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Iain M. Banks: Ein Geschenk der Kultur

Hendrik macht sich selbst
Ein Geschenk der Kultur
Die 286 Seiten des bei Heyne 1992 erschienenen Taschenbuches versammeln acht zwischen 1987 und 1989 an verschiedenen Stellen publizierte Kurzwerke des Meisters und führen vor, daß er auch die prosaische Kurzform recht beeindruckend beherrscht. Strenggenommen enthält bei Ein Geschenk der Kultur (OT: The State Of The Art) bereits das Cover zwei etwas irreführende Abweichungen vom englischen Original:

Zum einen veröffentlicht der Autor seine phantastischen Texte mit einem kleinen Zusatz als Iain „M.“ Banks, damit sie sich von seinen anderen Romanen unterscheiden lassen. Aber der Heyne-Verlag ist – auch bei anderen AutorInnen – solchen Feinheiten gegenüber schon immer völlig immun gewesen und hat selbst die Werke Banks‘, die gar nichts mit Phantastik zu tun haben, zwecks besserer Verkäuflichkeit meist in die SF-Reihe gepresst (z.B. Die Wespenfabrik [The Wasp Factory]). Also müßte auch hier eigentlich Iain M. Banks auf dem Cover stehen, denn die acht versammelten Erzählungen sind zweifelsfrei verschiedenen Bereichen der Phantastik zuzurechnen.

Zum zweiten ist die Sammlung im Original nach der bei weitem längsten der enthaltenen Erzählungen betitelt, im Deutschen nach einem der anderen sieben kürzeren Texte. Das hat mit dem Stichwort ‚Kultur‘ zu tun: der Zyklus der Romane um das Universum der ‚Kultur‘ ist einer der ambitioniertesten und zu Recht erfolgreichsten SF-Entwürfe der letzten Jahre, und so muß man sich – wieder aus Gründen der Verkäuflichkeit – bei der Festlegung des Titels vorgenommen haben, in jedem Fall das Stichwort ‚Kultur‘ in den Titel zu bringen. Sei aber beides noch gerne verziehen – es gibt wahrhaft schlimmere lektorielle Verunglimpfungen, gerade bei Heyne.
Also lieber zu den Geschichten im Einzelnen:

Straße der Schädel (Road of Skulls)
Diese nur sieben Seiten umfassende freundliche Kleinförmigkeit ist eine klassische short story: eine kurze Einblendung in eine Episode im Leben zweier Reisender, die auf einem wackligen Fuhrwerk unterwegs sind auf einer berühmten „Straße der Schädel“. Es ist eine unbequeme Reise, denn das Sternenimperium, in dem sie leben, pflasterte diese Straße wortwörtlich mit den Schädeln besiegter Feinde. Alles in allem eine spaßige Kürzestgeschichte, die von den darin angedeuteten Exotismen lebt, mehr nicht beansprucht und mehr nicht erfüllt. 3 von 5 möglichen Sternen.

Ein Geschenk der Kultur (A Gift from the Culture)
Diese ebenfalls nicht sehr umfangreiche Geschichte spielt vor dem Hintergrund des ‚Kultur‘-Universums, in dem bereits ein gutes Halbdutzend umfangreicher Romane Banks‘ angesiedelt ist – der erste (Consider Phlebas) stammt aus dem Jahre 1987, wie auch diese Erzählung. Die ‚Kultur‘ ist eine utopisch-technische Superzivilisation, und wie das in idealen Gesellschaften nun mal so ist, gibt es Individuen, die sich aus den verschiedensten Gründen bewusst von diesen abwenden und in den barbarischen Randzonen zu leben bevorzugen. Die Geschichte dreht sich um die Frage, ob ein solcher ehemaliger Angehöriger der Kultur dazu gebracht werden kann, sich als Attentäter endgültig gegen seine eigene Herkunft zu wenden. Keine schlechte Geschichte – allerdings wirkt sie ein wenig fragmentarisch, weckt den Verdacht, ausgesonderter Teil eines der Romanmanuskripte zu sein, und trotz des interessanten darin erzählten Konfliktes kann der Text mit den anderen Romanen und Erzählungen des Zyklus längst nicht mithalten. 2 von 5 Sternen.

Ungerade (Odd Attachment)
Diese schwarzhumorige Kürzestgeschichte behandelt die Perspektive einer gigantischen intelligenten Tentakelpflanze auf einem fremden Planeten. Als seltsame bewegliche Wesen (zwei Arme, zwei Beine, keine Wurzeln – was mag das sein …) dort landen, nutzt das verliebte Gewächs die Gelegenheit zu einer Runde ‚Sie liebt mich, sie liebt mich nicht‘. Ein literarisierter Gary Larson-Cartoon, der zumindest für mich nicht viel Besonderes hat. 1 von 5 Sternen.

