Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Sommergesellschaft 1936: „Ostende“ von Volker Weidermann

Es ist eine illustre Gesellschaft, die sich im Sommer 1936 im belgischen Ostende, der Königin der Strandbäder, trifft.


[…] Menschen auf der Flucht in einer Urlaubswelt. Der scheinbar immer frohe Hermann Kesten, der Prediger Egon Erwin Kisch, der Bär Willi Münzenberg, die Champagnerkönigin Irmgard Keun, der große Schwimmer Ernst Toller, der Stratege Arthur Koestler, Freunde, Feinde, von einer Laune der Weltpolitik in diesem Juli hierher an den Strand geworfene Geschichtenerzähler. Erzähler gegen den Untergang.

Auf Zweigs Einladung hin gesellt sich auch Joseph Roth zu den Emigranten, den verbotenen und verbrannten Schriftstellern. Zweig und Roth schätzen und verehren sich gegenseitig, sprechen ihre Arbeiten miteinander durch, träumen und hoffen auf Veränderung, auf ein Ende der faschistischen Herrschaft.

Stefan Zweig und Joseph Roth

Viele von ihnen werden dieses Ende nicht erleben. Doch in diesem Sommer schreiben sie noch, schmieden Pläne. Roth, der Sonne und Strand nicht leiden kann, lieber in der dunkelsten Ecke des Cafés sitzt und schreibt, ist schon schwer gezeichnet vom Alkoholismus und finanziell abhängig von Zweig. Zusammen sitzen sie, der reiche Bestseller-Autor und der verarmte brillante Trinker, über einer Geschichte von Byzanz für Zweigs „Sternstunden der Menschheit“.

Irmgard Keun stößt zu den bisweilen doch immer noch lebenslustigen und verplauderten Verveine-Runden dazu, man lauscht dem mondänen Paar Christiane und Ernst Toller, dem kritischen Kisch, dem unterhaltsamen Hermann Kesten. Keun verliebt sich in den wortgewandten Roth.

„Meine Haut hat sofort ja gesagt“, schreibt sie später.

Das Foto von Zweig und Roth auf der Terrasse.

Noch genießen Zweig und Roth in diesem Sommer ihre Freundschaft, doch es wird nie wieder so werden. Es bleiben nur Briefwechsel, und ein Foto, das die beiden im Café Flore in Ostende zeigt.

Am Nachmittag kann Zweig Roth überreden, sich ausnahmsweise mit Lotte und ihm ein wenig auf die Terrasse des Bistros zu setzen, an die Luft, den Wind, die Sonne. Lotte hat den Fotoapparat dabei, sie lacht und bittet die Freunde einmal kurz zusammenzurücken, nur für ein Foto.

Nur noch einmal treffen sie sich 1938 in Paris, Roth geht es so schlecht wie nie, Irmgard Keun hat ihn verlassen, sie konnte seine besitzergreifende Eifersucht nicht mehr ertragen.
In alle Richtungen verstreut wurden die Emigranten jenes Sommers von 1936. Zweig emigriert nach Brasilien und begeht dort 1942 zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Lotte Selbstmord, Roth starb 1939 in Paris, wenige Tage nachdem er vom Freitod Ernst Tollers in Amerika erfuhr. Kisch stirbt 1948 in Prag. Irmgard Keun erlebte das Ende des Schreckens als Illegale in Deutschland, förderlich war ihr ein Zeitungsartikel über ihren angeblichen Selbstmord.

In Volker Weidermanns Buch stecken viele Bücher: Ein Roman über eine Sommergesellschaft, eine Chronistenbeobachtung drei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, eine Art Literaturgeschichte, die Biographie einer Freundschaft, der traurige Bericht über die Exilschriftsteller, die stilvolle Erzählung über eine verzweifelte Epoche, alles versammelt auf nur 152 Seiten, schlicht brilliant, horizonterweiternd. Sein Buch weckt das Bedürfnis, immer weiter lesen zu wollen, die Werke der Protagonisten, ihre Biographien. Er bietet eine Menge Anregung, ein Ideal …

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Volker Weidermann
Ostende. 1936 – Sommer der Freundschaft
Kiepenheuer & Witsch € 17.99
ISBN: 978-3-462-04600-7