Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Kafka: Die feinste Witterung in jedem Alltagsaugenblick (9)

„Ein Pfad in der unbekannten Welt“
Götz Kohlmann entdeckt Kafka neu
Neunter Teil

Die Firma „Prager Asbestwerke Hermann & Co.“ wurde am 1. Januar 1912 gegründet. Hinter dem Co. verbarg sich Kafka selbst. Er war neben seinem Schwager Karl Hermann, dem Initiator des Unternehmens, als stiller Teilhaber mit einer Geldeinlage seines Vaters dabei. Die Firma befand sich in einem Hinterhof im Arbeiterviertel der Stadt. Kafka musste jahrelang regelmäßig in der Fabrik anwesend sein, und selbstverständlich war ihm das lästig. Mit seinem Vater hatte er wegen seines fehlenden Engagements immer wieder Auseinandersetzungen.

Gestern in der Fabrik. Die Mädchen in ihren an und für sich unerträglich schmutzigen und gelösten Kleidern, mit den wie beim Erwachen zerworfenen Frisuren, mit dem vom unaufhörlichen Lärm der Transistoren und von der einzelnen, zwar automatischen, aber unberechenbar stockenden Maschine festgehaltenen Gesichtsausdruck, sind nicht Menschen, man grüßt sie nicht, man entschuldigt sich nicht, wenn man sie stößt, ruft man sie zu einer kleinen Arbeit, so führen sie sie aus, kehren aber gleich zur Maschine zurück, mit einer Kopfbewegung zeigt man ihnen, wo sie eingreifen sollen, sie stehn in Unterröcken da, der kleinsten Macht sind sie überliefert und haben nicht einmal genug ruhigen Verstand, um diese Macht mit Blicken und Verbeugungen anzuerkennen und sich geneigt zu machen. Ist es aber sechs Uhr und rufen sie das einander zu, binden sie die Tücher vom Hals und von den Haaren los, stauben sie sich ab mit einer Bürste, die den Saal umwandert und von Ungeduldigen herangerufen wird, ziehn sie die Röcke über die Köpfe und bekommen sie die Hände rein, so gut es geht – so sind sie schließlich doch Frauen, können trotz Blässe und schlechten Zähnen lächeln, schütteln den erstarrten Körper, man kann sie nicht mehr stoßen, anschauen oder übersehen, man drückt sich an die schmierigen Kisten, um ihnen den Weg freizumachen, behält den Hut in der Hand, wenn sie guten Abend sagen, und weiß nicht, wie man es hinnehmen soll, wenn eine unseren Winterrock bereithält, dass wir ihn anziehn.

Dies ist eine Stelle, an der man begreift, was die Basis seiner visionären Phantasien war – nämlich eine überaus sensible Wahrnehmung, ein tiefes Einfühlungsvermögen, die feinste Witterung in jedem Alltagsaugenblick. Bei Kafka, wie bei anderen Autoren des 20. Jahrhunderts, beginnend mit den „Cahiers“ von Paul Valéry bis zu den Aufzeichnungen Peter Handkes, stellt das Tagebuch oder Journal eine eigene literarische Gattung dar – es wäre ihm wohl nicht in den Sinn gekommen, die Tagebücher zu veröffentlichen, aber er wusste, dass er allzeit ein Schriftsteller war, selbst in flüchtigsten Notizen.

In Kafkas Fall ist es frappierend, wie unmittelbar er sich im Tagebuch im Vergleich zu seinen fiktiven Werken auf die Wirklichkeit einlässt, ohne aber platten Realismus zu bieten. Denn seine klare, lebendige, genaue Sprache ist aufgeladen bis zum gleichen Grad an poetischer Durchdringung und an Kraft vielfältige, unausgesprochene Gedanken aufzufächern wie in den Romanen und Erzählungen. Keine wiedererkennbare Welt, deren Erleben der Autor mit anderen teilte und die er im Roman erinnern, dem Vergessen für immer entreißen will.

Wie bei Proust, dem aus dem Geschmack der im Tee sich auflösenden Madeleine die Kindheit in allen Einzelheiten aufsteigt, begegnet uns in Kafkas Fiktionen, sondern dem Körper eingeschriebene Erfahrungen, die sich weit unterhalb des Bewusstseins zu neuen, vom empirischen Grund weit entfernten Gestalten und Bildern in quasi kontrollierten Träumen geordnet haben.

Die vielleicht zentrale Reflexion über dieses nach innen gewendete Schreiben, das Kafka als das einzig erstrebenswerte erschien, findet sich in einem Brief an Max Brod vom 5. Juli 1922. Dieses seitenlange Bekenntnis ist von einer solchen Offenheit, das man immer wieder schamhaft die Augen von den Zeilen wenden möchte; Kafka entblößt sich nicht nur, er zieht sich buchstäblich Schicht für Schicht die Haut vom eigenen Leib:

Das Schreiben ist ein süßer wunderbarer Lohn, aber wofür? In der Nacht war es mir mit der Deutlichkeit kindlichen Anschauungsunterrichtes klar, dass es der Lohn für Teufelsdienst ist. Dieses Hinabgehen zu den dunklen Mächten, diese Entfesselung von Natur aus gebundener Geister, fragwürdige Umarmungen und was alles noch unten vor sich gehen mag, von dem man oben nichts mehr weiß, wenn man im Sonnenlicht Geschichten schreibt. Vielleicht gibt es auch ein anderes Schreiben, ich kenne nur dieses; in der Nacht, wenn mich die Angst nicht schlafen lässt, kenne ich nur dieses.

Es ist die Zeit, in der er seit einigen Monaten am Roman „Das Schloss“ schreibt, der in Frenzels „Daten deutscher Dichtung“ ganz richtig als autobiografisch bezeichnet wird. Der Roman entstand aus einer radikalen Selbstbetrachtung, in einer existenziellen Grenzsituation, die selbst in Kafkas Leben ohne Vergleich ist, und ihren Anfang im Januar des Jahres 1922 nahm, als Kafka einen psychischen Zusammenbruch erleidet, den er am 16. Januar wie folgt beschreibt:

Unmöglichkeit zu schlafen, Unmöglichkeit, zu wachen, Unmöglichkeit, das Leben, genauer die Aufeinanderfolge des Lebens, zu ertragen. Die Uhren stimmen nicht überein, die innere jagt in einer teuflischen oder dämonischen oder jedenfalls unmenschlichen Art, die äußere geht stockend ihren gewöhnlichen Gang.

In den folgenden Wochen unterzieht er sein gesamtes Leben einer Revision und diese schonungslose konkrete Analyse, die das Tagebuch festhält, mündet dann in einem Vorgang der Abstraktion in die universelle Grundkonstellation des „Schloss“-Romans. Denn sobald es ans Werk ging, folgte Kafka immer Goethes Maxime: „Bilde, Künstler, rede nicht!“: das Dorf, das Schloss, der Einzelne, der in eine Gemeinschaft aufgenommen werden will, der nach dem rechten Platz im Leben sucht, der aber zugleich nach einer Anerkennung von höchster Stelle strebt, „unablässig“ ringend um das „Eindringen in das unverständliche Reich der Gnade“, wie Thomas Mann schrieb. Das Tagebuch hält in diesen Wochen fest: „Selbstbeobachtung“, „Einsamkeit“, „Furcht“, „Trauer“, „Scham“.

Mehr über Kafka im nächsten Teil.
Ein Beitrag von Götz Kohlmann
Sprecher: Hendrik Schulthe und Thomas Laufersweiler