Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Teilen ist Heilen oder Die totale Transparenz: Dave Eggers „Der Circle“

Wahnsinn, dachte Mae, ich bin im Himmel.


Mae Holland hat ihren ersten Arbeitstag bei Circle, einer Art Konzernverschmelzung von Google, Apple, Facebook und Twitter. Ihre Freundin Annie, Managerin und zur führenden „Vierzigerbande“ des Unternehmens gehörend, hat sie aus ihrem langweiligen Job bei den Strom- und Gaswerken ihrer Heimatstadt befreit. Jetzt kann Mae ihr Glück nicht fassen. Nicht dass die Aufgaben, die sie zunächst bekommt – Kundenanfragen im Sekundentakt beantworten – prickelnd aufregend wären, das Dazugehören ist das Aufregende.

Mit freundl. Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch

Mit freundl. Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch

Die Mitarbeiter werden durch viele Annehmlichkeiten, kostenloses Essen, interessante Abendunterhaltungen, sehr viel Gemeinschaftliches, hochwertige Krankenversicherung (Social Freezing hat es bis in den Roman noch nicht geschafft …) und praktische Wohnmöglichkeiten dazu verleitet, immer mehr Zeit auf dem Circle-Gelände zu verbringen. Auch wird Maes Arbeitsanforderung sehr schnell immer höher geschraubt, sodass sie gar nicht mehr recht zum Nachdenken kommt. Irgendwann sitzt sie vor sechs Bildschirmen, beantwortet nicht nur Kundenanliegen, sondern auch permanent von ihrer eigenen Stimme gestellte Meinungsumfragen, dazu die Zings und TruYou-Nachrichten von anderen. Überhaupt, TruYou, die Erfindung des Circle-Gründers: Niemand ist mehr anonym.

(…) TruYou – ein Konto, eine Identität, ein Passwort, ein Zahlungssystem pro Person. Schluss mit mehrfachen Passwörtern, Schluss mit mehrfachen Identitäten. Deine Geräte wussten, wer du warst und deine einzige Identität – das TruYou, nicht verbiegbar und nicht maskierbar – war die Person, die bezahlte, sich registrierte, reagierte, viewte und reviewte, sah und gesehen wurde. Du musstest deinen richtigen Namen verwenden, und der war verbunden mit deinen Kreditkarten, deiner Bank, und dadurch war Bezahlen einfach. Ein einziger Button für den Rest deines Onlinelebens.

Mae lernt schnell, es bleibt den führenden Köpfen des Circle nicht lange verborgen (wie auch!), dass sie eine Leistungsträgerin ist. Sie wickeln sie ein, mit Selbstoptimierung und einer lukrativen Krankenversicherung für ihre Eltern, die mit der Veränderung ihrer Tochter nicht klar kommen. Auch die Circle-Total-Verweigerung ihres Exfreundes nimmt sie als persönlichen Affront und bricht mit ihm.
Als sie mit dem letzten Rest ihrer Eigenwilligkeit für eine kurze Paddeltour ein Kajak entwendet, dabei natürlich von den omnipräsenten Überwachungskameras des „SeeChange“ entdeckt wird, befragt sie einer der drei Circle-Chefs in einer öffentlichen Veranstaltung und macht ihr klar, wie egoistisch es von ihr war, ihr schönes Erlebnis der Kajakfahrt nicht geteilt zu haben. Einsichtig und eloquent wie sie ist, kreiert sie die Parole „Teilen ist Heilen“, die perfekt zu den schon existierenden Leitsätzen des Menschenüberwachungs-Konzerns passt: „Alles Private ist Diebstahl“ und „Geheimnisse sind Lügen.“

Danach entscheidet sich Mae, „transparent“ zu werden, ständig eine Kamera um den Hals zu tragen, die sie nicht länger als für einen Toilettengang oder zum Schlafen abschalten darf. Dazu trägt sie ein Armband, das ihr ständig ihre Viewer-Anzahl anzeigt. Je nach dem, was sie gerade tut, können das Millionen sein. Sie wird das Aushängeschild des Circle. Alle sind permanent damit beschäftigt, zu antworten, zu werten, zu kommentieren. Ihre Eltern entziehen sich dem Ganzen in großer Erschöpfung, doch Mae hat sowieso keine Zeit mehr für sie.

Ihren Exfreund wird seine Totalverweigerung das Leben kosten. Die Vollendung des Circle, das Schliessen des Kreises steht bevor, mit der neuesten Erfindung, der Koppelung von Wahlberechtigung und Circle-Account. Nur der seltsame Mann, dem sie immer wieder auf dem Gelände begegnet, der sie sehr anzieht, mit dem sie schnelle intensive sexuelle Begegnungen hat, den sie nie erreichen kann, wenn sie es will, könnte ihr vielleicht doch noch irgendwann zum Verhängnis werden …

Ich kann mich nicht erinnern, wann ein Roman in mir derartig unterschiedliche Emotionen ausgelöst hat. Science-Fiction ist nicht mein bevorzugtes Genre, aber „Der Circle“ ist nur eine Fast-Utopie. Der Roman ist so hart an unserer Gegenwart, dass man ihn einfach lesen muss. Mich hat das Lesen manchmal so angestrengt, als würde ich selbst vor den sechs Bildschirmen sitzen. Manchmal spürte ich Beklemmung vor dieser modernen Form der Inquisition, die der Autor beschreibt, dann wieder unverhohlenen Zorn über das, was ja schon längst alles Realität geworden ist.

Fünf Jahre Notizen hat Eggers in seiner Hommage an George Orwell verarbeitet. Es ist spannend zu lesen, stilistisch nicht immer die hohe Kunst, manchmal etwas merkwürdig übersetzt. Eine Korrekturlesung hätte dem Buch nicht geschadet, so lautet die Befehlsform von Lächeln nicht Lächele; aber das Schlimmste, was mir bisher in einem Buch begegnet ist, steht auf Seite 238: „Macht nicht’s, wenn ihr sie nicht gekannt habt.“

Wie immer habe ich versucht, allen Rezensionen vor meiner Lektüre aus dem Wege zu gehen, doch ich weiß, der Roman wurde viel kritisiert. Ich halte ihn für ein wichtiges Buch, nicht unbedingt aus literarischen, aber aus inhaltlichen und vor allem aus gesellschaftlichen Gründen. Er schärft das Bewusstsein für unsere Gegenwart …

Sozusagen als Sekundärliteratur empfehle ich „Digitale Diktatur“ von Stefan Aust und Thomas Ammann, im Econ-Verlag erschienen.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Dave Eggers
Der Circle
Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Kiepenheuer & Witsch € 22,99
978-3-462-04675-5

„Druckfrisch“: Dave Eggers und Jaron Lanier im Interview mit Denis Scheck