Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Denkstein 1

Anlässlich des 120. Geburtstages von Ludwig Wittgenstein – eine Betrachtung zu einem seiner Sätze von Götz Kohlmann

„Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ (Ludwig Wittgenstein: „Tractatus logico-philosophicus“ 6.52)

Keine einzige wissenschaftliche Erkenntnis hat dem einzelnen Menschen je dabei geholfen, besser oder anders zu leben, scheint Wittgenstein zu sagen.

An dieser Stelle, gegen Ende des 1921 veröffentlichten „Tractatus“, von dem sich Wittgensteins Ruhm als einer der großen Philosophen wesentlich nährt, vermischen sich Ethik und Metaphysik. Wittgensteins Aussage provoziert heute vielleicht noch mehr als zur Zeit ihrer Niederschrift. Denn inzwischen ist die Wissenschaft für noch sehr viel mehr Menschen als damals an die Stelle der Religion und auch der Philosophie getreten. Und brüsten sich denn nicht auch manche Wissenschaftler medienwirksam damit, den allerletzten Geheimnissen auf der Spur zu sein, sei es in der Hirnforschung, sei es in der Genetik oder der Teilchenphysik? Halten nicht viele die Gottesvorstellung für obsolet?

Wittgenstein sagt, dass diese allerletzten Fragen unantastbar sind. Nur die Philosophie berührt sie, indem sie „das Undenkbare von innen durch das Denkbare“ begrenzt. Das Undenkbare nennt Wittgenstein „das Mystische“. Die Philosophie kann „das Unsagbare bedeuten, indem sie das Sagbare klar darstellt.“ Das Leben selbst ist für Wittgenstein ein Rätsel, dessen Lösung außerhalb von Raum und Zeit liegt – und damit nicht innerhalb dessen, was den Naturwissenschaften zugänglich ist. Den Sinn des Lebens vermag uns keine Wissenschaft zu nennen. Doch auch keine Philosophie. Der Sinn des Lebens ist „unaussprechlich“. Zum Leben gehören der unausweichliche Tod, das Ringen mit der Zeit, das Leiden an der Schönheit und der Liebe. Wie soll ich leben? Was soll ich tun? Gegenüber diesen Fragen ist Wissenschaft hilflos.

Stanislaws Lems Roman „Solaris“, und mehr noch Andrej Tarkowskijs kongeniale Verfilmung handeln von der Hilflosigkeit der Wissenschaften. Der „Bewusstseins“-Planet Solaris, der Bilder aus dem Unterbewusstsein seiner menschlichen Gäste zu materialisieren vermag, wirft die Wissenschaftler auf ihre Lebensprobleme zurück, liefert sie ihrer Schuld, ihren Erinnerungen, ihren Träumen aus. Die wissenschaftliche Arbeit wird von der Sinnfrage, von der Frage nach dem richtigen Leben regelrecht ausgehöhlt und zum Stillstand gebracht.

Die Wissenschaft diente den Bewohnern der Station also dazu, sich von ihren Lebensproblemen abzulenken, so wie Sancho Pansa in Kafkas kleiner Cervantes-Variation „Die Wahrheit über Sancho Pansa“ seinen Teufel, dem er später den Namen Don Quixote gibt, durch eine Menge Ritterromane von sich ablenkt, so sehr, dass Don Quixote dann „die verrücktesten Taten“ aufführt. Sancho Pansa folgt ihm „gleichmütig“, wie es bei Kafka heißt, auf seinen Zügen und hat davon „eine große und nützliche Unterhaltung bis an sein Ende“. Ebenso folgt die träge, erdverbundene, im Alltag verhaftete Menschheit, deren Vertreter Sancho Pansa ist, den Expeditionen der Wissenschaft, deren Vertreter Don Quixote ist.

