Kafka: An einem universalen Ort (8)

„Ein Pfad in der unbekannten Welt“
Götz Kohlmann entdeckt Kafka neu
Achter Teil

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Eintrag am 1. August:

K. zur Bahn begleitet. Im Bureau die Verwandten rund herum.“ Eintrag am 2. August: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.“ Eintrag am 3. August: „Allein in der Wohnung meiner Schwester.“ Eintrag am 6. August: „Die Artillerie, die über den Graben zog. …Ich bin zerrüttet, statt erholt.“ – 7. August: „Gestern und heute vier Seiten geschrieben, schwer zu überbietende Geringfügigkeiten.“ Dann am 15. August: „Ich schreibe seit ein paar Tagen, möchte es sich halten.

Kafka schreibt einen Roman über einen unverheirateten Bankangestellten, dem ein Prozess gemacht wird, ohne dass der Held weiß, wessen er sich schuldig gemacht hat. Josef K. erinnert uns durchaus an seinen Autor, ja diese vom Leser gefühlte Verbindung des Bewusstseins der Romanfigur mit dem Bewusstsein des Autors ist sogar die einzige Verankerung des Textes in der uns vertrauten Wirklichkeit. Denn K. bewegt sich in einer fast aller aus dem Alltäglichen vertrauten Vorgänge und Eindrücke beraubten Welt, in einer Parallelwirklichkeit, in der nichts an Prag erinnert. Es ist ein Stadtroman, doch eigentlich kommt städtisches Leben darin gar nicht vor.

Wir sind an einem universalen Ort, der in seiner Surrealität oder eigentlich Subrealität so von Kafka gewollt war; Samuel Beckett ging später diesen von Kafka beschrittenen Weg in die Fremde, wo die zeitlichen, räumlichen und kausalen Zusammenhänge nicht mehr gelten, wo es nichts mehr Vertrautes gibt, was man aus dem eigenen Leben kennt.

Mit seiner Verhaftung wird K. aus dem vertrauten Bezug zur Welt gerissen und mit ihm der Leser. Es gibt von Kafka so gut wie keine theoretischen Äußerungen zu seinem Schreiben. Wir wissen nicht, was er beabsichtigte, ob er sich bewusst dafür entschied, die Sprache seines Romans auszunüchtern, die Realität zu verwandeln, um die Mechanik des Daseins um so deutlicher offen zu legen.

Wir wissen nicht, was den plötzlichen Sprung markiert von den doch manchmal konventionellen, stellenweise gezwungenen, dünnen Erzählversuchen im Tagebuch zur stilistischen Geschlossenheit, zur fraglosen Meisterschaft des „Prozesses“. Kafka reflektierte zwar unentwegt über sein Schreiben, doch nicht über formale oder inhaltliche Fragen, sondern über das Schriftstellersein selbst, über seine Fähigkeiten, über Schreibkrisen, über die Bedeutung seines Schreibens innerhalb seines Lebens und über den Konflikt zwischen seiner Berufung, an der er niemals zweifelte, und dem Leben.

Dennoch wäre es falsch zu glauben, dass Kafkas Werke ihm quasi aus dem Unterbewusstein, in Zuständen hellster Inspiration, aus der Feder flossen. Gewiss, ein Gefühl des Getragenseins brauchte er, er hasste „dieses verdammte Sichzwingen“, war kein Schriftsteller, der sich diszipliniert an den Schreibtisch setzte und werkelte, Inspiration hin oder her. Als er die Texte für den Band „Betrachtung“ für den Druck fertig stellen sollte, schrieb er an Max Brod:

Dieses künstliche Arbeiten und Nachdenken stört mich auch schon die ganze Zeit und macht mir unnötigen Jammer.

