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Noch immer im Schützengraben – Ein Interview mit Jacques Tardi

Der französische Comicautor Jacques Tardi schildert in seinen Büchern die Schrecken des Krieges – vor allem die des Ersten Weltkriegs, in Frankreich „La Grande Guerre“ genannt. Warum ihn das Thema so bewegt, weshalb seine Comics nie im 21. Jahrhundert spielen und wie Nestor Burma zu seiner Boxer-Nase kam, darüber sprach Barbara Buchholz mit Tardi auf dem Comic-Salon in Erlangen.

Jacques Tardi (c) Bild: Casterman

Jacques Tardi (c) Bild: Casterman

Barbara Buchholz: Das Thema Erster Weltkrieg nimmt in Ihrem Werk großen Raum ein – was empfinden Sie jetzt angesichts der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns?

Jacques Tardi: Totale Gleichgültigkeit. Schließlich beschäftige ich mich schon seit gut 40 Jahren mit dem Ersten Weltkrieg. Damals belächelte man mich deswegen. Wahrscheinlich, weil man – in Frankreich jedenfalls – dabei stets die Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg vor Augen hatte: alte Männer mit Baskenmütze und Stock, die am 11. November Blumen an den Kriegerdenkmälern ablegten und den Zweiten Weltkrieg als bedeutungslos abtaten. Georges Brassens zum Beispiel nahm diesen rückwärtsgewandten Nationalismus in seinem Chanson „La Guerre de 14-18“ aufs Korn. Die Veteranen verehrten außerdem Pétain, den „Helden von Verdun“, und folgten ihm in großer Mehrheit, als er während des Zweiten Weltkriegs das Vichy-Regime führte. Das war natürlich ein ziemlich schlechtes Aushängeschild. Jetzt, wo die Alten verschwunden sind, habe ich den Eindruck, dass man die jungen Männer besser sehen kann, die damals 18 bis 25 Jahre alt waren und im Schützengraben fest saßen. Für die interessiere ich mich.

Jacques Tardi: Grabenkrieg (c) Tardi / edition moderne
Abb. aus „Grabenkrieg“ © Tardi/Edition Moderne

BB: Als Sie klein waren, erzählte Ihnen Ihre Großmutter, was Ihr Großvater in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs erlebt hatte – diese Geschichten verarbeiteten sie später in Comics. War das eine Art von Therapie?

JT: Ja, das kann man so sagen. Ich kannte diesen Großvater noch. Er starb, als ich fünf war, an den Folgen des Gaskrieges. Meine Großmutter erzählte mir schreckliche Dinge, die mir als Kind Albträume verursachten. Aber als ich später in Zeitschriften Bilder von Soldaten sah, verlieh die Tatsache, dass ich meinen Großvater gekannt hatte, diesen Fotografien und Zeichnungen etwas Realistisches. Wegen ihm hat mich also die Idee nicht losgelassen, die dramatischen Geschichten dieser Menschen zu erzählen. Auch der Widerspruch zwischen dem Bild des Soldaten und dem, das ich von meinem Opa hatte, trieb mich an: Er war ruhig und sanft, überhaupt nicht gewalttätig. Ich sagte mir, dass man jemanden wohl nur in eine Uniform stecken und ihm eine Waffe geben müsse, um aus ihm einen Mörder im Dienste des Staates zu machen.

BB: In „Stalag IIB“ haben Sie die Erinnerungen Ihres Vaters an seine Gefangenschaft während des Zweiten Weltkriegs als Comic umgesetzt. Wie kam es dazu?

JT: Diese Erlebnisse hat mein Vater zeitlebens mit sich herum geschleppt. Kurz vor seinem Tod 1986 wähnte er sich immer noch in seinem Panzer dabei, die Kanone mit der richtigen Granate zu laden, um eine deutsche Panzerabwehrkanone zu zerstören. Er erzählte immer viel von dieser Zeit, aber sehr durcheinander. Deswegen bat ich ihn, mir das alles chronologisch aufzuschreiben und er füllte in den 80er Jahren drei Schulhefte mit seiner kleinen Schrift. Ich las das und sagte mir: Eines Tages mache ich etwas daraus. Dann legte ich die Hefte ins Regal. Die Zeit verging und mein Vater starb. Und wieder habe ich eine Menge Fragen nicht rechtzeitig gestellt.

Abb. aus „Stalag IIB“ © Tardi/Edition Moderne
Abb. aus „Stalag IIB“ © Tardi/Edition Moderne

BB: Es hat viele Jahre gedauert, bis Sie „Stalag IIB“ angefangen haben. War es schwierig, diese Geschichte zu erzählen?

JT: Nein. Denn ich habe festgestellt, dass ich sehr viel mit meinem Vater gemein habe. Wir haben uns zum Beispiel über die gleichen Dinge aufgeregt. Ich habe zwangsläufig seine Art sich auszudrücken geerbt. Er hat mich auch dazu gebracht, Louis-Ferdinand Céline zu lesen, er empfahl mir „Tod auf Kredit“. Du wirst sehen, das ist komisch, sagte er und erzählte eine Passage nach, die viele Kraftausdrücke enthielt. Daraufhin habe ich Céline auch gelesen. Ich spreche hier natürlich von dem bemerkenswerten Schriftsteller Céline, nicht von dem Faschisten. Von dem Céline, der viele andere Autoren beeinflusst hat – die aber stets behaupten, ihn nie gelesen zu haben…

BB: Sie befassen sich in Ihren Werken sehr viel häufiger mit historischen als mit zeitgenössischen Themen – warum?

