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César Aira: 2. „Humboldts Schatten“

Götz Kohlmann entführt uns in die Welt des Schriftstellers César Aira – in einem Interview und fünf Beiträgen. Immer sonntags – nur bei SchönerDenken.

Mit Blick auf Airas Werk, um das es ja hier gehen soll, muss man nun jedoch einschränkend festhalten, dass der Begriff Novelle in der spanischen Literatur nicht so leicht von den Begriffen Erzählung und Roman abzugrenzen ist wie in der deutschsprachigen Literatur, ja als solcher gar nicht existiert. Denn Novela wird übersetzt mit Roman. Andererseits orientierten sich Dichter wie Wieland im 18. Jahrhundert an Autoren des romanischen Sprachraums, als sie die Novelle in die deutsche Literatur einführten, an Cervantes und seinen „Novelas ejemplares“ und an Boccaccios „Decamerone“. Die Bezeichnung Novelle bekam „Humboldts Schatten“ wohl vom Verlag verpasst, und das gilt ebenso für „Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo“. Ob Aira im streng verstandenen Sinn eine Novelle schreiben wollte, wissen wir also nicht. Doch beide Texte sind makellose, klassische Novellen.

Aira schlägt in den ersten beiden Sätzen schon gleich einen exemplarischen Novellenton an:

„Gute Reisemaler gab es in der Alten Welt nur wenige. Der Beste unter ihnen war der große Rugendas, der zwei Mal Argentinien besuchte;…“

Erzählt wird von der ersten Reise nach Südamerika, einem

„kurzen und dramatischen Besuch, der durch eine merkwürdige Episode unterbrochen wurde, die sein Leben für immer prägte.“

Da haben wir also schon die Andeutung der „unerhörten Begebenheit“, wie Goethe das entscheidende Merkmal einer Novelle nannte.

In einer Art Einleitung berichtet der Erzähler recht sachlich, leichthändig historische Fakten referierend, von Rugendas Vorfahren, von Rugendas Werdegang, der Bedeutung Humboldts für ihn und kurz vom Reiseweg des Malers in der Neuen Welt, der ihn schließlich nach Chile führt, wo er Ende Dezember 1837 zu einer Überquerung der Anden aufbricht. Er wird begleitet von dem deutschen Maler Robert Krause, der sich im weiteren Verlauf der Geschichte als wahrer Horatio und Pylades des Helden erweisen wird, als gleichmäßig ruhiger zuverlässiger Hintergrund der Eskapaden seines Freundes, als Stimme der Vernunft. Zwei ortskundige Führer geleiten die Ausländer über das Gebirge. Krause erkennt Rugendas´ malerische Überlegenheit bald seinem Naturell entsprechend neidlos an und Rugendas, der die Schwächen in der Arbeit seines Begleiters sieht, kränkt diesen nicht durch zu scharfe Kritik, da er ihn als Menschen überaus schätzt. Die atemberaubende Natur der Anden wird in einer an Flauberts konzentrierten, bildhaften Stil erinnernden Sprache beschrieben.

Wie bei Flaubert (und man kann ergänzen wie bei Borges) ist es eine gebändigte Pracht, ein reduzierter Luxus, ein Schreiben, das mit Sparsamkeit eine maximale Wirkung entfaltet:

„Über den langen Märschen wachten Gipfel aus Glimmer … Es kam zu heftigen Ausbrüchen optischer Dämmerung, denen sich die Stille entgegenreckte. An jeder Biegung schossen Sonnen aus Schleudern und Kanonen. Und alles in einer ungeheuerlichen Stille, graue Felder, für immer zum Trocknen aufgehängt, Luftlöcher so groß wie Ozeane.“

Aira oder besser gesagt der Erzähler beschreibt die Natur so wie Rugendas sie als Maler wahrnimmt und mehr noch, er beschreibt sie so, wie sie dann auf den Gemälden wiedergegeben sein wird.

Der Erzähler beginnt mit den Fakten und entfernt sich im Laufe der Novelle immer mehr von ihnen, spätestens nach der unerhörten Begebenheit ist alles, was fortan geschieht, unerhört. Rugendas entfernt sich von der Wissenschaft in Richtung reiner Malerei. Er entledigt sich Humboldts Schatten. Auch nach mehrmaliger Lektüre bleibt jedoch vieles rätselhaft, verweigert sich einer glatten Interpretation. Wie der Romanist Ottmar Ette im Nachwort herausgearbeitet hat, beginnen die Abweichungen von der Realität schon früh, noch in der scheinbar nicht-fiktionalen Einleitung.

