit dem Drehen aufhörte und er endlich richtig viel Zeit für sie haben wollte.

Ironie des Schicksals in doppelter Hinsicht, denn freimütig gibt er in seinem Buch zu, dass er immer wieder Probleme mit weiblichen Regisseuren hatte, um dann in zweiter Ehe eine Filmregisseurin zu heiraten, Sherry Hormann, mit der er den Film „3096 Tage“ über Natascha Kampusch drehte.

Selten hat mich ein biografisches Werk so absorbiert wie das von Michael Ballhaus. Was für ein Leben! Ich bin voller Respekt und auch immer noch sehr berührt von seinem Auftritt in „Titel Thesen Temperamente“. Am Ende des Beitrags kommen mir die jedes Mal die Tränen, wenn er sagt, dass er wegen seiner Augenerkrankung „gegen die Verzweiflung“ nur noch Hörbücher genießen könne, und das für einen Augenmenschen wie ihn …

Einige Kritikpunkte habe ich leider doch, an den Co-Autor oder den Lektor gerichtet: Der Südwestfunk hieß nie Südwestdeutscher Rundfunk und auf der Musikgruppe Rammstein mit zwei M kann das US-Militär in der Pfalz nicht landen. Was ich sehr vermisst habe, ist eine chronologische Filmografie. Bedauerlich, in einem Buch des so präzise arbeitenden Michael Ballhaus. Ein Buch, an dem Cineasten nicht vorbeigehen dürfen!

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger / SchönerDenken

Michael Ballhaus mit Claudius Seidl
Bilder im Kopf
Die Geschichte meines Lebens
DVA 2014 € 22,99
978-3421-04566-9