Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Ton, Steine, Menschen


Vom Traum der eigenen Reproduzierbarkeit

Podcast 24
Gerade gelesen: Thomas über David Brin: „Copy“

Golem - Leben aus Ton (Foto: Thomas Laufersweiler)Stell Dir vor, der Wecker klingelt, und es würde eine Kopie von Dir ins Büro gehen. Du selbst könntest Dich wichtigeren Aufgaben widmen. Oder gar keinen Aufgaben. Eine Technologie, die das Klonen, besser noch das direkte Kopieren, von Menschen ermöglicht, würde unsere Welt völlig auf den Kopf stellen.

Welchen moralischen Stellenwert hätten die Kopien? Führen Menschenkopien zu mehr Arbeitslosigkeit oder weniger? Führt das Kopieren zu Geisteskrankheiten beim Menschen und seinen Kopien? Was bedeutet das Kopieren von Menschen für das Militär? Diesen und vielen anderen Fragen stellt sich David Brin in seinem Roman „Copy“.

Eine nicht so ferne Zukunft: Die Entdeckung der „Welle“ hat die Welt verändert. In der „Welle“ manifestiert sich die Seele des Menschen, seine Erinnerungen, sein Charakter. Die „Welle“ ist ein Muster, das lokalisiert werden kann – und übertragen. Fast so wie Edison Schallwellen auf eine Wachswalze übertrug. Der Industriekonzern „Universal Kilns“ liefert die Technologie zum so genannten Prägen. Rohlinge aus Hightech-Ton werden dabei in einem Spezialofen, dem Kiln, gebacken und mit der „Welle“ des Originalmenschen ausgestattet. 24 Stunden lang ist dieser so genannte Dito lebensfähig. Dann zerfällt er. Zuvor aber zieht es ihn zurück zum Original, um diesem seine Erinnerungen zu übergeben.

„Gedenke doch, dass Du mich aus Lehm gemacht hast;
und wirst mich wieder zu Erde machen?“
Das Buch Hiob

Das hört sich ein wenig nach dem Golem-Mythos aus der jüdischen Überlieferung an: Der Rabbi programmiert den toten Tonmenschen Golem mit einem heiligen Wort – niedergeschriebenen auf einem Zettel und gibt ihm so Leben. Wo der Golem aber noch ein Roboter aus getrocknetem Schlamm ist, sind hier die Kopien Zwillingsbrüder, Doppelgänger, Leibwächter, manchmal auch eine hochspezialisierte und daher überlegene Version des eigenen Selbst.

Das märchenhafte Element des in Ton gebrannten Doppelgängers für einen Tag will gar nicht so recht in eine Science Fiction-Geschichte passen. Hat man sie aber als Prämisse einmal angenommen, kann man sich auf diesen hochinteressanten Roman einlassen, der im Original „Kiln People“ heißt (Menschen backen), gleichklingend mit „Killing People“ (Menschen töten). Im Mittelpunkt steht der Detektiv Albert Morris, der sich auf das Auspüren von illegalen Kopien spezialisiert hat.

„Es wohnen noch immer Realpersonen in einigen der höchsten Gebäude … aber der Rest der Alten Stadt ist zu einem Land der Geister und Golems geworden, [wo] jeden Morgen die Kilns ihre Eigentümer verlassen und zur Arbeit gehen.“

In eine radikal kapitalistische Welt schickt Morris jeden Morgen seine Ditos, die für ihn die gefährlichen Arbeiten übernehmen: Anspruchslose Grüne für harte, einfache Arbeit oder hochkonzentrierte Graue für die Arbeit an den Computern. Und schlägt einmal das Prägen einer Kopie fehl, dann entsteht ein „Franki“, ein Frankensteinmonster. Wird ein Dito von seinem Besitzer als „Franki“ markiert, ist die Kopie zum Abschuss freigegeben. Soviel zu den Rechten der Kopien in dieser Zukunft.

Chinesischer Tonkrieger (Foto: Thomas Laufersweiler)Der Auftrag des „hardboiled detective“ Morris lautet: einen Gangster schnappen, der illegal Kopien von Kopien eines weiblichen Superstars herstellt und damit gegen das Urheberrecht verstößt. Aber sein Auftraggeber, der exzentrische Wissenschaftler Dr. Yosil Maharal, spielt nicht fair und Morris und seine Ditos landen in einer Verschwörung, in der es natürlich um Geld und Macht geht – aber eigentlich geht es um viel mehr.

Brin verfolgt in seinem Roman nicht nur seinen Detektiv durch das spannende Abenteuer sondern auch alle seine Kopien. Und ganz schnell wird klar: Auch der Dienstagsgrüni ist eine eigene Persönlichkeit, genauso wie der Mittwochsgraue. Und im Handumdrehn macht sich der Leser mehr Gedanken über das bevorstehende Ableben der Kopien als diese selbst.

„Es ist schwer, freundlich zu bleiben, während man um sein Leben kämpft, auch wenn das Leben nicht viel bedeutet. Auch wenn man nur ein Klumpen Ton ist.“

Während der gefährlichen Ermittlungen von Albert und seinen Doppelgängern wirft Brin eine Menge Fragen auf: Darf man eine Kopie als Original ausgeben? Wieviele zurückgekehrte Erinnerungen erträgt der Mensch? Weiß er noch, was er selbst erlebt hat und was seine Klone erlebt haben? Was passiert, wenn die Technologie ein längeres Leben als nur 24 Stunden ermöglichen würde? Was, wenn die Kopien keine Originale mehr bräuchten? Und betrügt man seine Frau, wenn nur der eigene Dito mit einer anderen Frau schläft? Viele dieser Gedanken führt Brin zuende und seine Antworten sind auch für eine Welt ohne Kopien von Belang.

David Brin, der mit „Startide rising“ einen der besten SF-Romane aller Zeiten geschrieben hat, gelingt mit „Copy“ wieder ein sehr kluges und spannendes Buch, das den Leser zum Mitdenken und Weitervisionieren verführt. Da lässt sich auch die eher überflüssige esoterische Ebene am Ende des Romans leicht verschmerzen. Eine Fortsetzung ist übrigens in Planung – der Titel: „Kiln Time“.

Links

Sehr ausführlich und kritisch rezensiert Thomas Harbach „Copy“. Golems aller Ebenen vereinigt euch!, meint begeistert Tobias Schäfer. Beim Literaturzirkel findet sich auch eine Leseprobe.

Vielen Dank an den Podcast-Sprecher Axel Weiß!