Nippon statt Pücher

Prof. Pu liest fleißig und meldet sich in zwei Wochen nach Nippon wieder :-)
Prof. Pu und die Pücher
Endlich ist Prof. Pu wieder da – und sie empfiehlt: Verdächtige Geliebte von Keigo Higashino

Wie oft habe ich schon gehört, „Dir kann man keine Bücher schenken, Du kennst ja immer schon alles“. Doch alles kann man gar nicht kennen. Die Bücher, die dann doch jemand wagte, mir zu schenken, waren häufig wahre Entdeckungen. Wie die „Verdächtige Geliebte“, ein ganz außergewöhnlicher japanischer Kriminalroman, übertragen von Haruki Murakamis Übersetzerin Ursula Gräfe.
Yasuko tötet mit Hilfe ihrer Tochter Misato in Notwehr ihren Ex-Mann, der sie jahrelang verfolgt, bedroht und um Geld erpresst hat. Ishigami, ihr Nachbar, ein sehr zurückgezogen lebender Mathematik-Lehrer, hat durch die dünnen Wände der Wohnung alles mit angehört. Er klopft er an ihre Tür, sie entschuldigt sich für den Lärm, sie habe nur eine Kakerlake getötet. Ishigami geht zurück in seine Wohnung und ruft Yasuko an.
„Ähem, ja, also, ich frage mich, was Sie tun werden?“
Wovon redete der Mann? „Verzeihung, aber wie meinen Sie das?“
„Ich meinte nur, …“ Ishigami stockte, ehe er fortfuhr. „Ob Sie die Polizei benachrichtigen wollen? Wenn ja, ist alles klar, aber wenn nicht, könnte ich Ihnen vielleicht helfen.“
Yasuko sträubt sich gegen seinen Vorschlag, zu ihr in die Wohnung zu kommen, gleichzeitig ist ihr jedoch klar, dass er auch gehört haben muss, wie sehr ihre halbwüchsige Tochter an diesem Mord beteiligt war. Um Misato zu schützen, weiterlesen
Prof. Pu empfiehlt: “Quasikristalle” von Eva Menasse

Was macht ein Leben aus? Die Summe der Beziehungen, der Ereignisse, der Leistungen, der Orte, an denen man lebt? Was bleibt am Ende? Was würde man über sich schreiben? Was über die anderen?
Eva Menasse hat sich eine ganz besondere Erzählform ausgedacht für die Romanbiografie ihrer Roxane Molin, Wiener Mittelstands-Tochter, schätzungsweise in den Neunzehnhundertsechziger Jahren geboren. In dreizehn Episoden schildert sie deren Leben, immer aus eine anderen Sicht. Mal erzählt sie neutral, mal aus der Ich-Perspektive einer Person, die viel oder nur am Rande, in einem kurzen Lebensabschnitt, mit Xane zu tun hat. Einmal kommt Xane auch nur als Namenlose vor, die durch das Bild läuft. weiterlesen
Prof Pu empfiehlt: “Die Nachtbibliothek” von Audrey Niffenegger

„Was würde man opfern für einen Nachmittag in der Ewigkeit, in dem man in einem bequemen Sessel bei perfektem Licht das perfekte Buch liest, endlos?“
So sinniert Audrey Niffenegger, deren „Frau des Zeitreisenden“ für mich auch zu den perfekten Büchern zählt, im Nachwort zu ihrer Graphic Novel über die „Nachtbibliothek“.
Alexandra streift nach einem Streit mit ihrem Freund durch die stillen Straßen Chicagos und trifft auf einen Bücherbus, aus dem laut „I shot the Sheriff“ schallt und der angefüllt ist mit allem, was sie jemals gelesen hat. Nicht nur ihre Bücher, jeder Werbeprospekt, jedes Tagebuch, Fotoalben, einfach alles. Sie ist fasziniert von der Nachtbibliothek, geöffnet von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, und deren Bibliothekar, Robert Openshaw. Inständig bittet sie um Ausleihe. Leider nicht möglich, und da geht auch schon die Sonne auf und sie wird gebeten, auszusteigen.
Mr. Openshaw startete den Motor und schaltete die Musik ein.
„Holiday in Cambodia“ plärrte es aus den Lautsprechern. Ich fragte mich, ob der Bücherbus auch alles beherbergte, was ich jemals gehört hatte.
Alexandra kann nicht aufhören, Nacht für Nacht nach dem mysteriösen weiterlesen
Prof. Pu empfiehlt: 1913 von Florian Illies

Welch’ illustre Gesellschaft sich in diesem Buch tummelt! Sehr virtuos hat Illies diese Biographie des Jahres 1913 gestaltet. Es firmiert als Sachbuch, liest sich aber federleicht und unterhaltsam wie ein Roman. Bestehend aus brilliant formulierten Anekdoten und Berichten ist ein Panorama entstanden, das große Leselust auslöst. Vor allem jedoch Bewunderung darüber, was Illies alles verarbeitet hat an Briefwechseln, Tagebüchern, Kunst- und Literaturgeschichten. Es ist auch ein gigantisches Name-Dropping, nur ein Name aus jedem Monat sei genannt:
Thomas Mann, Sigmund Freud, Virginia Woolf, Franz Kafka, Coco Chanel, D.H. Lawrence, Rainer Maria Rilke, Charlie Chaplin, August Macke, Marcel Proust, Karl Kraus
Und noch mindestens hundert andere Personen, die für uns in Kunst und Kultur heute noch von Bedeutung sind. weiterlesen
Prof. Pu empfiehlt: “Wovon wir träumten” von Julie Otsuka