Der eine Teil der Menschheit, der weitaus größere, will die ewige Wiederkehr des Immergleichen, den über Jahrhunderte unveränderten Gang des Daseins, der andere Teil der Menschheit, der kleinere, ist auf Abenteuer aus, sucht Erkenntnis, folgt seinen Visionen, neigt zur Verblendung. Die „Sancho-Pansa“-Menschheit zockelt also auf ihrem Esel gemütlich und loyal hinter der „Don-Quixote“-Menschheit her, weil sie sich wohl auch manchen Vorteil davon verspricht, sie folgt den Entdeckern und Erfindern, wenn sie auch im Gefolge des Abenteuers keine ihrer Qualen los wird, ja das Abenteuer Fortschritt gebiert neben Erleichterungen auch neue Qualen.

Tarkowskij begegnet der Moderne mit radikaler Skepsis. Im Zentrum des Films „Solaris“ steht die Szene, in der die Kamera in das Gemälde „Jäger im Schnee“ von Pieter Breughel d. Ä. eintaucht, von dem sich ein Druck in einem Raum der Station befindet. Dieses Bild ist der Schlüssel zum Verständnis des gesamten Films, genauer gesagt, zu der Interpretation, die Tarkowskij Lems Roman gegeben hat. Es dient ihm dazu, die verlorene Einheit von Mensch und Welt, die Harmonie von Mensch und Natur zu beschwören. Auf dem Gemälde sind die Menschen noch Bewohner der Erde, einer heimatlichen Erde, in der Zukunftswelt des Romans und des Films sind sie es im tatsächlichen (die Astronauten) und auch im übertragenen Sinn nicht mehr. Der Anfang des Films illustriert Kelvins Entfremdung von den Dingen. Nur Kelvins Vater hält die verlorene Idylle (die vielleicht seit je nur ein selten realisierter und immer gefährdeter, menschlicher Traum war) noch aufrecht. Und der Traum kehrt dann am Ende visionär wieder, wenn das Vaterhaus als Insel im Ozean des Planeten Solaris schwimmt.

Was hat das mit Wittgenstein zu tun? Auch Wittgenstein ersehnte sich die Heimkehr des Menschen zur Erde. Der frühe Wittgenstein ist ein Mystiker wie Tarkowskij es war und beide richten unsere Aufmerksamkeit auf die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis. Und auch Wittgenstein hielt für ausgemacht, dass wir eines niemals loswerden, unser Schuldbewusstsein, unser Gewissen.

Wittgenstein verschaffte das Philosophieren keine Seelenruhe, er wurde zeit Lebens von seinen Teufeln geplagt, vermochte sie nicht von sich abzulenken, wechselte immer wieder zwischen dem Leben in der Zivilisation und in der radikalen Einsamkeit. Doch er schränkte nicht nur das Feld der Wissenschaften ein, sondern auch das Feld der Philosophie. Auch die Philosophie muss angesichts der Lebensprobleme schweigen, ist in metaphysischen Fragen, auf dem Gebiet des Mystischen nicht zuständig.

„Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig“,

behauptet Wittgenstein. Trotz der Schranken, die er den Naturwissenschaften errichtet, trotz der Resignation, die aus dem anfangs zitierten Satz spricht, sind sie ihm doch in der Klarheit ihrer Aussagen eine wesentliche, unhintergehbare Grundlage jeglicher Philosophie. Denn:

„Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft.“

Die Philosophie muss sich also, ohne selbst eine Naturwissenschaft sein zu können, auf dem Boden der Naturwissenschaften bewegen, wenn sie klare Aussagen treffen will. Der Zweck der Philosophie ist daher für Wittgenstein zunächst einmal „die logische Klärung der Gedanken“. Die richtige Methode der Philosophie wäre es,

„nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaften – also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat …“.

Dies wird später dazu führen, dass Wittgenstein den „Tractatus“, zumindest in Teilen, verwirft, seine Idee des Mystischen aufgibt und sich ganz der Sprache zuwendet, also demjenigen Phänomen, in dem sich das Denken ereignet. Die Sprache wird ihm zum zentralen Problem der Philosophie; er betreibt Sprachwissenschaft, durchmisst die Sprache in ihren alltäglichsten Facetten. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, hieß es schon im „Tractatus“. Seinen Anspruch hatte er ebenfalls dort bereits formuliert:

„Alles was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.“