Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Kafka: Warum schrieb er, wie er schrieb? (7)

„Ein Pfad in der unbekannten Welt“
Götz Kohlmann entdeckt Kafka neu
Siebter Teil

Warum schrieb Kafka, wie er schrieb? Seltsame, aber notwendige Frage. Versuchte er sich bewusst von der Realität zu lösen oder sprang er in seinen ureigenen literarischen Kosmos, weil es ihm in einem fiktiven Werk nicht gelang, die Realität darzustellen, während ihm dies in seinen Briefen und Tagebüchern in wunderbarer Weise gelang?

In seinen Tagebüchern finden sich mehrere Fragmente, die Vorstufen später ausgeführter Erzählungen darstellen. Mehrfach kehrt eine Szene wieder, die dann im „Urteil“ ihre endgültige Form gefunden hat, aber auch in späteren Jahren wiederkehren wird. Ein Vater macht seinem Sohn Vorwürfe, beschuldigt ihn, Pflichten zu vernachlässigen. Im Tagebuch findet sich im Jahr 1911, etwa eineinhalb Jahre vor der Niederschrift des „Urteils“, das Fragment „Die städtische Welt“. Oskar M., „ein älterer Student“, kommt nach Hause:

Als er die Tür des elterlichen Wohnzimmers öffnete, sah er seinen Vater, einen glattrasierten Mann mit schwerem Fleischgesicht, der Tür zugekehrt, an einem leeren Tisch sitzen. „Endlich“, sagte dieser, kaum dass Oskar den Fuß ins Zimmer gesetzt hatte, „bleib, ich bitte dich, bei der Tür, ich habe nämlich eine solche Wut auf dich, dass ich meiner nicht sicher bin.“ – „Aber Vater“, sagte Oskar und merkte erst beim Reden, wie er gelaufen war. „Ruhe“, schrie der Vater und stand auf, wodurch er ein Fenster verdeckte. „Ruhe befehle ich. Und deine „Aber“ lass dir, verstehst du.“ Dabei nahm er den Tisch mit beiden Händen und trug ihn einen Schritt Oskar näher. „Dein Lotterleben ertrage ich einfach nicht länger. Ich bin ein alter Mann. In dir dachte ich einen Trost des Alters zu haben, indessen bist du für mich ärger als alle meine Krankheiten. Pfui über einen solchen Sohn, der durch Faulheit, Verschwendung, Bosheit und (warum soll ich es dir nicht offen sagen) Dummheit seinen alten Vater ins Grab drängt.“

Kein Zweifel, dass es ähnliche Szenen zwischen Kafka selbst und seinem Vater gab. Im „Urteil“ kehrt sie wieder, doch dort hat sie sich von der tatsächlichen Lebenserfahrung weiter entfernt, ist Literatur geworden, ist nicht mehr allein literarische Bewältigung der Realität. In dem früher entstandenen Fragment spürt man, dass Kafka als Schreibender noch auf dünnem Boden wandelt, da ist noch wenig, was aus einer inneren Wahrheit kommt, da sind manche Gesten und Dialoge noch beliebig, willkürlich. Kafka selbst hielt das „Urteil“ für „mehr gedichtmäßig als episch“ – was die extrem elliptische Struktur der Erzählung, ihre groteske Dramaturgie treffend kennzeichnet. Obwohl sie ihm allzeit seine „liebste Arbeit“ blieb, bewegt er sich in ihr noch nicht auf der Höhe seines Könnens.

Die bald darauf geschriebene Verwandlung und auch Passagen des zeitgleich entstandenen Romans „Der Verschollene“ haben mehr Reife. Die Urerfahrung inspirierten, rauschhaften Schreibens, die er mit der Entstehung des „Urteils“ verband, hat ihm eine nüchterne Einschätzung nicht ermöglicht und die Literaturkritiker und Kafkaforscher sind der Euphorie des Autors immer allzu bereitwillig gefolgt. Gewiss, im „Urteil“ ist der für Kafkas Leben zentrale Konflikt mit einer autoritären Vaterfigur dargestellt, und darüber hinaus hat er darin sein Grundthema gefunden oder ihm erstmals bleibende Gestalt gegeben.

