Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Kafka: Der rechte Platz im Leben (10)

„Ein Pfad in der unbekannten Welt“
Götz Kohlmann entdeckt Kafka neu
Zehnter und letzter Teil

Am 23. Januar 1923 findet sich ein Bild, das Kafka im Roman „Schloss“ wieder verwenden wird: sein Leben sieht er als ein „stehendes Marschieren“, wo es „eine Entwicklung höchstens in dem Sinn, wie sie ein hohl werdender, verfallender Zahn durchmacht“, gab. Ein „stehendes Marschieren“ sind alle Bewegungen, die K. in Richtung des Schlosses führen. Er verirrt sich, kommt im tiefen Schnee nicht voran, lässt sich ablenken, vertrauend auf Barnabas, den scheinbaren Götterboten, von dessen Auftreten er sich blenden lässt, der ihn aber nicht zum Schloss, sondern bloß zu sich nach Hause bringt.

Am 27. Januar reist Kafka mit seinem Arzt, Dr. Hermann, der ihm diesen gemeinsamen Urlaub vorgeschlagen hat, nach Spindelmühle ins Riesengebirge. Es gibt ein Foto, das Kafka nebst der Familie Hermann bei der Ankunft zeigt. In einer tief verschneiten Landschaft steht er da, an einen Pferdeschlitten gelehnt, der Weg ist mit Neuschnee bedeckt und man sieht die fallenden Flocken vor dem Hintergrund des mit Gepäck beladenen Schlittens, ein Foto wie eine Illustration des nun entstehenden Romans. An Max Brod schreibt er am 31. Januar eine Ansichtskarte:

Lieber Max, der erste Eindruck war sehr gut, … , im zweiten Eindruck erwachen dann die Geister des Ortes, doch bin ich sehr zufrieden, es könnte gar nicht besser sein; wenn es so bleibt, werde ich mich erholen. Bin schon gerodelt, werde es vielleicht sogar mit den Skiern versuchen …

Inzwischen hatte Kafka wahrscheinlich mit der Niederschrift des Romans „Das Schloss“ begonnen; der Entschluss, sich erstmals seit dem Ausbruch seiner Krankheit (1917) wieder an ein längeres Prosawerk zu wagen, war offenbar schon zuvor gefallen, vielleicht auch auf Drängen Max Brods, bei dem sich Kafka in der Ansichtskarte bedankt:

Du hast mir in den letzten Tagen viel geholfen.

kafka.jpgEine Eintragung vom 29. Januar im Tagebuch zeigt, dass die seit Wochen anhaltende Nerven-Krise mit der Ankunft in dem Ferienort nicht sofort ausgestanden war. Diese Eintragung weist zugleich eindeutige Parallelen zur Anfangsszene des Romans auf, die möglicherweise noch am selben Abend nach der Rückkehr von dem Spaziergang entstand:

Angriffe auf dem Weg im Schnee am Abend. Immer die Vermischung der Vorstellungen, etwa so: In dieser Welt wäre die Lage schrecklich, hier allein in Spindlermühle, überdies auf einem verlassenen Weg, auf dem man im Dunkel, im Schnee fortwährend ausgleitet, überdies ein sinnloser Weg ohne irdisches Ziel (zur Brücke? Warum dorthin? Außerdem habe ich sie nicht einmal erreicht), überdies auch ich verlassen im Ort (den Arzt kann ich nicht als menschlich persönlichen Helfer rechnen, ich habe ihn mir nicht verdient, habe im Grunde nur die Honorarbeziehung zu ihm), unfähig, mit jemandem bekannt zu werden, unfähig, eine Bekanntschaft zu ertragen, im Grunde voll endlosen Staunens vor einer heiteren Gesellschaft …

Die ersten Sätze des Romans lauten:

Es war spät abend als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schlossberg war nichts zu sehn, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloss an. Lange stand K. auf der Holzbrücke die von der Landstraße zum Dorf führt und blickte in die scheinbare Leere empor.

Wie es für Kafkas Helden ausgehen sollte, wissen wir nicht – denn im September 1922 schreibt der Autor an Brod:

Ich habe die Schlossgeschichte offenbar für immer liegen lassen müssen.

Nach Brods Angaben plante Kafka, dass dem Landvermesser K. die ersehnte Anerkennung des Schlosses in der Todesstunde erteilt werden sollte. Vielleicht ahnte Kafka, dass ein eindeutiger Ausgang die Geschichte geschwächt hätte, erzwungen gewesen wäre, und daher auch dieser Roman Fragment bleiben musste. Ihm selbst aber widerfuhr dann die Gnade, die er seinem Helden nicht mehr bereiten konnte. Er fand den rechten Platz im Leben, und nur die Krankheit verhinderte, dass er es sich auf ihm nicht mehr längere Zeit einzurichten vermochte.

Im Juli 1923, knapp ein Jahr vor seinem Tod, lernt er an der Ostsee Dora Diamant kennen. Im September gehen sie gemeinsam nach Berlin, sie wohnen zusammen. Alles das, was er immer für unmöglich gehalten, womit er in den Jahren der Beziehung zu Felice verzweifelt gerungen hatte, war nun möglich: das Zusammenleben mit einer Frau, das Schreiben, das Leben als freier Schriftsteller, fern von Prag, von den Eltern. Doch es war nur wie ein Blick ins gelobte Land, denn im März 1924 musste Kafka Berlin wieder verlassen und nach Prag zurückkehren, da sich sein gesundheitlicher Zustand stark verschlechtert hatte. Im Juni stirbt er im Sanatorium Kierling bei Klosterneuburg nahe Wien. Noch auf dem Sterbebett liest er die Fahnen seines letzten Novellenbandes „Ein Hungerkünstler“ Korrektur. Nun war er ein Schriftsteller wie alle anderen.

Zum Schluss ein Aufruf: Kafka lesen oder hören! Unvoreingenommen, um den Jäger Gracchus, Rotpeter, den Affen aus dem „Bericht für eine Akademie“, Odradek, die „Sorge des Hausvaters“, kennen zu lernen – und Erzählungen wie „Der Bau“ oder „Forschungen eines Hundes“, die ich leider im Vorausgegangenen nicht einmal gestreift habe.

Mit der zehnten Folge endet die Wiederentdeckung Kafkas durch Götz Kohlmann
Sprecher: Hendrik Schulthe und Thomas Laufersweiler