Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Frühsommer zum Lesen: „Die Geliebte des Gelatiere“

Prof. Pu empfiehlt: „Die Geliebte des Gelatiere“

„Im Cannaregio, wo ich aufwuchs, lebten die einfachen Leute. Die Nachbarn, mit denen wir zu tun hatten, waren Maurer, Konditoren, Gelatieri. Anwälte, Lehrer oder Ärzte lebten woanders.“

eisAlvise, Sohn eines Bootsführers in Venedig, hat in der Schule viel zu kämpfen. Als Einzelkind hatte man es im Italien der Sechziger und Siebziger Jahre nicht leicht. Und da sich gleich und gleich gern gesellt, freundet er sich mit Noemi an, selbst auf die Gefahr hin, als „Mädchenschmecker“ zu gelten, was noch schlimmer ist als „Einzelkind“. Noemi, in Manhattan aufgewachsen, ist ebenso, da Einzelkind, eine Außenseiterin. Sie verbringen eine wunderbare Zeit miteinander, am liebsten essen sie zusammen Eis:

„Meinst Du, es stimmt, was man sagt – dass Leute, die kein Eis mögen, Dummköpfe sind?“ fragte sie.
Ich zuckte zusammen. Wenn das stimmte, dann war mein Vater ein Dummkopf. Das konnte ich nicht durchgehen lassen.
„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Wo hast Du das denn her?“
„Mein Onkel hat mir das mal gesagt. Menschen, die kein Eis mögen, seien Dummköpfe oder Barbaren.“
Ich schluckte. Natürlich hatte ihr Onkel recht, aber trotzdem hätte er den Mund halten sollen. Mein Vater, ein Barbar, diese Vorstellung war nicht zum Aushalten.
„Hmm …“, machte ich.
„Kennst du Leute, die kein Eis mögen?“
„Kann schon sein“, sagte ich ausweichend. Ich steckte in der Klemme und suchte nach einem Ausweg. Aber es wollte mir nichts einfallen, und kaum wollte ich etwas sagen, gerieten mir die Dinge in meinem Kopf heillos durcheinander.
„Beißer sind Barbaren“, sagte ich schließlich, froh, dass mir doch noch ein halbwegs intelligenter Gedanke gekommen war.
„Beißer?“
„Ja, die Leute, die nicht langsam am Gelato lutschen, sondern gleich ins Eis beißen und es gierig herunterschlucken. Wie Lucio. Lucio ist ein Barbar, man sieht es daran, wie er sein Eis isst.“
Das schien ihr einzuleuchten.“

Doch die Romanze zwischen Kindheit und Pubertät endet jäh – eines Tages ist Noemi weg, zurück nach Amerika. Das einzige, was Alvise bleibt, ist ihr nach Vanille duftendes Haarband. In allen Mädchen, die er trifft, sucht er sie vergeblich. Neben der Schule arbeitet er in einer Eisdiele, mit wesentlich mehr Interesse an den Eissorten als an allem anderen.

„Allein schon die Farben der verschiedenen Eissorten machten mir gute Laune: Himbeerrosa, Vanillegelb, Pistaziengrün, Schokoladenbraun. Zauberhaft die Struktur der Kristalle an der Oberfläche des Eises. Und erst die Düfte! Die warmen Aromen von Caramelita und Walnuss, das Exotische von Mango, Passionsfrucht und Ananas.
So wie ein Zahnarzt langsam depressiv wird, weil ein großer Teil seiner Patienten ängstlich und kummervoll auf ihn wartet, so profitiere ich umgekehrt davon, dass die meisten, die zur Gelateria kamen, guter Dinge waren.“

Alvise studiert eher halbherzig, genauso halbherzig nimmt er eine Stelle im venezianischen Staatsarchiv an. Sehr zur Freude seines Vaters, der kein Wort mehr mit ihm sprach, seit er vom Militär ausgemustert wurde. Doch Alvise ist unzufrieden und unglücklich, mit der Arbeit und seinem Leben. Per Zufall erfährt er durch einen Archivbesucher von einer Gelateria, die einen Nachfolger braucht. Er wagt es, endlich das zu tun, was er am besten kann: Eissorten erfinden. Und sein Vater spricht ein zweites Mal kein Wort mehr mit ihm.

„Für ihn war es eine Idiotie, eine Form von Wahnsinn, dass ich meinen sicheren Staatsposten gegen diesen zweitklassigen Job tauschte. Mit einer solchen Ausbildung Gelatiere zu werden, war für ihn völlig unverständlich.“

Alvise hat Erfolg, großen Erfolg, er gewinnt sogar die „Coppa d’Oro“ – den Oscar der Gelatieri. Nur mit den Frauen klappt es weiterhin nicht. Er muss erst sehr krank werden, sozusagen geläutert, um sich endlich endlich auf den Weg nach Amerika zu machen, auf die Suche nach Noemi. Er findet sie – und plötzlich sieht alles aus wie das perfekte Happy End. Aber Alvise, Gelatiere aus Venedig, ist nicht geeignet für einen Stoff aus Hollywood, sein Glück zerrinnt wie Eis …
Ein köstlicher, melancholischer, zugegeben manchmal etwas drastischer Entwicklungsroman für Eisgourmets, Venedigliebhaber und Italienfans, die passende Lektüre für den Frühsommer.

Daniel Zahno
Die Geliebte des Gelatiere
194 Seiten, 16,80 Euro
978-3-940888-35-8