Der Einzelne, der undurchdringlichen Mächten ausgeliefert ist, deren Anerkennung er zugleich anstrebt, erhält hier erstmals eine mustergültige Form – auch die für Kafka so spezifische Traumlogik des Erzählens sowie die Distanz des Autors zu seinen Figuren. Dennoch, all die Unsicherheiten, die sein Schreiben seit der Jugend begleitet haben, man spürt sie noch. Er will sich vom Realismus und Naturalismus des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts entfernen, das wird mit dem „Urteil“ klar. Es ist eine expressionistische Erzählung. Kafka steht in ihr wie in kaum einem anderen seiner Werke inmitten der prägenden Kunstbewegung seiner Zeit. „Das Urteil“ ist allenfalls ein Meisterwerk in diesem Zusammenhang, nicht aber in Kafkas Schaffen überhaupt, darin stellt die Erzählung nur einen sehr wichtigen Entwicklungsschritt dar.

Doch er sollte weiter, er sollte diese Bendemanns, Limans, Blenkelts, all diese seltsamen Alter Egos, die durch seine Tagebücher geistern, hinter sich lassen. Aus Oskar M. wird einige Jahre später Josef K., doch K. muss sich nicht mehr wie Oskar und Georg mit einem konkreten Vater herumschlagen, sondern mit einer undurchdringlichen Macht, Behörden eines Gerichts, später mit einem unsichtbaren Schlossherrn – das abstrahierte, ins Allgemeingültige und Metaphysische gesteigerte Vaterbild.

Am 29. Juli 1914, vier Tage vor Ausbruch des 1. Weltkriegs und gut zwei Wochen, bevor er jenen berühmten Satz findet, der den „Prozess“-Roman eröffnet, schreibt Kafka im Tagebuch:

Josef K., der Sohn eines reichen Kaufmanns, ging eines Abends nach einem großen Streit, den er mit seinem Vater gehabt hatte – der Vater hatte ihm sein liederliches Leben vorgeworfen und dessen sofortige Einstellung verlangt -, ohne eine bestimmte Absicht, nur in vollständiger Unsicherheit und Müdigkeit in das Haus der Kaufmannschaft, das von allen Seiten frei in der Nähe des Hafens stand. Der Türhüter verneigte sich tief.

Ein Rückgriff auf das „Urteil“ – wieder der dem Sohn Vorwürfe machende Vater und dann die Erwähnung eines Türhüters, der dann in der Parabel „Vor dem Gesetz“ – der berühmtesten Stelle des „Prozesses“ wieder auftaucht. Kafka sucht nach einem tragfähigen Anfang für einen längeren Prosatext. Und es wird offenbar, dass der „Prozess“ eine Variante des „Urteils“ in der großen Form ist. Um den Roman endgültig beginnen zu können, muss Kafka nur noch einen Schritt tun: er muss die konkrete Figur des Vaters ersetzen durch eine abstrakte, ungreifbare, vielköpfige Macht. Zunächst aber versucht er noch etwas anderes. Am selben Tag, dem 29. Juli 1914, heißt es in einem anderen Erzähl-Fragment:

„Hinaus“, rief der Chef, „Dieb! Hinaus! Ich sage: Hinaus!“ – „Es ist nicht wahr“, rief ich zum hundertsten Male, „ich habe nicht gestohlen! Es ist ein Irrtum oder eine Verleumdung! Rühren Sie mich nicht an! Ich werde Sie klagen! Es gibt noch Gerichte! Ich gehe nicht! Fünf Jahre habe ich Ihnen gedient wie ein Sohn und jetzt werde ich als Dieb behandelt…“ Kein Wort mehr“, sagte der Chef. „Sie gehn!“

Der scheinbar Unschuldige, der verdächtigt wird – Kafka nimmt weiterhin Anlauf zu seinem Roman. Doch zunächst beginnt der 1. Weltkrieg. Eintrag ins Tagebuch am 31. Juli:

Ich habe keine Zeit. Es ist allgemeine Mobilisierung. K. und P. sind einberufen. …Immerhin, ich bin wenig berührt von allem Elend und entschlossener als jemals. Nachmittags werde ich in der Fabrik sein müssen, wohnen werde ich nicht zu Hause, denn E. mit den zwei Kindern übersiedelt zu uns. Aber schreiben werde ich trotz alledem, unbedingt, es ist mein Kampf um Selbsterhaltung.

Mehr über Kafka im nächsten Teil.
Ein Beitrag von Götz Kohlmann
Sprecher: Hendrik Schulthe und Thomas Laufersweiler