Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Ich will einfach nur hier sitzen“

Hat nicht jeder schon einmal davon geträumt, einfach im Bett zu bleiben?


Lieben wir nicht alle Loriots Hermann mit seinem „Ich will einfach nur hier sitzen.“? Dieser Satz gehört zu meinen Lieblingszitaten.

Sue Townsends Eva tut es. Ihre Zwillinge reisen ab, um auf dem College Mathematik zu studieren, ihr Mann Brian, Astronomieprofessor, interessiert sich nur dafür, ob der Kühlschrank gefüllt ist und zieht sich zu Studienzwecken am liebsten in seinen Gartenschuppen zurück.

Nachdem sie weg waren, schob Eva den Riegel vor die Tür und stöpselte das Telefon aus. Sie liebte es, das Haus für sich allein zu haben. Sie ging von Zimmer zu Zimmer, räumte, wischte und stellte Tassen und Teller weg, die ihr Mann und die Kinder überall stehen gelassen hatten. Jemand hatte einen Esslöffel auf die Lehne ihres Lieblingssessels gelegt – den sie bei einem Volkshochschulkurs selbst bezogen hatte. Sofort ging sie in die Küche und studierte den Inhalt der Kiste mit den Putzmitteln.
„Womit könnte ein Heinz-Tomatensuppenfleck aus besticktem Seidendamast rausgehen?“

Doch sie nimmt kein Putzmittel.

Sie nahm den Topf, ging von der Küche ins Wohnzimmer und kippte die Suppe über ihren geliebten Sessel. Dann ging sie nach oben ins Schlafzimmer, legte sich, ohne sich ihrer Kleider oder Schuhe zu entledigen, ins Bett und blieb ein Jahr darin.

Sie, die ihren Beruf als Bibliothekarin so geliebt und ihrer Familie zuliebe aufgegeben hat, die immer nur schwarz trägt, süchtig nach teuren Kosmetikprodukten ist, lässt ihr Schlafzimmer ausräumen, alles weiß streichen, legt sich einen weißen Pfad aus Laken in ihr Badezimmer und isst nur noch das, was ihr Mann, die Mutter oder Schwiegermutter ihr bringen, wenn sie es nicht vergessen. Denn alle glauben, es handele sich um eine vorübergehend-depressive Phase. Keiner nimmt sie richtig ernst, alle sind genervt von ihrem plötzlich so egozentrischen Verhalten, von ihrem selbstgewählten „Urlaub vom Ich“.

Doch leider geht es nicht einfach vorbei, im Gegenteil. Ihre Komplettverweigerung legt sich über das Leben aller Beteiligten, als befänden sie sich in einer Art Riesenschleuder. Es kommt heraus, dass Brian, ihr Ehemann, seit acht Jahren im Schuppen nicht nur forscht, sondern auch seine Kollegin Titania trifft. Da beide Eva nicht mehr ernst nehmen, verlässt Titania ihren Ehemann und zieht auch ins Haus. Die Zwillinge Brian junior und Brianne stellen sich auf dem College als ziemlich autistisch, sozial unverträglich und nur aufeinander fixiert heraus. Sie sind nicht in der Lage, eine durchgeknallte Mitstudentin namens Poppy davon abzuhalten, an Weihnachten mit nach Hause zu kommen. Ein Weihnachten, das natürlich kein bisschen so läuft, wie sie es dank Evas Fürsorge gewohnt waren.

Irgendwann spricht sich die Geschichte in der Nachbarschaft herum, Gerüchte kommen auf, ein Zeitungsartikel erscheint, Eva sei eine Art Medium, ein Engel, eine Heilige, der ganze Verehrungswahn bricht aus. Jemand glaubt, in einem Fladenbrot-Teig ihr Gesicht zu erkennen, Massen beginnen, vor ihrem Haus zu kampieren. Alexander, der Handwerker, der ihr geholfen hat, ihr Schlafzimmer zu entrümpeln, der längst in Eva verliebt ist, zieht mit seinen Kindern ins Haus und regelt die Besuche bei der Frau im Bett. Unter Hashtag „frauimbett“ erscheint sie auf Twitter. Irgendwann schlägt die verrückte Verehrung, wie so oft, in Hass auf Eva um. Brian betrügt Titania mit der verrückten Poppy. Die Zwillinge, die ihre Eltern nur noch „Der große Ehebrecher und die Falsche Prophetin“ nennen, werden als Hacker verhaftet. Und Eva? Sie treibt ihre Läuterung weit auf die Spitze …

Am Ende hat sich bei allen Beteiligten Eklatantes verändert, Evas „Urlaub vom Ich“ hat in jedem etwas bewegt, nicht immer unbedingt zum Guten hin. Die Mischung, in der Sue Townsend dieses ganze Chaos in den Beziehungen, vor allem aber den Medienhype um quasi nichts, einer Frau im Bett, mit typisch britischem Humor und gleichzeitig tiefem philosophischem Ernst beschreibt, ist beeindruckend.

Vor allem aber geht es Townsend in ihrem klassischen Entwicklungsroman um Güte. Ihm vorangestellt hat sie das Zitat von Platon: Sei gütig, denn alle Menschen, denen du begegnest, kämpfen einen schweren Kampf.“ Güte, wann hat man dieses Wort zuletzt aktiv benutzt?

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken
(Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Sue Townsend
Juliane Zaubitzer (Übers.)
Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb
Haffmans & Tolkemitt € 21,99
978-3-942989-53-4