Das zentrale Ereignis der Novelle ist durch Quellen belegt. Aira aber macht es sich zunutze und gibt ihm eine Dimension, die weit über die Folgen des realen Unglücks hinausgeht. Für Aira wird der Blitzschlag zur Ursache einer Verwandlung, die sich mit Rugendas vollzieht. Der Blitz macht ihn recht eigentlich zum Künstler; es ist ein Ereignis, das mit Saulus Sturz vom Pferd, mit Momenten der Berufung, den Erweckungserlebnissen der Heiligen korreliert. Aus den Tatsachen, die sich zu ausgeschmückten Tatsachen erweitern, werden Erfindungen. Der Sturz ermöglicht Rugendas erst seine zum vollen Künstlersein notwendigen „Grenzerfahrungen“.

Die Vielseitigkeit in einem kurzen Text, der Elemente des philosophisch-historischen Essays, der phantastischen Abenteuererzählung, des Reiseberichts und der Künstlerbiographie umfasst, hat gewiss ihr Vorbild bei Borges, der sich aber nie an einer solchen Distanz versuchte. Doch die disparaten Elemente fügen sich bei Aira makellos zusammen zu einem geschlossenen, klassischen Prosatext. Und zugleich ist es so, als betriebe er sein Geschäft nicht mit ganzem Ernst, als spiele er schalkhaft mit den Gattungsmerkmalen der Novelle.

Doch kehren wir noch einmal zur Handlung zurück. Nach der Überquerung der Anden treffen die Freunde in der Provinzstadt Mendoza ein. Trotz der Gastfreundschaft wird ihnen Mendoza bald zu langweilig – Rugendas´ etwas frivole Hoffnung auf ein Erdbeben und dessen pittoreske Wirkungen oder einen Indianerüberfall erfüllen sich nicht. Entgegen der Empfehlungen seines Mentors Humboldt zieht es Rugendas in die Pampa, die hier eine Anti-Landschaft ist, eine jeglichem malerischen Interesse widersprechende leere Welt. Sie sind auf einem „Weg ins wahrhaft Unbekannte“. Oder wie es auch heißt:

„die unmögliche Mitte. Wo endlich etwas erscheinen würde, das seinen Bleistift herausforderte, das ihn zwingen würde, ein neues Verfahren zu schaffen.“

Wochenlang ziehen sie durch eine „weite Ebene ohne Erhebungen“, über einen „gut polierten Tisch“ dahin und etwas Flacheres können sie sich nicht vorstellen. Doch ihr einheimischer Begleiter, ein wortkarger alter Mann, findet den Wegabschnitt „ziemlich bergig“. Eine verhängnisvolle Atmosphäre baut sich auf: von einer „entsetzlichen Stille“ ist die Rede, die Pferde werden immer unruhiger, unbeherrschbar, die Luft verfärbt sich „bleigrau“, „eine Art Dunkelheit, in der man sehen konnte“. Ein Gewitter rückt offenbar näher. Doch dann entlädt es sich urplötzlich mit zwei heftigen Blitzschlägen.

Und sie treffen Rugendas, der sich allein auf einem Erkundungsritt befindet. Er wird abgeworfen, sein Stiefel bleibt im Steigbügel hängen, er wird von dem durchgehenden Pferd mitgeschleift. Erst nach stundenlanger Suche finden ihn Krause und die beiden Führer. Ihr Entsetzen ist unbeschreiblich. Sein Gesicht ist nur noch eine „geschwollene, blutige Masse“. Rugendas wird in ein Krankenhaus gebracht, die Wunden heilen schnell, er zeigt unbändigen Willen, reitet schon bald wieder, doch sein Gesicht bleibt dauerhaft entstellt und ein Nerv hat sich an einer falschen Stelle „verfangen“ und verursacht immer wieder Migräneanfälle, die er nur aushalten kann, indem er sich mit Morphium „voll pumpt“. „Er hätte nie gedacht, dass sein Körper so viel Schmerz enthielt“, heißt es einmal. Und: „Ohne Drogen hätte er nicht überlebt.“ Mit dem Unfall hat er sich verwandelt oder besser gesagt ein Prozess der Verwandlung hat eingesetzt: „Tage vergingen, an denen er sich ganz auf sich selbst konzentrierte, Tage der Reflexion.“ Er schreibt viele Briefe, um sich zu sammeln und sein Bewusstsein zu klären.

Freunde drängen ihn zur Rückkehr, doch er bleibt in Mendoza und, sobald es sein Zustand erlaubt, unternimmt er mit Krause wieder neue Exkursionen, denn die Jahreszeit war „ideal zum Malen“. Sein Pferd trägt nun den Namen „Blitz“, was die fortdauernde Wirkung jener Erleuchtung andeutet, die ihn nun trägt.

Am kommenden Sonntag geht es im nächsten Beitrag um „Die Nächte von Flores“.

Der Podcast wurde gesprochen von der Schauspielerin Petra Steck.
Autor: Götz Kohlmann/SchönerDenken