Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Es fliegen raus: Zwei Klassiker – aus hoffentlich nachvollziehbaren Gründen

Neue Reihe bei “SchönerDenken”: “Verlassen Sie sofort meine Sammlung!” Bücher, Filme, Musik, die wir auf keinen Fall behalten wollen. Hendrik trennt sich von zwei Klassikern.

1.

Später frage ich mich ja immer kopfschüttelnd oder in mein jeweils vor mir stehendes Glas weinend: Wie konnte das geschehen? Wie konnte ich sie überhaupt in mein Leben lassen? Was hat mich nur geritten, sie damals in jenem Laden so ansprechend zu finden, dass ich glaubte, genau die Richtige gefunden zu haben, und sie einfach spontan mit nach Hause zu nehmen – diese CD oder diese DVD oder diese Ansammlung von unglücklich zusammengeworfenen Buchstaben, deren Klappentextautor offenbar begabter war als der Verursacher des Inhalts? Wie konnte ich nur dem grausamen Irrtum verfallen, damit einen schönen Abend verbringen, mich geistig und/oder emotional zu bereichern, eine Lücke in meiner Sammlung damit würdig schließen zu können?

Klar, da draußen gibt es eine Menge gepresster Silberlinge und bedruckter Seiten, welche meine Sammlung von vornherein nie ernsthaft zu betreten qualifiziert waren, von Cartland bis Stuckrad-Barre und von Boll bis Bohlen – aber um die soll es jetzt nicht gehen, das wäre gar zu einfach. Viel ärger: um nämlich etwas achtkantig aus der Sammlung herauszuschmeißen, muss es vorher als Teil dieser Sammlung aufgenommen worden sein.

In letzter Zeit hatte ich eigentlich ziemliches Glück, und echte Erwerbskatastrophen fanden kaum statt. Vor den schlechtesten DVDs warnte mich der entsprechende Kinobesuch, und wo ich solche Schreckensbegegnungen schon nicht verhindern konnte, gelang mir zumindest, sie außerhalb des heimischen Sammlersanctums stattfinden zu lassen. ‚Pandorum‚ hätte ich sonst bei seinem Erscheinen ganz sicher gekauft, schließlich spielt es an Bord eines Raumschiffs – leider ein Film, der sich als so unglücklich verwischter Kohlepapierdurchschlag diverser Standards seines Genres und mittelmäßiger Rollenspiele erweist, dass mir nicht einmal jemand eingefallen wäre, dem ich es hätte weitergeben wollen. Auch die substanzbefreite Lichtnahrungsdoku ‚Am Anfang war das Licht‚ hätte mich jeden Cent gereut, den ich in den DVD-Erwerb dieses lichten Trauerspiels gesteckt hätte statt in den Erwerb einer schönen kräftigen Doppelportion Osram.

2.

Gut, manchmal – das lässt sich nicht vermeiden – kriegt man etwas geschenkt, von dem jemand, der glaubt, einen zu kennen, glaubt, man würde es mögen [die Untergruppe der typischen Wandergeschenke mal nicht gerechnet, die sofort in die Kiste ‚Zum Weiterverschenken‘ wandern und m.E. von vornherein für gar nichts anderes hergestellt sind].

Irgend jemand hat mal gemeint, als Liebhaber zuweilen recht verschwurbelter Rhetorik müsse ich eigentlich für Eckhard Henscheid schwärmen, ich stellte jedoch bereits nach wenigen Seiten fest, dass verschwurbelt nicht gleich verschwurbelt ist und fand einen Arbeitskollegen, der mir die ‚Trilogie des laufenden Schwachsinns‚ dankend abnahm. Das kurze Besessenhaben des Henscheid’schen Werkes müsste mir also keineswegs peinlich sein – dass ich jedoch trotz dieser Vorerfahrung kurze Zeit später aufgrund der stets enthusiastischen Versandwerbung ‚Sämtliche Gottesbeweise‚ von Thomas Kapielski freiwillig orderte, muss ich mir als Aussetzer anrechnen. Ich liebe und verehre den Zweitausendeins-Versand seit über 20 Jahren, aber der Humor der Leute in der Frankfurter Porschestraße ist nur selten mein Humor, das hätten mir Henscheid (falsch verschwurbelt), Kapielski (bemüht, gähn – und wenig mehr), die Singing Dogs (ja, auch ich hatte einst diese peinliche Cassette – und ist nicht einer dieser jaulenden Welpen jetzt als Singender Bieber unterwegs?) und das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester (ein weiterer cd-gewordener Scherz mit 30-sekündiger Halbwertzeit) eigentlich beibringen müssen.

3.

Aber zurück zur Gegenwart – welche Furchtbarkeit hatte ich einmal lieber als Geld? Beim Ausräumen meiner Umzugskisten fielen mir gerade gestern zwei Bücher in die Hand, die ganz klar in diese Kategorie passen – aus einander genau entgegengesetzten Gründen.

