Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Die Erdung des Auges: „Stalker“

Hendrik sieht sich Tarkovskys Stalker noch einmal an (… freiwillig!).

Von der Ausbremsung der Matrix durch die Ruhezone …

… fast drei endlose Filmminuten lang ertönt das monotone, rhythmische Rattern, mit dem eine motorbetriebene Draisine über ausgeleierte Eisenbahnschienen durch (so scheint es) ein völlig verwahrlostes Industriegebiet fährt. Drei Männer sitzen schweigend darauf, drei einander fremde Reisende, die nur ein gemeinsames räumliches Ziel zusammengeführt hat, das aufgrund der Umstände auf anderem Wege nicht zu erreichen ist. Langsam gleitet die Kamera von einem Gesicht zum anderen, läßt sich durch das Fehlen von Handlung und Dialog nicht zwingen, dem Zuschauer diese dem Reisen typische Wartezeit-in-Bewegung zu verkürzen. Und selbst der Hinweg zu diesem frühen Abschnitt der Reise, die den Haupthandlungsstrang des Films bildet, dauert für den Zuschauer über eine halbe Stunde.

Überhaupt kommt Tarkovskys „Stalker“ dem Gefühl eines Realzeitfilms schon recht nahe: Die Geschwindigkeit des Films bleibt unbeeindruckt von der dramatischen Relevanz eines Moments, nähert sich damit der Realität an und lädt den Betrachter ein, selbst Teilnehmer der Reise zu werden: unsichtbarer vierter Reisender …

Worum geht es in der 1979 gedrehten deutsch-russischen Koproduktion Andrei Tarkovskis (oder -ky oder -kij, je nach Quelle) der von Filmenthusiasten längst als „Meister der Langsamkeit“ zum – allerdings nicht unumstrittenen – Zunftklassiker gekürt wurde? Der Film orientiert sich frei an Elementen einer utopischen Erzählung des russischen Autorenbrüderpaares Arkadi & Boris Strugatzki mit dem Titel „Picknick am Wegesrand“ von 1972. Einige Jahrzehnte vor der Filmhandlung ist ein unbekannter kosmischer Körper auf der Erde eingeschlagen und hat die ZONE geschaffen, ein gefährliches Areal, in dem offenbar gänzlich eigene, teilweise tödliche Regeln und Naturgesetze herrschen.

Nachdem der Versuch des Militärs, dort einzudringen, das spurlose Verschwinden der ganzen Panzereinheit zur Folge hatte, wurde die ZONE abgeriegelt und ihr Betreten unter Strafe gestellt. Dennoch führen immer wieder illegal tätige Führer, die so genannten Stalker (Pirsch- oder Schatzjäger) Menschen in das Gebiet hinein. Unter anderem hält sich das Gerücht, es gebe dort einen Raum, in dem Wünsche erfüllt würden.

Der Film berichtet von der Reise dreier namenloser Männer – eines Schriftstellers, eines Wissenschaftlers und des sie anführenden Stalkers – durch die ZONE und zu diesem Raum. Die ZONE präsentiert sich als ein unüberschaubares Areal voller verrosteter und zerstörter zivilisatorischer Überreste, die langsam von einer seltsam fahlfarbig wirkenden Vegetation überwuchert werden. Es gilt, unsichtbare Fallen zu umgehen und mystisch wirkende Regeln zu befolgen – niemals darf man den gleichen Weg zurückgehen, niemals ist der gerade Weg der kürzeste. Als der Schriftsteller versucht, sich über die Anweisungen des Stalkers hinwegzusetzen, erhält er eine von einer körperlosen Stimme gesprochene Warnung.

Während der Reise – die in einem zeitlos wirkenden Dämmerlicht stattfindet, einiger Bemerkungen des Stalkers zufolge jedoch insgesamt einen Tag andauert – beginnt die Umgebung, ihren Einfluß auf die drei Männer zu nehmen. Als sie zuletzt den Raum erreichen, den sie gesucht haben, hat jeder von ihnen auch eine innere Reise vollzogen: Ihre Weltsichten haben eine neue Färbung angenommen, ihre Motive haben sich verändert.

