Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

César Aira: 5. „Gespenster“

Götz Kohlmann entführt uns in die Welt des Schriftstellers César Aira – in einem Interview und fünf Beiträgen. Immer sonntags – nur bei SchönerDenken.

Auch in „Gespenster“ – vom deutschen Verlag als Roman verkauft, doch auch hier finden sich einige Elemente der Novellenform – entwickelt sich ein surreales Geschehen aus der banalsten Normalität heraus. Zu Anfang versammeln sich an einem hochsommerlichen Silvestertag in einem großen Rohbau die künftigen Bewohner gemeinsam mit den noch beschäftigten Handwerkern und den Architekten. Das Haus wird besichtigt, während noch die letzten Arbeiten laufen. Beiläufig, als gehöre das zu einer Baustelle selbstverständlich dazu, werden unvermittelt drei nackte Männer erwähnt, die auf einer Antennenstange hocken.

Zwei andere Nackte mischen sich in eine Runde von Wohnungseigentümern, und bleiben „natürlich“ unbemerkt, wie der Erzähler festhält, denn es sind ja die Gespenster. „So schmutzig, wie sie waren, waren es vermutlich Bauarbeiter…“, heißt es. Wir sind im Buenos Aires der Gegenwart, die riesige Stadt ist präsent, wenige prägnante Striche genügen dem Erzähler dazu. In „Gespenster“ bleibt Aira mehr noch als in „Die Nächte von Flores“ im Alltäglichsten. Wir begleiten die Familie des chilenischen Hauswarts bei den Vorbereitungen für ihre Silvesterfeier. Und als Leser fragt man sich verwundert, warum man mit Vergnügen über das Einkaufen in einem vollen Supermarkt liest.

Aber in dieser „Aufwertung“ des Banalen, desjenigen, was jeder täglich erlebt, zeigt Aira ebenso sein Können wie in den „klassisch“ erzählten Passagen seiner „historischen“ Novellen und seinem intellektuellen Vagabundieren. Ich fühlte mich an einen Schulkameraden erinnert, der so fesselnd von der Reparatur seines Fahrrades oder dem Aufbau eines Ikea-Schrankes erzählen konnte, dass immer ein kleiner Kreis Schüler an seinen Lippen hing. Doch Aira wäre nicht Aira, wenn er dann nicht plötzlich aus der Handlung in einen abstrusen Exkurs einschwenken würde, der soziologische, ethnologische und architekturtheoretische Texte nachahmt und im Schwerverständlichen schwelgt: Gedankenreihen über das Ungebaute als Teil der Architektur, das Gemeinwesen der Pygmäen im Vergleich zum Gemeinwesen der Buschmänner, die Anordnung des Lagerplatzes in primitiven nomadischen Gesellschaften, den „heiligen Pfahl“ der Aborigines und die Traumzeit.

In „Gespenster“ kommt lange gar keine Story in Gang. Einziger Spannungsbogen bleibt die Frage: was werden die Gespenster noch anstellen? Und dieser Bogen mündet am Ende des Buches in die Familienfeier auf der Dachterrasse des Rohbaus. Vor allem Patricita, eine Tochter der Frau des Hauswarts aus einer früheren Beziehung zu einem Unbekannten, fühlt sich zu den Phantomen hingezogen, die sie locken und einladen, an einem großen, festlichen Mitternachtsmahl teilzunehmen. Voraussetzung sei selbstverständlich, dass sie dann tot sei, meinen die Gespenster. Patricita wird meist Patri genannt, vielleicht eine Andeutung auf „Vater“, „Vaterland“, „Heimat“. Denn es geht unterschwellig in „Gespenster“ auch um die beiden Nationen Chile und Argentinien und ihre politischen „Gespenster“. Und es ist eine Geschichte über ein junges Mädchen auf der Stufe zum Erwachsenwerden, ein Mädchen, das Versuchungen, Tagträumen und merkwürdigen Gedanken ausgesetzt ist. Erst vom Ende her offenbart sich dann die feine Konstruktion dieses auf den ersten Leseblick doch sehr kruden Romans.

Aira setzt auf die Verwirrung des Lesers als Stilmittel, um so eine konfuse, gesellschaftliche Realität abzubilden, die längst täglich den Ausnahmezustand kennt. Allerdings verknüpft er seine waghalsigen Plots mit einer zumindest in großen Passagen altmodischen Erzählweise, die zu ihren klassischen Formen im 19. Jahrhundert gefunden hatte. Den Leser an der Nase herumzuführen, das gehört zu Airas Plan, ein riskanter Weg, der auch nicht immer aufgeht. Denn Täuschungen des Lesers können leicht zu Enttäuschungen führen. Doch Aira mag seiner Freude am Fabulieren keine Zügel anlegen und pflegt seine Lust am Subversiven. Und zu seiner großen Unabhängigkeit als Schriftsteller gehört auch, dass er seine Werke immer wieder kleinen, eher wenig bekannten Verlagen zur Publikation anvertraut.

Am kommenden Sonntag: César Aira im SchönerDenken-Interview.

Der Podcast wurde gesprochen von der Schauspielerin Petra Steck.
Autor: Götz Kohlmann/SchönerDenken