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„Die Zeit ist wie eine Krankheit – man erkennt sie nur an ihren Symptomen“

PJ liest Martin Suters: „Die Zeit, die Zeit“:

„Die Zeit ist wie eine Krankheit – man erkennt sie nur an ihren Symptomen.“

Mal ehrlich – wer hat sich nicht schon mal gewünscht, etwas ungeschehen machen zu können, einfach die Uhr zurückdrehen und vor dem unglückseligen Ereignis neu ansetzen, anders agieren, etwas besser machen … ? Oft sind es kleinere Dinge, die man ungeschehen machen möchte; bei Martin Suter hingegen geht um die existenzielle Frage von Leben und Tod: Die Lebensgefährtin von Peter Taler wird vor seiner Haustür erschossen. Mehr als 20 Jahre zuvor war die Ehefrau seines Nachbarn gegenüber gestorben. „An etwas vermeidbarem“, wie ihr Witwer formulierte.

Peter Taler hatte den Kontakt zu dem mittlerweile 82-jährigen Eigenbrötler vermieden, ein knorriger, wortkarger Zeitgenosse. Bis zu dem Tag, an dem er das Gefühl hatte, daß auf dem Grundstück gegenüber etwas anders war … Taler beschließt, den Mann zu besuchen und will dabei auch erfahren, warum dieser seine Bäume radikal stutzt, ja sogar gesunde Pflanzen durch jüngere ersetzt. Die Antwort verwirrt ihn, es geht um die Zeit.

„Verstehen Sie die Zeit?“ fragt ihn Knupp.
„Die Zeit?“
„Verstehen Sie sie?“
„Sie vergeht. Mehr weiß ich nicht.“
„Schon falsch. Sie vergeht nicht.“

Knupp trank einen Schluck.
„Die Zeit vergeht nicht, alles andere vergeht. Die Natur. Die Materie. Die Menschheit. Aber die Zeit nicht. Die Zeit gibt es nicht.“

Ruhig und geduldig trug er seine bizarre Theorie vor wie ein greiser Lehrer einer neuen Klasse einen alten Stoff.

„Dieses ständige Werden und Vergehen hat nur einen Zweck: Es täuscht vor, daß die Zeit verstreicht.“

„Die Veränderung schafft die Illusion von Zeit.“

Solange sich das Gespräch der beiden mit diesen theoretischen Erörterungen begnügt, ist das interessant, aber noch nicht sehr spannend. Doch der alte Mann will mehr. Er will die Theorie in die Praxis umsetzen, das heißt konkret: Er möchte in seinem Haus und um sein Haus herum exakt den Zustand des 11. Oktober 1991 wieder herstellen. Warum? Von diesem Tag besitze er die meisten Fotos seiner direkten Umgebung und damals lebte seine Frau noch. Peter Talers Laura sowieso …

Taler, der die sinnlose Ermordung Lauras nicht überwunden hat – die Polizei tappt im Dunkeln, das Motiv fehlt – hofft insgeheim auch ein wenig, daß diese abstruse Zeit-Theorie stimmen könnte. Er beschließt Knupp zu helfen, sucht aber gleichzeitig auf eigene Faust nach Lauras Mörder. Dabei können ihm die Fotos, die Knupp zu allen möglichen Zeiten gemacht hat, möglicherweise helfen.

Nun beschreibt Martin Suter phantasievoll bis ins kleinste Detail, wie die beiden mit allen möglichen technischen Hilfsmitteln das Innere und die Umgebung des Hauses Gustav-Rautner-Weg Nr. 39 zuerst vermessen und dann akribisch in den Zustand des 11. Oktober 1991 zurückversetzen. Da müssen jüngere, aber identisch aussehende Pflanzen her, Hausfassaden müssen umgepinselt werden, die drei damals vor dem Haus parkenden Autos müssen wieder her, usw. usw. Das kostet Unsummen an Geld, die aber beschafft werden können.

Peter Taler schwankt zwischen Unglauben und Hoffnung, ob die beiden wirklich der allgegenwärtigen Entropie ein Schnippchen schlagen können, denn wenn das fast uferlose Experiment wirklich gelingt, dann – ja dann müßte auch Laura irgendwie wieder auftauchen. Er verbringt schlaflose Nächte.

„Das Foto mit der leicht verschwommenen Laura vor den Briefkästen kam ihm wieder in den Sinn. … Jetzt in diesem unwirklichen Zustand, in den ihn die Übermüdung und der Umgang mit Knupp versetzt hatten, kam ihm die Vorstellung, daß es keine Zeit gab, nicht mehr so unwahrscheinlich vor. Und wenn es keine Zeit gab, gab es auch das Jahr nicht, das seit Lauras Tod vergangen war.

Peter löschte das Licht. Doch der Gedanke ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.
Zeit und Raum. Wenn es die Zeit nicht gab, dann blieb der Raum. Und irgendwo in diesem mußte sich Laura befinden.“

Er hilft weiter beim Rückbau in die Vergangenheit. Ein wahnsinniges Projekt, das gegenüber den Nachbarn damit begründet wird, daß ein Film gedreht werde, in dem es um 100prozentige Authentizität gehe.

Die restliche Geschichte soll und darf nicht verraten werden, der geneigte Leser muß sich noch ein wenig damit beschäftigen, wie erfolgversprechend die Aktion „Zurück zum 11. Oktober 1991“ wirklich ist.

So sehen wir betroffen, den Vorhang zu und viele Fragen offen:
Wird Peter Taler dem 82-jährigen Knupp bis zum Ende der Aktion helfen?
Wo kommen die Riesenbeträge für die vielfältigen Massnahmen her?
Wird am nächsten Stichtag, dem 11. Oktober alles fertig sein?
Wer hat Laura erschossen und wird man das je erfahren?
Schaffen sie es wirklich, die Zeit zurückzudrehen und wenn ja, wie geht das Experiment aus?

Dies alles und noch mehr beantwortet das Buch:

Martin Suter
Die Zeit, die Zeit.
Diogenes 2012, gebunden 21,90 €
ISBN 978-3257068306

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Quelle: PJ Klein/SchönerDenken