Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Wir gehen weg. Ende der Diskussion“ – TaraShea Nesbit: „Was wir nicht wussten“

Foto: Fotos II Andres CC BY 2.0

Die Ruine von Genbaku Dome in der Nähe von Hiroshima


„Unsere Männer kamen zu uns in die Küche und sagten: Wir gehen in die Wüste, und wir mussten, ob wir wollten oder nicht, Ach Du meine Güte! Rufen, als wären wir begeistert. Wohin?, fragten wir und bekamen keine Antwort. Waren wir diejenigen, die den Mann zur Tür begleiteten – den künftigen wissenschaftlichen Leiter unseres künftigen geheimen Aufenthaltsortes -, so sagte er draußen auf der Veranda zu uns: Es wird Ihnen dort oben ganz bestimmt gefallen. Wir fragten: Wo genau ist „dort oben“? Er zögerte und sagte dann, augenzwinkernd: Meine Liebe gehört der Physik und der Wüste. Meine Frau ist meine Geliebte. Wir sahen ihm nach, während er davonging und zwei Querstraßen weiter um die Ecke bog.“

Die Frauen, mit ihren brillanten Hochschulabschlüssen, ihren guten Berufen, ihren zahlreichen Sprachkenntnissen, manche von ihnen geflohen aus Nazi-Deutschland, werden im Unklaren gelassen, warum sie nun mit ihren Wissenschaftler-Ehemännern ausgerechnet in eine gänzlich unbekannte Stadt in der Wüste von New Mexico ziehen sollten, nur noch auf den Status Ehefrau reduziert. Die Frauen wundern sich, versuchen sie auszufragen, werden von Beamten über ihre Vergangenheit verhört. Die Männer schweigen, so gut, wie es nur Männer können.

„Wenn unsere Ehemänner sagten: Wir gehen weg. Ende der Diskussion, hüteten wir uns, weitere Fragen zu stellen, und behielten unser teilweise gelöstes Rätsel für uns.“

Also packen sie Kinder, Hund und Katze ein und machen sich auf den Weg nach Westen. Bei der Ankunft werden sie registriert, fotografiert und bekommen sogar neue Namen. Was sie vorfinden, sind primitive Häuser, kaum Wasser und sehr viel Staub. Die Ehefrauen beginnen ihr eigenes Forschungsprojekt, den Kampf um ein größeres Haus, um eine Badewanne, um eingelegte Artischocken, später um indianische Hausmädchen. Manche von ihnen, die Eingewanderten, hatten als Kinder den Mangel im Ersten Weltkrieg erlebt und wollten so etwas nie wieder haben.

Die USA waren vor zwei Jahren in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, bisher kannten viele von ihnen nur die Rationierung von Benzin. Sie beginnen, sich zu arrangieren, anzufreunden oder auch zu beäugen, sie veranstalten Cocktailpartys, gründen Squaredance-Gruppen. Ihre Männer kommen abends erschöpft nach Hause, bleiben bisweilen auch nachts weg – und schweigen. Manchmal haben sie Verbrennungen am Arm, doch sie reden sich heraus.

„Sie waren jetzt nicht mehr Doktor oder Professor, sondern „Mister“. Sie wurden nicht mehr Physiker und Chemiker genannt, sondern Kracher und Stinker. Wir wussten, dass sie in einem Labor arbeiteten, weil sie es selbst anfangs so genannt hatten, aber aus dem Labor wurde bald die Tech Area. Wir hörten, dass es dort schmutzig zuging, dass man sich salopp kleidete, dass die Leute genial und schrullig waren.“

Die Frauen kämpfen um Elektroherde, obwohl oft der Strom ausfällt, und sie überlegen, was die Abzeichen ihrer Männer bedeuten könnten. Sie schreiben Briefe an ihre Verwandten, in denen steht, es ginge ihnen gut, was nicht immer der Wahrheit entspricht, und sie dürfen sie nicht besuchen, es sei denn, es ist jemand gestorben.

Im ersten Jahr bekommen sie achtzig Kinder.

„Der General beklagte sich beim Direktor: Zuviele Babys! Sie nutzen uns aus! Sie müssen was dagegen unternehmen. Der Direktor antwortete beiläufig: Ich mische mich nicht in das Leben erwachsener Leute ein.“

So leben sie dort auf der Mesa, die Frauen, die sich abgewöhnt haben, Fragen zu stellen, aber nicht, sich Reime auf die Dinge zu machen. Jeder Tag glich dem nächsten. Bis zum Juli 1945, als die Männer ankündigen, sie brauchten Proviant, sie müssten für ein paar Tage fort. Manche sagen ihren Frauen, bleibt in der Nacht auf und schaut zum Himmel. Aber auch als sie danach nach Hause kommen, erzählen sie nichts. Erst im August versteht auch die Letzte, die bisher nichts kapiert hatte – oder nichts kapieren wollte – was die Aufgabe ihrer Männer war: Als sie die Nachrichten über Hiroshima hören und sehen.

„Wir jauchzten. Wir schauderten. Wir warteten. Die Japaner hatten nicht kapituliert.“

Erst nach dem Abwurf der zweiten Atombombe über Nagasaki erfahren sie aus Zeitungsartikeln Dinge über ihre Stadt Los Alamos, die sie selbst nicht wussten. Plötzlich fallen die Namen ihrer Männer, Oppenheimer, Bohr, Bradbury. Drei Jahre lang lebten sie dort zusammen und waren oder gaben sich ahnungslos und beginnen nun, sich zu schämen, gepaart mit Stolz und Ratlosigkeit.

„Wie konnte es sein, dass wir nichts gewusst hatten? Hätten wir nicht alles mitbekommen müssen? Rückblickend gab es vielleicht mehr Hinweise, als wir uns seinerzeit wahrzunehmen gestattet hatten.“

Später werden die Frauen von Los Alamos aufgefordert, „Gutes“ über die Sache zu verbreiten, gleichzeitig müssen sie sich den Vorwürfen ihrer Kinder stellen. Oder sich mit deren Stolz auf das „Manhattan Project“ ihrer Väter auseinander setzen. Auf jeden Fall ist für sie nichts mehr wie zuvor. Das bekannte Dilemma, was wussten wir, was wollten wir nicht wissen?

„Unsere Memoiren ließen vermuten, dass wir keine Ahnung hatten, woran unsere Männer arbeiteten, und man warf uns vor, wir hätten unsere Unwissenheit stark übertrieben. Aber wenn andere Ehefrauen etwas wussten, behielten sie es meistens für sich.“

Faszinierend ist, wie Nesbit die Entwicklung der Frauen beschreibt, die als bunte individuelle Mischung in die Wüste reist und dann zu einer einzigen „Wir“-Stimme verschmilzt, ein sprachliches Meisterwerk. Wüsste man nicht, um was es sich handelt, was ihre Männer dort tun, man würde es, genau wie die Frauen im Roman, nur sehr langsam begreifen. Wirklich ein beeindruckendes Erstlingswerk der Autorin, selbst in einer Zweigstelle des Manhattan Projects geboren, ein Buch mit nachhaltiger und horizonterweiternder Wirkung. Wieder konnte ich kaum aufhören, über das Thema nachzulesen, gemäß meinem Lieblingszitat von Jo Lendle:

„Ein Buch ist die Differenz zwischen meinem Leben vor der Lektüre und danach.“

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

TaraShea Nesbit
Was wir nicht wussten
Übers. von Barbara Schaden
Dumont-Verlag € 19,99
978-3-8321-9735-3