Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist …

Prof. Pu macht Pause, aber sie ist bei unserem Stöckchen dabei, dass uns die Filmosophen zugeworfen haben: 15 10 Songs, die ich in irgendeiner Weise mit meinem Leben verbinde“. Danke dafür! Wie sieht also bei den SchönerDenkern der Soundtrack ihres Lebens aus? Lieder und junge Liebe – das hat bei Peter und Pu die stärksten Spuren hinterlassen:

Peter: „Hey Jude“ von den Beatles: das erste Mal, dass ich mich getraut habe, meine damalige Flamme aufzufordern. Ich habe sie auf der Schulparty einem Schulkollegen abengagiert, der ziemlich verblüfft war. Wir haben dann eng getanzt und ich war selig, auch wenn nix draus geworden ist. Meine Hauptsorge war der Colaflaschenersatz, der sich in meiner Hose gebildet hatte. „Ich brauche dich“ von Stefan Suhlke. Habe bei diesem Lied meine Göttergattin zum ersten Mal geküsst. Blieb allerdings bei einem Versuch, da zwischen uns ein kleiner, hinterhältiger Schemel stand, der es einfach verdiente, übersehen zu werden. Ich beugte mich nach vorn, sie verharrte erwartungsvoll, ein kleiner Schritt meinerseits und zack – über den Schemel gestolpert. Beim zweiten Anlauf hat es dann geklappt.

Prof. Pu: „Knockin on Heaven’s Door“ von Bob Dylan kann ich bis heute nicht leiden. Ich war vierzehn und „Pat Garrett jagt Billy The Kid“ war mein einziger Kinobesuch mit meinem ersten Freund. Der brachte mich nach dem Film zur Bushaltestelle, küßte mich auf die Nase (!) und verabschiedete sich für immer. An die Handlung kann ich mich nicht mehr gut erinnern, nur noch an Kris Kristofferson als Billy The Kid (wobei ich mich damals fragte, warum man einen gestandenen Mann Kid nennt …) und an dieses öde Lied.

Die Lieder ihres Lebens? Für Tom1 und Tom2 eher eine Frage des Coming of Age:

Tom1: DER BLUES meines Lebens (im Grunde eigentlich ein elementar-wuchtiger BLUES-ROCK-MONOLITH, der sich gnadenlos durch die Ohrmuschel harkt) ist der Titel NOBODY’S FAULT BUT MINE von LED ZEPPELIN, 1976 erschienen auf PRESENCE, der zweiten LED ZEP-Scheibe meines damals 15 Jahre jungen Lebens. Die 15,80 Mark dafür musste ich mir seinerzeit quasi „vom Munde absparen“. Mir lief damals nämlich oft bei anderen ‚fleischlichen‘ Verlockungen das Wasser im Munde zusammen: In Mannheim hatte der erste MCDONALDS eröffnet und es war schon ziemlich cool, dass man da jetzt als ewig hungriger Heranwachsender im Handumdrehen eine fette Fleischbulette inhalieren konnte, ohne lang und breit im ‚gutbürgerlichen‘ Restaurant abhängen zu müssen. Als Schüler hatte ich aber nur ein Taschengeld-Budget von gerade mal 10 Märkern im Monat … Schwierig, schwierig … Nachdem ich aber ein Jahr zuvor die grandiose LED ZEP Doppel-Scheibe PHYSICAL GRAFFITTI zur Konfirmation geschenkt bekommen hatte (zusammen mit meiner unvergessenen, monströsen SCHNEIDER HiFi-Musik-KOMPAKT-Anlage) gab es im Rock-Himmel keine anderen Götter neben PAGE, PLANT, BONHAM und JONES und schon gar kein Halten mehr, als die neue LED ZEP-Scheibe endlich bei MONTANUS (kennt diesen Laden heute noch einer?) im Schaufenster auftauchte. NOBODY’S FAULT BUT MINE war der Opener auf der B-Seite der LP (…ja, liebe Kinder, so war das DAMALS, da hatten die Datenträger noch ZWEI Seiten und spielten zusammen gerade mal 45 Minuten) Und es war besinnungslose Liebe auf den ersten Akkord, ein nie wieder erreichtes Erst-Hör-Erlebnis. Noch heute zücke ich auf der Stelle die LUFTGITARRE, wenn der ich den Song höre und versuche, PAGEs psychedelisch-hypnotische SLIDES mitzuspielen. Erst viel später habe ich erfahren, dass dieses von PLANT so höllisch heraus gebrüllte und gestotterte Stück Erkenntnis über das eigene Versagen die Coverversion eines uralten Gospels von „Blind Willie“ Johnson war. Das war mir aber völlig egal. Für mich passte das Lied wie eine perfekt eingetragene Jeans und tut es noch heute – Laut hören, SUBITO!