Er war in hohem Maße von der Inspiration abhängig, doch er war sich auch allzeit über die Wahl seiner Mittel im Klaren. Das was in seiner Macht stand, war ja schon überragend. Wie grandios er mit Sprache umzugehen vermochte, was ihm da an unterschiedlichen Tonlagen zu Gebote stand, das belegt jeder noch so unpersönliche Brief, das belegen auch seine im Auftrag der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt verfassten beruflichen Texte, die Titel tragen wie „Umfang der Versicherungspflicht der Baugewerbe und der baulichen Nebengewerbe“ oder „Einbeziehung der privaten Automobilbetriebe in die Versicherungspflicht“. Und wenn dann, zu dieser handwerklichen Meisterschaft, die man auch im Büro schätzte, noch hinzu trat, was nicht in seiner Macht stand, dann ereigneten sich solche Wunder der Imagination wie etwa in den Sammlungen „ Ein Landarzt“ und „Ein Hungerkünstler“. Und wenn er sich mit seinen Fähigkeiten der erfahrbaren Wirklichkeit und nicht einer visionär verwandelten Wirklichkeit zuwandte, dann war sein Können nicht minder beeindruckend.

Der 1909 in der Zeitung „Bohemia“ erschienene Essay „Die Aeroplane in Brescia“ ist dafür ein Beispiel. Wie die Abschlussarbeit eines Lehrlings kommt der kleine Reisebericht daher und doch ist der einzige ihm gebührende Platz gleich neben „Das römische Carneval“, Goethes Beschreibung des Karnevals in Rom. Kafka schildert die Flugschau in Brescia, die er gemeinsam mit Max Brod und Otto Brod während einer zehntägigen Norditalienreise besucht hatte: Beobachtungen also bei den tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten. Noch in Italien beginnt Kafka mit der Niederschrift des Essays und gleich nach der Heimkehr sucht Brod zwei ihm bekannte Zeitungsredakteure auf, um den Text anzubieten.

Die „Aeroplane“ ist Satz für Satz ein Juwel, sie bietet reihenweise originelle Formulierungen, die nur von Kafka und keinem anderen stammen können. Er führt dem Leser das reale Ereignis mit keinesfalls ausschweifenden, sondern knappen, präzisen Bildern vor Augen. Der genauen Wahrnehmung fehlt es aber nicht an surrealen Momenten: im Bahnhof von Brescia „schreien“ die Menschen, „als brenne der Boden“;  komischen Vergleichen: Ein Kutscher, mit dem die drei Freunde über den Fahrtpreis streiten, „kommt gleich in einen Eifer, als dauere der Streit schon eine Stunde“; und feiner Ironie, etwa der Kommentar zum Gedränge vor dem Aerodrom: „Ordnung und Unglücksfälle scheinen gleich unmöglich.“ Vor allen anderen gehört dieser Text Kafkas in die Schullesebücher, auch weil das Ganze selbst noch den Charme eines Schüleraufsatzes hat – und der Lehrer war Goethe. Es ist eine Probe von Kafkas Genie: dennoch – man greife zu Goethes Bericht, achte auf die Satzfiguren, die Satzrhythmen, ja sogar den Einsatz des Semikolons, und wird überzeugt sein: die „Aeroplane in Brescia“ schrieb Kafka mit Goethes Augen.

Wir sind immer noch bei der gleichen Frage und kommen nicht voran: warum er sein erwiesen brillantes Vermögen zur Darstellung zeitgenössischer Wirklichkeit nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar seinen Erzählungen und Romanen zugute kommen ließ? Er war aufgrund seines Berufes in der Unfallabteilung der Arbeiterversicherung, in deren Zuständigkeitsbereich eines der wichtigsten Industriegebiete Europas lag, aber auch als Mitinhaber einer kleinen Fabrik und Sohn eines Geschäftsmannes sehr nahe an der sozialen Realität, sehr viel näher als viele anderen der großen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er war auch fähig, diese Realität zu schildern, doch ihm ging es vor allem um die „Darstellung meines traumhaften inneren Lebens“.