Heruntergekommen (Descendant)
Diese etwa 30-seitige Erzählung war in irgendeiner Anthologie mein persönlicher Erstkontakt mit dem Autor Iain M. Banks und hat Lust auf mehr gemacht. Sie spielt vielleicht in einer frühen Phase des ‚Kultur‘-Universums, aber genau erfährt man das nicht. Ein Raumpilot strandet nach einem Unfall weit abseits jeder Hilfe auf einem unbewohnten Planeten. Seine einzige Hoffnung besteht in einem Fußmarsch in die einige hunderte von Meilen entfernte Sendezentrale; seine einzige Hilfe ist sein intelligenter Raumanzug, mit dem er im Laufe des mehrmonatigen Marsches zwangsläufig eine sehr intime Verbindung eingeht – und zuletzt ist es der Anzug, der überlebt, aber offenbar hat er dabei eine Veränderung durchlaufen und – vielleicht – ein Bewußtsein entwickelt, das vorher nicht da war. SF ist für gewöhnlich eine Genre der großen Entwürfe, es ist besonders schön zu sehen, daß es hier auch sehr gelungene Kammerspielszenarien und close encounters geben kann. 4 von 5 Sternen.

Entsorgung (Cleaning up)
SF-LeserInnen lieben an Banks unter anderem die stilistische Neigung, seine Romane und Erzählungen mit einer Unmenge eigentlich völlig überflüssiger, in der Summe jedoch äußerst wirkungsvoller Ornamente auszustatten: phantasievolle Schiffsnamen, interessante Gegenstände, exotische Völker. Das steht in der besten Tradition der gigantomanen Space Operas früherer Jahrzehnte (man denke zum Beispiel an Larry Niven oder E.E. ‚Doc‘ Smith) und entwickelt diese zugleich gedanklich weiter, Banks macht sie durch selbstironische Zwischentöne und gelungenere Differenzierungen der fiktiven Kulturen verdaulicher. Diese Geschichte hier ist Banks‘ Variante über das in der SF schon zuvor in ähnlicher (unernster) Weise behandelte Thema des zivilisatorischen Gefälles, bei denen die sich selbst als höchste Entwicklungsstufe sehende Menschheit in Wahrheit am unteren Ende der Rangliste steht – ganz ohne dies zu bemerken. Auf der Erde taucht plötzlich eine Vielzahl in der Funktion rätselhafter, aber offensichtlich technisch höchstentwickelter Maschinen wie aus dem Nichts auf, und natürlich haben die irdischen Machthaber nichts Besseres zu tun, als alle Geräte, deren sie habhaft werden können, für sich zu reklamieren, sie als an sie als würdige Vertreter höchster zivilisatorische Reife übermittelte Geschenke zu betrachten – obwohl in Wahrheit bei den wirklich hochentwickelten Aliens nur ein Defekt bei der Entsorgungseinheit für fehlerhafte Maschinen aufgetreten ist; „Die Götter müssen verrückt sein“ in potenzierter Form; statt einer Colaflasche sind eben

“ … ein Übersetzungsapparat für Grenbrethg, ein automatisches Kanalisations-Prüfwerkzeug, ein Klettergerät für Kinder, ein Bloorthana-ee-Bordell-Schwebebett, ein Reparierer der untersten Kategorie, ein Ein-Personen-Gas-U-Boot, ein striyanisches Phallussymbol, eine … o nein, eine Schpleebop-Fliegenklatsche! (S. 110) … „

die Fundstücke dieses interplanetarischen Cargokultes. Nett zu lesen. 3 von 5.

Fundstück (Piece)
ist vordergründig ein in Privatbriefform gehaltener Essay über die uralten Diskrepanzen zwischen Religion und Naturwissenschaften und die Natur von Zufall und Vorsehung. Der Schreiber ist selbst ein Vertreter der Überzeugung, ein gewisses Maß an scheinbaren Wundern oder Schicksalsfügungen sei die schlicht manchmal unvermeidbare Abfolge von zufälligen Entwicklungen, alles andere sei

„… Mistkäferdenken. Das Leben ist zu kompliziert, als daß es nicht andauernd Zufälle gäbe, und wir müssen uns damit abfinden, daß sie einfach geschehen und keine Fügung dahintersteckt, daß sich manche Dinge aus keinem wie auch immer gearteten Grund ereignen und daß weder das eine eine Strafe noch das andere eine Belohnung ist.“ (S. 132/133)

Der Schluss der Geschichte offenbart die eigentliche Natur des Textes, fügt einige der beiläufig zuvor genannten Stichworte zusammen und überlässt dem Leser das Weiterdenken. Eine runde, wenngleich unvermeidbar reichlich konstruierte Geschichte, die aufgrund ihres Zeitbezuges leider nur nach und nach an Wirkung einbüßen muß, denn schon heute erinnert sich längst nicht mehr jeder an die Hintergründe der hier entscheidenden Stichworte „Satanische Verse“ und „Lockerbie“. Runde 2 von 5.