Tom2: Als ich 13 Jahre alt war, hatten wir einen Kofferplattenspieler, die beiden Lautsprecher bildeten zusammen den Deckel – wir bauten die Lautsprecher immer so auf, dass man sich auf den Boden legen konnte, den Kopf genau zwischen den Boxen – das ersetzte den Kopfhörer (den wir nicht hatten). Meine ältere Schwester brachte eine neue Platte mit, auf dem Cover ein gruseliger Riesenroboter, der vier Musiker zerquetschte. Die Band, von der ich noch nie gehört hatte, hieß Queen und auf der LP liefen Songs, die uns sofort begeistert haben, zum Beispiel We will rock you und We are the Champions. Vielleicht hat das der eine oder andere schon mal gehört. Und dann kam der Song GET DOWN MAKE LOVE. Ein hypnotischer Gitarrenriff, ein simpler Refrain und psychedelisches Geklimper: Fan. Tas. Tisch! Und so kam es, dass ich in der gleichen Stunde, in der ich Poprock kennenlernte, begriff, dass es gar keine Musikgenres gab, sondern nur zwei Sorten: gute Musik und schlechte Musik. Sechs Jahre später lag ich wieder auf dem Boden – aber diesmal mit dem Gesicht im Schlamm, es war dunkel und kalt und ich trug olivgrün. Vor und hinter mir andere junge Männer, die es gerade bereut hatten, nicht den Wehrdienst verweigert zu haben. Und dann fing einer an ALWAYS LOOK ON THE BRIGHT SIDE OF LIFE zu singen, und einer nach dem anderen sangen wir alle mit. Und wir sangen auch weiter, als uns die Unteroffiziere anbrüllten damit aufzuhören und wir sangen auch noch, als wir in einem 5-Tonner zurück in die Kaserne gefahren wurden. Zwei Dinge habe ich damals gelernt: 1. Wieviel besser eine beschissene Situation mit einem Lied auf den Lippen zu ertragen ist und 2. dass Vorgesetzte immer nur soviel Macht haben, wie die Untergebenen ihnen zubilligen.

Für Hendrik schließlich sind die Lieder seines Lebens die Stationen der „ästhetischen Erziehung“:

„Games without Frontiers“. Peter Gabriels zweiter richtig großer Hit war Ende der 70er bekannt, als ich Landeisteppke noch mittels vor das Radio gehaltenem Cassettenrecorder die Urgründe der eigenen Musiksammlung legte. Den Text konnte ich silbengetreu mitsprechen, lange bevor ich auch nur ansatzweise Englisch konnte. Und als ich dann so halbwegs Englisch konnte, dauerte es noch einmal eine Weile, bis ich den Inhalt kapierte (aber da war ich wohl nicht allein). „Light Flight“ von The Pentangle ist einer meiner ewigen Lieblingsklassiker und eine wunderbare flotte Guten-Morgen-Musik. Es war zu Entstehungszeiten (1969) die Titelmusik über eine flippige Jungfrauen-WG in London („Take three Girls“, glaube ich). Ich lernte natürlich live nur noch den zweiten Aufguss der Band kennen, als ich als Latzhosennachwuchsfolkfan Anfang der 80er beim Reunionkonzert dabei war, aber die lebenslange Freundschaft mit den unsterblichen ersten Aufnahmen dieser Ausnahmeformation ist geblieben. Ich vermute, die TV-Serie würde ich hassen. Wenn ich speziell an Filmsongs denke, muss ich leichterrötend „Bright Eyes“ erwähnen. Geschrieben von Mike Batt, interpretiert von Art Garfunkel, war dieser überzuckerte Schmachtfetzen als Teil der Trickverfilmung von Richard Adams‘ Kaninchensaga „Watership Down“ Ende der 70er eigentlich die allererste Filmmusik, die ich überhaupt bewusst wahrgenommen habe, wohl weil sie mich hat wiederholt heulen lassen (man war wohl damals schon Romantiker). Das waren die Zeiten, als man noch einzelne Singles in der „Musik-Boutique“ des nächstgrößeren Ortes bestellte. Ich habe natürlich damals gesagt, es sei für die Mama, denn wer cool war, hörte natürlich ganz anderes. Und noch ein Filmsong: Jemand hat bereits „May it be“ von Enya erwähnt, und ich muss gestehen, dass ich genau dieses Lied als Tiefpunkt der drei LOTR-Filmsoundtracks empfinde und im Direktvergleich jederzeit die Sangesbeiträge Emiliana Torrinis und Annie Lennox‘ bevorzuge; insbesondere das herzzerrinnenlassende „Into the West“: „And all will turn / To silver glass / A light on the water / Grey ship pass / Into the West.“ Die dazugehörige Abschiedsszene, die ich im Film unerträglich überinszeniert fand, findet ihren eigentlichsten süßtiefwehen Ausdruck in der Stimme Lennox‘, die, glaube ich, auch eine passable Galadriel abgegeben hätte (*schnüff*). „Il Dolce Suono“ aus der Donizetti-Oper „Lucia Di Lammermoor“. Diese Arie hat sicher nicht nur mich Klassik-aber-nicht-Opernfan im Anschluss an „Das Fünfte Element“ doch mal zu Ungewohntem greifen lassen, und tatsächlich ist es Luc Besson gelungen, im Rahmen eines genüsslichen Actionkrachers einen Moment lang dieses Stückchen Musik als ein sehr edles, galaxisweiter Verbreitung würdiges Kulturfragment der Menschheit erscheinen zu lassen, gänzlich unabhängig davon, wie viele Tentakel der Interpretin aus dem Kopf sprießen.

Wir möchten dieses Stöckchen weiter werfen Richtung „Die Filme, die ich rief“, „Kineast“ und „Symparanekronemoi“.