Da wir aber heutzutage Tagebücher, Briefe und Notizen großer Schriftsteller nahezu gleichberechtigt neben ihre erzählenden Texte stellen, ja bei manchen Autoren sogar als Mittelpunkt des Werkes wahrnehmen, erkennen wir, dass Kafka in dieser Hinsicht die Avantgarde war. Was niedergeschrieben war, das galt, gleich ob es im Kontext eines Briefes, des Tagebuches oder eines Romans geschehen war. Im Tagebuch festgehaltene Eindrücke, etwa aus der Fabrik, werden in keinem Fall in einem fiktiven Text wiederverwertet, aber warum auch, auf das Genaueste festgehalten waren sie ja. In der Erzählung, im Roman konnte er diese Eindrücke also transformieren, in zeitlosen Parabeln sublimieren, neue Wege der sprachlichen Daseinsbewältigung gehen.

Lesen wir also Kafkas Skizze über einen Besuch in der Asbestfabrik, dann sind wir nicht weniger im Zentrum von Kafkas Werk, als läsen wir im „Schloss“ oder im „Brief an den Vater“. Alles steht gleichwertig nebeneinander, so als würden wir eine Zeichnung, ein Aquarell und ein Ölgemälde von Cezanne betrachten.

Auch die Natur hält Kafka strikt aus seinen klassischen Werken fern oder lässt sie allenfalls mit bewusst schlichten, konventionellen Worten einfließen. Dennoch, der genaue Blick auf die Natur und der Wunsch ihr in Sprache gerecht zu werden, findet sich ebenso in Kafkas Werk wie die Proust nahe stehende Evokation der verlorenen Zeit.

Und dann gibt es noch die oft sehr kurzen Passagen, die dann im Roman ihr Echo finden, sich dort ins Überzeitliche, oder sollte man sagen, ins Mythische steigern. Hören wir einige Zitate, die dies belegen; jede Beschäftigung mit Kafka kann im Grunde nur in ein unaufhörliches Zitieren münden: Naturbilder aus dem Reisetagebuch Leipzig-Weimar-Jungborn:

„Das sonst ruhige von Wirbelringen marmorierte Elbewasser.“ — „Regentag. Man liegt im Bett und das laute Klopfen des Regens auf das Dach der Hütte ist so, als ginge es gegen die eigene Brust. Auf der Kante des vorspringenden Daches erscheinen die Tropfen mechanisch wie Lichter, die eine Straßenzeile entlang angezündet werden.“— „Der rote Boden und das von ihm aus sich verbreitende Licht. Das Sichaufschwingen der Stämme. Die schwebenden breiten flachbelaubten Äste der Buchen.“

Eine Kindheitserinnerung:

Ein kleiner Junge lag in der Badewanne. Es war das erste Bad, bei dem, seinem alten Wunsche nach, weder die Mutter noch das Dienstmädchen zugegen waren. Er hatte sich, um dem Befehl der Mutter, die ihm hie und da aus dem Nebenzimmer zurief, zu entsprechen, mit dem Schwamm flüchtig bestrichen; dann hatte er sich ausgestreckt und genoß die Unbeweglichkeit im heißen Wasser. Die Gasflamme summte gleichmäßig, und im Ofen knisterte das vergehende Feuer. Im Nebenzimmer war es schon lange still, vielleicht hatte sich die Mutter entfernt.

Keimzelle einer berühmten Romanpassage:  Die Erinnerung an einen Besuch von Schloss Belvedere in Weimar liegt möglicherweise einige Jahre später der utopischen Szenerie des „Naturtheaters von Oklahoma“ im Roman „Der Verschollene“ zugrunde. „Naturtheater und Park von Goethe eingerichtet“, hält das Reisetagebuch knapp fest.

Mehr über Kafka im nächsten Teil.
Ein Beitrag von Götz Kohlmann
Sprecher: Hendrik Schulthe und Thomas Laufersweiler

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