Der letzte Stand der Kunst (The State of the Art)
Hauptstück des Buches ist diese 140-seitige Erzählung, die der Originalausgabe den Titel gab und wiederum Bestandteil des ‚Kultur‘-Universums ist. Die Geschichte spielt im Jahre 1977 n. Chr. planetarer Ortszeit, Handlungsort ist die Erde. Ein Raumschiff der Superzivilisation der ‚Kultur‘ – genauer gesagt eine AKE (Allgemeine Kontakt-Einheit) – befindet sich im Orbit über dem Planeten, und die Besatzung erkundet die aus ihrer Sicht unglaublich primitive und kurz vor der Selbstauslöschung stehende Zivilisation.

Kernstück der Handlung ist die Begegnung der Erzählerin mit einem der anderen Beobachter, der beschlossen hat, zu einem der Bewohner der Erde zu werden und auf alle Privilegien zu verzichten, die den Kulturangehörigen gegeben sind, um dadurch – aus seiner Sicht – aus der Dekadenz der Fast-Allmacht zurück zu einem intensiven, echten Lebensgefühl zu finden. Ferner geht es zugleich um die – selbst in der SF bereits vertraute – Frage der Einmischung. Darf die höhere Zivilisation einschreiten, um die drohende Gefahr der Selbstzerstörung abzuwenden? Muß sie das, moralisch gesehen, sogar tun? Oder hat sich die ‚Kultur‘ bereits soweit von ihren eigenen Wurzeln entfernt, dass die Menschen sogar langfristig die weniger gefährdete Lebensweise vertreten?

Diese in vielerlei Ausprägungen (von den Strugatzkis bis hin zu Star Trek) bereits erzählerisch diskutierte Frage wird hier in bündiger und eleganter Weise umgesetzt, dass es eine schiere Lesefreude ist. Zugleich ist die Erzählung ein schöner, in sich geschlossener repräsentativer Einblick in das ‚Kultur‘-Universum mit seinen wesentlichen Facetten: seiner unglaublichen Ausdehnung, seinen technischen Möglichkeiten und Beschränkungen, seiner Gleichsetzung von biologischer und (zuweilen recht bizarrer) maschineller Intelligenz, seiner Ideologie. Klare 5 von 5 Sternen.

Kratzer (Scratch)
Das Buch endet mit einem 8seitigen experimentellen Text ohne einen erkennbaren narrativen Zusammenhang. Es scheint ein kondensierter Bodensatz assoziativer Formulierungen und Erzählsplitter zu sein. Das ist stellenweise nicht unwitzig (so wird die Geschichte des gesamten Universums in nicht mehr als drei Worten zusammenfassend erzählt:

„DIE GESCHICHTE DES UNIVERSUMS

Kapitel Eins
Peng!

Kapitel Zwei
ssss

Kapitel Drei
Krrr.

ENDE“

Dennoch kann ich persönlich letzten Endes nicht wirklich etwas mit dieser Art experimentalprosaischem Kondensat anfangen. 1 von 5.

Alles in allem ist die Storysammlung Ein Geschenk der Kultur eine akzeptable Lektüre – vor allen Dingen natürlich wegen der längeren Erzählung ‚Der letzte Stand der Kunst‘, die circa die Hälfte des Buches einnimmt. Sie zeigt, dass Banks ein hervorragender Erzähler mit einer enormen schöpferischen Phantasie ist.

Dem SF-Subgenre der Space Opera wurde ja immer wieder vorgeworfen, sich selbst zu verzehren bei dem Versuch, immer extremere und exotischere Universen zu denken. Banks ist einer der Autoren, die bewiesen haben, dass dieser Vorwurf unsinnig ist, und dass man auch im erzählerischen Rahmen eines durchaus genüßlich möglichkeitenberauschten Kulturentwurfes wichtige Themen der Zeit aufgreifen und relevante Charaktere entstehen lassen kann.

Es ist sicher eine Art von Kunst, aus wenigen Requisiten viel zu machen. Es bedarf ganz anderer Fähigkeiten, innerhalb groß angelegter Kosmosentwürfe vor lauter Drumrum das Erzählerische nicht aus den Augen zu verlieren. Banks ist ein Virtuose der zweiten Kategorie, und Ein Geschenk der Kultur belegt das zusammenfassend fast so gut wie jedes andere Buch von ihm.