Zum einen ist das eine in Bindung und Druck sehr schön gestaltete Ausgabe von ‚Gauwain und der Grüne Ritter‚ aus der Edition Perceval, die ganz klar in die Kategorie des Kopfschüttelverursachenden passt. Übersetzt wurde der Roman aus dem 14. Jh. nämlich von Marianne Rutz, und das ist das Problem. Die Dame betont zwar im Vorwort, sie habe sich zuweilen von der Wörtlichkeit losgelöst, „um der Schönheit und dem Fluss der Sprache Genüge zu tun“. Das Ergebnis, wenn sich eine Literaturwissenschaftlerin offenbar ohne jede Vorerfahrung im Nachreimen versucht, sind jedoch dann Zeilen wie

„Wenn ich von Euch keine Gabe erhalten,
So werd‘ ich von mir aus, das anders gestalten!“

„Der Andre entgegnet: ‚Mein lieber Herr
Bei Verabredungen kann man Euch trauen sehr!“

oder mein Favorit

„Keine Rast machte er
Und beeilte sich sehr
Und zügig ritt er einsame Pfade,
Wie das Buch es mir berichtet gerade!“

Humptata, humptata – die Gute hätte Edward Lear nachdichten sollen oder meinethalben Eckhard Henscheid ins Mittelenglische übertragen, aber bitte keinen ernstgemeinten Ritterroman. Und wenn schon, dann sowas doch bitte in einer unansehnlichen, trocken-akademischen Ausgabe (kalkweißes Papier und Arial 10), die man guten Gewissens sogleich wieder entsorgen kann, aber doch bitte nicht noch schön gebunden, kunstfertig gesetzt und illustriert! Irgendwie tut das doppelt weh.

Das zweite Buch ist genau das Gegenteil, nämlich die Jubiläumsausgabe der Göttlichen Komödie von Manesse. Nun ist der Schweizer Manesse-Verlag bekannt für sorgfältige Editionen, und von so einem Verlag hole ich mir gerne Klassiker ins Haus und habe auch einige. In diesem Fall jedoch hat man in Zürich ausnahmsweise vergessen, dass die Hand genau wie das Auge am Leseerleben teilnimmt, und man hat das umfangreiche Werk in einen kleinen dicken Ziegel mit über 800 Seiten gepackt und – soll ja eine wohlfeile Sonderausgabe sein – einen empfindlichen Pappedeckel drumgemacht, den man mehrfach brechen muss, falls man wider Erwarten in den Genuss kommen möchte, auch die jeweils innen stehenden Worte jeder Zeile lesen zu wollen. Deswegen bin ich so allergisch gegen billige Klassikerausgaben: sie begehen die Todsünde, sich störend zwischen Inhalt und Leser zu stellen, und diese Eigenschaft darf eine Buchedition NIEMALS haben.

4.

Jetzt habe ich seit Jahren diese zwei Misswerke hier herumstehen – eines sieht gut aus und schmerzt erst beim Aufschlagen, bei dem anderen traue ich mich an den reizvollen Inhalt gar nicht heran, weil ich das Buch, um an diesen heranzukommen, in einer Weise behandeln müsste, wie ich es schlicht nicht übers Herz bringe. Was macht man mit solchen Viertelgelungenheiten und Regalverstopfern? Mit schlechtem Gewissen dem wohlgeratenen Anteil des jeweiligen Buches gegenüber habe ich es nun längere Zeit ausgehalten, aber wo ich es mir jetzt von der Seele getippt habe, überführe ich beides in die Kiste ‚Zum Eingeben für Verkauf‘.

Da liegen in der obersten Reihe aktuell noch die DVD ‚Königreich der Himmel‚ (für mich ein optisch aufgemotzter 1x-und-wech-Film), die DVD ‚Predator‚ (gäbe es nicht den diesbezüglich noch schlimmeren Nachfolger ‚Predators‚, hätte ich hier das Prädikat „Beste Dialogregie eines 11jährigen“ verliehen) und das Hörbuch ‚Der lange Weg zur Teetasse‚ von Anthony Burgess (dessen hier leider doch recht triviale Klamaukphantasien mir auch Harry Rowohlt als Vorleser nicht rettet). Ach ja, eine gaaanz schlechte Elektrohupf-CD von einer Dame namens Leila K. liegt da noch, die hier nicht zählt, weil ich sie bei einem Privaterwerb als Bonus bekommen habe, und dass die Vorbesitzerin mir dazuschrieb, sie hätte das immer beim Bodybuilding gehört, sagt alles, was man hierzu wissen muss.

5.

Notiz an mich selbst: Obiges schlechtes Gewissen abgewöhnen. Manche Sachen zu behalten ist ein Vergehen gegen die guten und schönen Dinge, die an deren Platz stehen könnten.