Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Die dunkle Seite des Lesens: „Büchergrüfte“

Foto: Anders Ljungberg CC-BY

Totenschädel in Malmö, Foto: Anders Ljungberg CC-BY


Der kleine, rote – aber unübersehbare – Totenkopf auf dem Umschlag signalisiert die Richtung, in der die Reise gehen soll: Der Tod lauert überall, wenn man sich mit Büchern beschäftigt. Im Vorwort warnt Erich W. Steinhauer, daß bislang Bibliotheken üblicherweise für Bibliophile freundliche, sympathische Orte darstellen, Orte der intellektuellen Wellness sozusagen:

„Nach der Lektüre des vorliegenden Buches könnte sich das grundlegend ändern. Es wird sich nämlich zeigen, dass Bibliotheken ganz und gar nicht die freundlichen Bücherparadiese sind, als die sie uns immer erscheinen. Vielmehr werden sie sich als überaus morbide, manchmal sogar regelrecht unheimliche Orte erweisen …“

Die Warnung kann aber nicht schrecken, sie macht eher neugierig; zumal das Buch selbst ob seiner liebevollen Gestaltung und Anmutung so angenehm in der Hand liegt.

Die Morbidität – so Steinhauer – zeige sich zu allererst daran, daß die Sentenz „Mortui vivos docent“ (Die Toten belehren die Lebenden) in diversen Abwandlungen ältere Lesesäle schmückt. Er führt weiter aus, daß es sogar Bibliotheken mit real anwesenden Toten gebe. Einerseits wurde z.B. der Dichter Ariost in der Kommunalen Bibliothek von Ferrara bestattet – inmitten seiner Werke sozusagen. Andererseits finden sich z.B. in der Wiener Bibliotheca Theresiana Schaukästen mit Mumien gleich am Eingang.

Kuriosa, mag man denken; doch was haben die Bücher direkt mit Zerfall zu tun? Dieser setzte ein, als Papier aus Holzschliff geschöpft wurde und die darin enthaltende Säure das Material zersetzte; davon sind derzeit geschätzte 60 Millionen Bücher in deutschen Bibliotheken betroffen. Da war die davor übliche Methode, Papier aus Lumpen herzustellen, doch viel sicherer. Mitnichten – so der Autor: In Lumpen und Leim aus Schlachtabfällen lauerten Keime, die Milzbrand oder Pest verursachen.

Und wie steht es mit dem modernen Papier? Auch hier lauern tödliche Risiken:

„Die Gefahr beginnt schleichend: Auf den Büchern und den Regalen setzt sich zunächst Staub ab, der sich dann allmählich über die Luft in der ganzen Bibliothek verteilt. Staub verschmutzt nicht nur die Bücher, er ist auch ein idealer Nährboden für einige Schimmelpilzarten. … In den Bibliotheken finden wir eine bunte Flora von über 30 Pilzarten, für Kenner und Liebhaber sind sie ein interessantes Spezialgebiet mit reichhaltigem Anschauungsmaterial.“

Bücheransammlungen sind also mikrobiologisch äußerst aktive Orte. Wenn man an die Vergiftung in Umberto Eccos „Im Namen der Rose“ denkt, schreckt allein der Gedanke, mit feuchtem Zeigefinger die Seiten eines ausgeliehenen Buches umzublättern …

Steinhauer nennt schrecklich klingende Infektionskrankheiten wie Mykoallergose, Mykosen jeglicher Art, Aspergillose, Augeninfektionen; doch das häufigste Problem dürfte eine allergische Reaktion auf Buchschimmel sein.

Hinzu kommt eine eher psychische Erkrankung namens Bibliolatrie. Schiller klagte darüber, daß ihn die Musen „aussaugen“. Die Beschäftigung mit Büchern kostet also Energie. Steinbauer spricht sogar von gewissen „vampirischen“ Effekten, immerhin kostet die Beschäftigung mit Büchern schlichtweg Lebensenergie, auch Lebenszeit.

„Wenn wir nicht achtsam sind, die Lektüre nicht gut dosieren und vor allem in der Stille einer spätabendlichen Lesestunde Realität und Fiktion nicht mehr so recht unterscheiden vermögen, … Dann entsteigen absonderliche Ideen und bizarre Vorstellungen wie modrige Vampire den Grüften der Magazine und bemächtigen sich des unaufmerksamen Lesers.“

Also Obacht, wieviel und wann man liest. Doch vor allem die Auswahl ist entscheidend, denn Steinbauer macht folgende Rechnung auf: Ein Regal von einem Meter Breite mit sechs Regalböden enthält Lesestoff für rund 190 ganze Tage. Er erwähnt Arno Schmidt, der von sechs täglichen Lesestunden ausgegangen war.

„Das Ergebnis dieses kleinen Zahlenspiels ist erschreckend: Das Leben eines einzelnen Menschen reicht maximal für die Lektüre eines einzelnen Bücherzimmers aus. Eine Privatbibliothek von mehr als 5000 Bänden ist für den lesenden Gebrauch bereits sinnlos. … Man muß … schon ein sehr gefühlloser Mensch sein, sobald man verstanden hat, dass mit dem Griff zu einem bestimmten Buch gleichzeitig auch die Entscheidung verbunden ist, dass man viele andere, die ebenso interessant sind, vielleicht sogar interessanter hätten sein können, niemals lesen wird.“

Was nun? Gibt es Trost? Ja, meint Erich W. Steinbauer, das gedruckte Buch hat dennoch Zukunft; denn es gibt dem Text einen Körper, etwas, was digitale Texte auf Lesegräten niemals schaffen werden. Vor allem, wenn im Laufe der Textgeschichte unterschiedliche Ausgaben herausgebracht wurden. Das Buch hinterläßt einen Eindruck, Spuren im Lesenden. Und die Leser hinterlassen Spuren im Buch; Anmerkungen, Unterstreichungen, Kratzer, etc. Ob man auch den Bibliotheken, den Büchersammlungen Hoffnung machen kann, weiß ich nicht, der Autor jedenfalls ist sicher:

„Als Orte …, an denen Menschen mit ihren Gedanken und Gefühlen über den Tod hinaus erfahrbar und präsent bleiben, als Büchergrüfte, in denen die Leser sich auch ihrer eigenen Endlichkeit stellen können, haben Bibliotheken noch eine große Zukunft vor sich.“

Da nickt der Bibliophile zustimmend und vertieft sich wieder in seine Lektüre – es gibt noch so viel zu lesen und er ahnte schon immer, daß es in Büchern eigentlich stets um Leben oder Tod ging.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: PJKlein/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Büchergrüfte
Warum Büchersammeln morbide ist und Lesen gefährlich

von Erich W. Steinhauer
Lambert Schneider Verlag
144 Seiten, 16,95 Euro
ISBN 978-3650400215