In diesen Roman war ich von der ersten Zeile an verliebt. Eines der Bücher, das man sofort in einem Atemzug durchlesen will und gleichzeitig aufsparen, damit es länger bei einem bleibt. Julie Otsuka erzählt die Geschichte von jungen Japanerinnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts per Schiff in die USA reisen, um dort ihre angeblich gutsituierten Landsmänner zu heiraten. Männer, die sie nur von den Fotos der Heiratsvermittler kennen.
Das Erste, was wir auf dem Schiff machten – bevor wir beschlossen, wen wir mochten und wen nicht, bevor wir einander erzählten, von welcher Insel wir kamen und warum wir weggingen, bevor wir uns bemühten, die Namen der anderen zu lernen -, war, die Fotos unserer Ehemänner zu vergleichen. Es waren gut aussehende junge Männer mit dunklen Augen und vollem Haar und glatter, makelloser Haut.
Doch die Männer, die erwartungsvoll am Pier stehen, haben nichts mit denen auf den Fotos zu tun. Niemand hat die ahnungslosen jungen Frauen gewarnt.
Dass die Fotos, die man uns geschickt hatte, zwanzig Jahre alt waren. Dass die Briefe, die man uns geschrieben hatte, von Menschen geschrieben wurden, die nicht unsere Männer waren, sondern professionelle Leute mit schöner Handschrift, deren Beruf es war, Lügen zu erzählen und Herzen zu erobern.
Prof. Pu empfiehlt: “Der gute Psychologe” von Noam Shpancer

Er hat sich auf Angsterkrankungen spezialisiert. Seine Vorlesungen sind bei den Studenten beliebt, er doziert in anschaulichen Beispielen und mit viel Sprachwitz. Freud nennt er immer nur „den launischen Wiener“. Er lebt allein und mit einer unauslebbaren Liebe zu einer Kollegin. Wenn ihn etwas irritiert, wenn es ihm schlecht geht, fragt er sich als erstes „Wo sind Deine Füße?“ und findet dann Beruhigung in den täglichen Ritualen.
Kleine Münze, das sind unsere täglichen Gewohnheiten und unsere Routine, unser Alltag, und die Summe unseres Lebens ergibt sich letztlich aus der Summe dieser Alltäglichkeiten.
Seine Alltagsroutine zum Beispiel ist einfach und unkompliziert. Jeden Morgen wacht er früh in seiner kleinen Wohnung auf, duscht und zieht sich an. Seine Wohnung ist bewusst dunkel gehalten. Hohe, mit Büchern beladene Holzregale säumen die Wohnzimmerwände. Früher, in seinen Lehr- und Wanderjahren, hat er sich in diesen Büchern vergraben. Er ist schon vor langer Zeit müde geworden, oder, wie er es ausdrücken würde, zur Ruhe gekommen. Aber noch immer findet er Trost in diesen Backsteinen aus Papier, die die Wände einfassen, als stützten sie das Dach.
Prof. Pu empfiehlt rechzeitig vor dem Weihnachtsfest das perfekte Geschenk: Babettes Fest von Tania Blixen

Tania Blixen verbindet man meist mit „Ich hatte eine Farm in Afrika“, allein schon durch diesen wunderbaren Film mit Meryl Streep und Robert Redford, „Jenseits von Afrika“. Doch auch ihre Erzählungen verdienen Beachtung, allen voran meine Lieblingsgeschichte – es geht um gutes Essen – „Babettes Fest“. In einem kleinen Städtchen mit bunten Häusern am Beerlevaag Fjord in Norwegen leben zwei ältere Schwestern und kümmern sich dort um die Armenküche. Es ist das Jahr 1871.
Die Damenwelt trug zu jener Zeit die Tournüre, und die beiden Schwestern hätten sich mit allem Anstand so kleiden können, denn sie waren rank und schlank gewachsen. Doch sie hatten nie auch nur den geringsten Modeartikel besessen, sich vielmehr zeitlebens in züchtiges Grau und Schwarz gehüllt. Ihre Taufnamen waren Martine und Philippa, nach Martin Luther und seinem Freund Philipp Melanchthon. Ihr Vater war Propst gewesen und ein Prophet, Gründer einer pietistischen Partei oder Sekte, die in ganz Norwegen bekannt und hoch angesehen war.
Die beiden hübschen Schwestern hatten in jungen Jahren Verehrer. Martine wurde von einem kleinen feigen Offizier nach dem einzigen Kuß wieder verlassen, worüber sie daraufhin für immer schwieg. Philippa bekam wegen ihrer herrlichen Stimme Gesangsunterricht bei einem französischen Opernsänger, der sich nahezu aus Versehen in das kleine Beerlevag verirrt hatte und sie in der Kirche singen hörte. Achille Papin träumte davon, mit der jungen Norwegerin an der Pariser Oper zu reüssieren. Als er sich während der Gesangsstunde beim Duett zwischen Zerline und Don Giovanni nicht beherrschen konnte und Philippa im Überschwang die Hand küßte, weiterlesen