JT: Wenn ich aus dem Fenster schaue, gefällt mir nicht sehr, was ich da sehe. Es macht keine Lust. Zeichnen muss Vergnügen machen, sonst ist es schrecklich. Ich habe aber keine Freude daran, zeitgenössische Einrichtungen zu zeichnen. Dieser Raum hier zum Beispiel (ein nüchternes Besprechungszimmer, Anm. d. Autorin) – da bräuchte ich ja ein Lineal. Ich möchte auch keine Waschmaschine und keinen Computer abbilden. Diese Dinge haben keinen Charme. Altmodische Autos gehen noch, aber die von heute sehen alle gleich aus. Sie interessieren mich nicht – ich habe ja noch nicht mal einen Führerschein. Was das Graphische angeht, halte ich mich also lieber an die Vergangenheit. Das hat aber nichts mit Nostalgie zu tun.

BB: Sie haben Romane von Léo Malet, Didier Daeninckx und anderen adaptiert – worin besteht für Sie der Reiz darin?

JT: Ich empfinde das als sehr beruhigend. Ich habe den Roman mehrmals gelesen, ich kenne den Ausgang der Geschichte. Abgesehen vom Seitenaufriss habe ich nur noch eines zu tun: Mich möglichst genau an das Buch zu halten. Ich ändere so gut wie nichts – sonst hätte ich mir das Buch ja nicht ausgesucht. Ich plane je für zwei, drei Seiten im Voraus, damit ich weiß, was ich dafür brauche und welche Fotos ich machen muss, ob Außentermine nötig sind oder eine Dokumentationsrecherche. Das einzig Schwierige ist vielleicht die Darstellung der Figuren. Wenn ich darüber mit dem Autor spreche, hat der sich seine Figuren nie so vorgestellt, wie ich sie gezeichnet habe. Aber das riskiert er eben, wenn er einer Adaption zustimmt.

(Aufgezeichnet auf dem Comic-Salon Erlangen 2014.)

„Le seul intérêt de Nestor Burma c’est pas tellement les intrigues qui sont un petit peu tirées par les cheveux. Le seul intérêt pour moi c’est de faire des repérages dans Paris et de reconstituer cette espèce de Paris qui a disparu qui était celui des années 50. Quand je remplace par exemple un McDonald’s que je prends en photo, je prends un malin plaisir vraiment à le remplacer par une épicerie ou une pharmacie ou je ne sais pas quoi, à redonner une identité a cette ville qui est en train de partir en bouillie. [Klopft auf Tisch] Voilà c’est ça qui m’intéresse.“

Abb. Aus „120, Rue de la Gare“ © Tardi/Edition Moderne
Abb. Aus „120, Rue de la Gare“ © Tardi/Edition Moderne
Jacques Tardi (*30.8.1946) gehört zu den wichtigsten Comicautoren Frankreichs. Seine Karriere begann 1970, als er seine erste Comicgeschichte in dem Magazin „Pilote“ veröffentlichte. Tardi erzählt häufig vom schrecklichen Soldatenalltag in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, etwa in „Grabenkrieg“. Daneben adaptierte er Romane von Louis-Ferdinand Céline, Jean-Patrick Manchette und anderen. Tardi hat außerdem ein Faible für die Zeit der Belle Epoque und den Feuilletonroman, das er etwa in der Serie „Adeles ungewöhnliche Abenteuer“ auslebt. Jüngst erschien „Ich, René Tardi, Gefangener im Stalag IIB“: Es basiert auf den Erinnerungen von Tardis Vater an den Zweiten Weltkrieg. Tardi baut sich selbst als kleinen Jungen in die Geschichte ein und tritt nachträglich in Dialog mit seinem 1986 gestorbenen Vater. Ein zweiter Teil der Geschichte soll folgen. Tardi lebt und arbeitet in Paris. Seine Bücher erscheinen auf Deutsch bei der Edition Moderne.

BB: Léo Malet fand Ihren Nestor Burma wohl nicht so schlecht, schließlich zierte der dann auch die Cover seiner Romane.

JT: Aber da gab es trotzdem ein Missverständnis: Bevor ich anfing, fragte ich Léo Malet: Wie stellen Sie sich das Aussehen Ihrer Figur vor? In den Geschichten wird Nestor Burma nämlich nie beschrieben. Ich verstand Malet so, dass Burma früher geboxt hatte. Darum habe ich ihm diese Nase und abstehende Ohren verpasst. Aber das stimmte gar nicht! Malet hatte von einem Schauspieler gesprochen, der Nestor Burma in einem sehr schlechten Film aus den 50er Jahren dargestellt hatte – dieser Schauspieler war Boxer gewesen. Dass Nestor Burma bei mir so aussieht, beruht also auf einem Missverständnis. Aber Léo Malet interessierte sich sowieso nicht für Comics und auch nicht für die Adaptionen seiner Romane.

Abb. aus „Adele und das Ungeheuer“ © Tardi/Edition Moderne
Abb. aus „Adele und das Ungeheuer“ © Tardi/Edition Moderne

BB: Eine letzte Frage: Wird es noch einen „Adele“-Band geben?

JT: Ja. Als ich das neunte Album gemacht habe, sagte ich mir: Gut, einen zehnten Band mache ich noch, dann ist Schluss. Ich habe angefangen – aber dann hatte ich das Gefühl, es gebe erst einmal andere Gebiete zu erforschen. Naja, etwa 15 Seiten sind fertig gezeichnet – und es wäre ja blöd, sie im Regal liegen zu lassen.

Porträt über Jacques Tardi in der Arte-Sendung Square #39: „Jacques Tardi persönlich – Geschichte lebt im Comic“ (10.12.2012)