Vordergründig ist es – so könnte man mit einiger Süffisanz sagen – nur konsequent von Tarkovsky, daß er den Höhepunkt eines Filmes, in dem äußerlich fast nichts passiert, dadurch bestreitet, daß zuletzt gar nichts geschieht: Denn keiner der drei Männer betritt am Ende den Raum der Wunscherfüllung, und der einzige größere zeitliche Sprung, den der Film enthält, blendet das Verlassen der ZONE und die Rückkehr der drei Männer in die Außenwelt aus. Die drei stehen zuletzt wieder an dem gleichen Tisch in der heruntergekommenen Kneipe, an der sie sich zusammenfanden.

Der Stalker kehrt wieder zu Frau und Kind zurück, die er zu Beginn des Filmes verließ, erschöpft läßt er sich in der ärmlichen Behausung in jenes Bett zurücksinken, aus dem er am Morgen, bereits erschöpft wirkend, herausgestiegen war. Seine Frau bestreitet den Epilog, den vierten Reisenden (uns Betrachter) nun plötzlich direkt ansprechend, und erzählt uns darin die Vorgeschichte des Stalkers. Und ganz zuletzt endet der Film wortlos mit fast genau dem Bild, mit dem er begann: mit einem fleckigen Glas, das sich wie von selbst auf einem Tisch hin und her bewegt – nur daß wir jetzt die Ursache dieser Bewegung erkennen können: Es ist das Kind, in dem die unbegreiflichen Kräfte der ZONE zur Körperlichkeit gefunden haben.

Im zeitgenössischen Actionkino ist es Konvention und Mode, die Vorstellung der linearen Zeit mehr und mehr außer Kraft zu setzen. Was möglich ist, wird auch gemacht: Zeit wird gestrafft, gedehnt, übersprungen, zerstückelt, invertiert, mit anderen Abläufen (Zitaten aus Parallelwelten) wiederholt. Ähnliches geschieht mit Handlungen: Was wesentlich ist, nimmt auch zeitlich mehr Raum ein; so wird auf der Zeitebene die Intensität eines Momentes oder die Bedeutung eines Ereignisses unterstrichen: Die kampfentscheidende Kugel schlägt in Zeitlupe ein, derweil Monate, gar Jahre einfach vorgespult – oder gleich in einem Nebensatz abgetan – werden.

Das ist zweifelsohne wesentlich unterhaltsamer als ein Film, der einfach nur an seinem Beginn beginnt, dauert, solange er dauert, und mit seinem Ende aufhört. Aber die Möglichkeit, Emotionen und Aktionen nicht nur bildlich darzustellen, sondern zum Beispiel auch filmzeitlich zu inszenieren (und damit zu gewichten und zu werten), birgt die Gefahr, daß der Betrachter verlernt, die Bedeutung eines Augenblickes, einer kleinen Geste, eines unverzerrten, unmoderierten Bildeindrucks selbst einzuschätzen – sich darin einzufühlen, den Moment nachzuvollziehen und selbst zu einer Emotion zu gelangen (die dann von der Emotion, die sich der Regisseur gedacht hat, abweichen mag, aber darauf kommt es nicht an).

„Stalker“ ist ein Film, den ich deswegen alle paar Jahre wieder schätze, weil er meine Sehgewohnheiten zu erden hilft. Vielleicht liegt es an den ins Unendliche wuchernden technischen Optionen der Filmtricktechnik oder an dem Einfluß der zunehmend häufigen Comicadaptionen: Der moderne Film hat einen Weg eingeschlagen, der ihn zeitweise in eine gefährliche Nähe zur bilddramaturgischen Beliebigkeit bringt. Nicht nur alles Zeigbare muß gezeigt werden (möglichst in einer Weise, in der es noch nie gezeigt worden ist), sondern auch alles Nichtzeigbare muß hervorgezerrt und visualisiert werden – Ängste und Träume müssen sich körperlich manifestieren, veranschaulicht sein, um vom Betrachter angenommen zu werden. Die Gefahr in diesem zum Teil ja oft durchaus anspruchsvoll umgesetzten intellektuellen Spiel mit den Möglichkeiten der Bildwerdung (von „The Cell“ bis „Identity“, von „Matrix“ bis „Donnie Darko“, von „Pan’s Labyrinth“ bis …) liegt vielleicht weniger in der inflationären Reizüberflutung (so – anders – am andersten – und dann?) als im Verlust der emotionalen Wurzeln.

Manchmal wird das Spiel mit den Bildern so gewaltig und virtuos, daß das Gefühl, das mit den Bildern erzeugt werden soll, in mir keinen Raum mehr findet, keinen Anknüpfungspunkt in meiner persönlichen Erfahrungs- und Vorstellungswelt mehr hat. Und zumindest ich neige dazu, eine mich als Betrachter so völlig überfahrenwollende Sinneswelt für belanglos zu halten: Sie holt mich nicht ab, wo ich bin, sie ergreift mich nicht, um mich zum Miterleben einzuladen. Das Auge sieht hin, aber das Gehirn schaut nicht mehr zu: Weil es sich überfahren fühlt, sich manipuliert vorkommt, oder aber einfach völlig gelangweilt ist.

Umgekehrt mag das effektverwöhnte Auge bei einem Film wie „Stalker“ ermüden, der in Schwarzweiß beginnt und endet und auch im Mittelteil nur zu blasser Farbigkeit findet; der erzählende Science Fiction völlig ohne Spezialeffekt und Helden bietet und wenig mehr zeigt als drei Männer, die redend oder schweigend durch eine Ruinenlandschaft stolpern. Und in vielen Momenten mag auch das Gehirn ermüden, denn diese Art von Kost ist es nicht mehr gewöhnt. Aber im rechten Augenblick – der zugegebenermaßen selten eintreten mag – ist es dem Auge eine meditative Erdung, und das Gehirn traut sich hinter dem Effekteschutzwall hervor und läßt sich auf das Wahrnehmen ein: auf die fast spürbare Zeitlichkeit der ZONE, auf ihre unsichtbare Existenz, ihre Atmosphäre, ihre Unerklärlichkeit – und zuletzt auf die Assoziations- und Denkmöglichkeiten, die sich aus diesem philosophischen Querfeldeinmovie ergeben.

„Stalker“ ist – schwere Kost, die er bietet – sicherlich ein Film, den viele Filmenthusiasten nur deswegen loben zu müssen meinen, weil es zum Image gehört, ähnlich wie Dante und Tolstoj sicherlich in mehr Bücherregalen an betont prominenter Stelle stehen, als sie tatsächlich heutzutage begeisterte Leser finden. Aber das bedeutet nicht, daß man nicht dem Film auch wirklich etwas abgewinnen kann. Wenn ich mir im Vergleich mal die – laut diversen Filmfanstatistiken – anderen angeblich besten SF-Filme des gleichen Jahres anschaue, so schneidet Stalker auch für mich überraschend gut ab – bei weitem nicht so kinoformatverloren, klinisch und inhaltsvakuumiert wie „Star Trek – The Motion Picture“ und auch nicht so eingleisig, endzeitphantasienbesoffen und veraltungsgefährdet wie „Mad Max“. Lediglich „Alien“ fällt mir als ein eindeutig besserer phantastischer Film seines Jahres ein; eventuell mag auch noch „Time after Time“ („Flucht in die Zukunft“) mit seinem nostalgischen Charme bei manchen positiv hängengeblieben sein (ich entsinne mich allerdings nur dunkel daran).

Ich kann es nur zusammenfassend wiederholen: „Stalker“ handelt nicht nur von einer ZONE, der Film ist auch selbst eine Zone – eine Ruhezone, in der Special Effects keinen sinnvollen Einlaß finden, in der ein Ort und Gesichter und Worte einfach nur in aller Ruhe für sich selbst wirken. Natürlich werden sie dadurch – 2007 eher noch als 1979 – sehr rasch als Metaphern erkennbar, aber als Metaphern für was? In dieser Oase hat der Betrachter Zeit, dem auf seine eigene Weise nachzugehen. Und daß dieser Weg auch für mich Filmgucker ein schönes Ziel ist, daran erinnert mich „Stalker“ alle paar Jahre wieder.

Danach dann auch gerne wieder etwas Flotteres … mit Laserstrahlen!

… die Kamera fährt gemächlich über einen von Wasser bedeckten alten Kachelboden hinweg, auf dem – offenbar schon seit sehr langer Zeit – verschiedene Gegenstände liegen: eine zerbrochene Spritze, etwas wie ein Tablett, ein zerbrochener Schmuckrahmen mit einem Heiligenbildchen darin, eine Waffe, ein Kelch. Zuletzt gelangt sie bei der Hand eines am Ufer schlafenden Mannes an und verweilt dort. War das ein Blick in seine Erinnerungen? Seine Träume? Ist er selbst, wie er dort liegt und schläft, Teil eines Traums? Man weiß es nicht und wird es nicht erfahren, wenn man nicht der Einladung folgt und den Film selbst im Kopf weiterspinnt …

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